„Siegfried“ von Richard Wagner an der Bayerischen Staatsoper. Ein Junge und ein Mann stehen sich in einem Wohnzimmer mit Holzschwertern gegenüber und kämpfen.

Auf der Flucht

Richard Wagner: Siegfried

Theater:Bayerische Staatsoper, Premiere:29.10.2026Regie:Tobias KratzerMusikalische Leitung:Vladimir Jurowski

Regisseur Tobias Kratzer setzt seinen Ring mit „Siegfried“ von Richard Wagner an der Bayerischen Staatsoper in München fulminant fort.

Vielleicht kam Tobias Kratzer ja beim Blick in den Spiegel auf die Idee, Jung-Siegfried streckenweise doppelt, als 12-jährigen Jungen und als ausgewachsenen Tenor, ins Rennen zu Brünnhilde zu schicken. Er ist schließlich selbst so ein Zwei-Seelen-in-einer-Brust-Fall. Einmal ist er der in vieler Hinsicht geforderte regieführende Intendant in Hamburg. Aber eben auch der (Vertragstreue) aktuelle Ring-Schmied in München. In der Rolle hat er das Luxusproblem, sich selbst am Bayreuther „Tannhäuser“-Geniestreich messen zu lassen. Und mit diversen anderen Ringschmieden zu konkurrieren.

Mit „Siegfried“ folgt er seinem eingeschlagenen Münchner Ring-Parcours und entfesselt sein stets durchdachtes, mit Details und Witz spielendes, dem alten Sinn und der neuen Gegenwart nachspürendes Theater mit gewohnter Souveränität. Natürlich mit erkennbarem Blick zurück auf „Rheingold“ und „Walküre“. Mit dem Blick voraus, also aufs große Ende, dauert es noch etwas bis Ende Juni nächsten Jahres. Das jetzt im zweiten Aufzug vor abgeranzter allerwelts-urbaner Fassade von einem Penner hochgehaltene Pappschild, das auf Englisch das Ende der Welt ankündigt, mag da treffender sein, als die Verheißung auf der Rückseite, dass uns nur Wotan retten kann.

Jenseits der Moralnormen

Der effektvoll platzierte Cliffhanger nach dem grandiosen „leuchtende Liebe, lachender Tod!“-Finale ist diesmal kein Auftakt zu stürmischem Sex, sondern eine Abreise bzw. Flucht von Siegfried (sensationell: Benjamin Bruns!) und der vom ersten Ton an sofort packend präsenten Brünnhilde Simone Schneiders ins Ungewisse. Erst versuchen nämlich die in den nachgebauten Königssaal des Nationaltheaters, der in Rainer Sellmaiers Bühne wieder als Walkürenfelsen dient, stürmenden Walküren die beiden auseinanderzubringen, haben dann aber ein Einsehen. Vermutlich Waltraute händigt den beiden ihre Pässe aus und sie können gerade noch den Ort verlassen, bevor der zu allem entschlossene Alberich (von Georg Nigl grandios als Finsterling gezeichnet) mit seiner Schlägertruppe den Saal erreicht.

Dass Siegfried auf dem Weg vom Kind zum Mann schon zwei Tote auf seinem Konto hat, spielt in dieser Welt jenseits allgemeiner Moralnormen keine Rolle. Sehenden Auges (in dem Falle tatsächlich nur eines) macht dem aus einer ganz anderen archaischen Welt stammenden Wotan das selbstverschuldete Dahinschwinden seiner Macht nicht nur zu schaffen. Wenn er bei Erda Rat sucht, befragt er sie im Trainingssaal für seine Helden-Garde nicht einfach, sondern lässt sie brutal hierher entführen, verhört sie, ja foltert sie sogar.

Wiebke Lehmkuhl beharrt hier nicht nur mit betörend strömender Stimmkraft auf ihrer Würde. Ihr gelingt es auch überzeugend, die Fesseln zu lösen und das Waterboarding aus der Büchse durch Wotan wegzustecken. Den hat man so um sich schlagend noch nicht gesehen. Für diesen kraftvollen und verzweifelnden Wotan ist Nicholas Brownlee eine Idealbesetzung – zum menschlich zerrissenen Spiel die wahrhaft göttliche Stimme mit glasklarer Diktion. Schade, dass es das für ihn in München war. Als Wotan hat er sich jedenfalls ganz vorne etabliert!

Doppelter Siegfried

Mit seinem szenischen Zugriff folgt Kratzer (wieder) dem Weg vom Privaten ins Öffentliche und dann auch Selbstreferenzielle des Theaters. Erst die kleinteilig ausstaffierte Durchschnittswohnung von der man Wohnküche, Flur und Kinderzimmer sieht. Bei dem vokal bis an seine Grenze gehenden Matthias Klink ist Mime ein leicht überforderter und überfordernder alleinerziehender Vater. Bei ihm steckt Jung-Siegfried (der 12-jährige, spielfreudige Felix Fröbel) auch schon mal das Meerschweinchen in die Mikrowelle bis die explodiert. Da singt der phänomenal auftrumpfende und mühelos durchhaltende Bruns die Partie noch wie ein Einspringer von der Seite vom Bären.

Benjamin Bruns in „Siegfried“ an der Bayerischen Staatsoper.

Benjamin Bruns in „Siegfried“ an der Bayerischen Staatsoper. Foto: Monika Rittershaus

Wenn der Wanderer seinen Auftritt hat, gleicht das eher einem Überfall, den der Junge im Kinderzimmer verschläft. Wenn sich die beiden Siegfriede dann im Kinderzimmerzelt das echte Schwert Zusammenraspeln und … tja, was eigentlich? herbeizaubern, und Bruns dann die Rolle auch glaubwürdig heranwachsend spielend ganz übernimmt, erschließt sich auch der doppelte Siegfried. So wie bei der Begegnung mit Brünnhilde, wo das kindlich Unwissende, des jungen Mannes auch noch einmal als Kind auftaucht, das sich nach der Mutter sehnt.

Transparenz und Präzision

Vom allfälligen Video-Kratzer-Moment profitiert diesmal Fafner in einem Was-bisher-Geschah. Den Überdruss an den Insignien von Reichtum und Luxus spielt Timo Riihonen im Video ebenso überzeugend wie das Mordopfer, das vor die Tür des mehrstöckigen Hauses gelockt wird. Den vom Tölzer Knabensopran Leo Eisenreich gesungenen Waldvogel kriegt man nicht zusehen. Dafür ist ein Prachtexemplar von Grane leibhaftig dabei. Für das brave Ross hat Siegfried dann tatsächlich eine Möhre dabei! Nun ja.

Es gibt also, wie bei Kratzer üblich, viel zu sehen und zu überlegen. Auf der Bühne ist ein atemberaubendes Protagonistenensemble zu erleben! Vladimir Jurowski und das Bayerische Staatsorchester punkten im offenen Graben dabei nicht nur mit Transparenz und Präzision, sie müssen sich auch nicht zurückhalten, wenn sie es immer wieder auch mal richtig krachen lassen.