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Auf Distanz zum Geschlechterklischee

Yasmina Reza: Anne-Marie die Schönheit

SchauspielPremiere:  (DE)   Theater: Theater Freiburg
Regie: Peter Carp   Foto: Britt Schilling 
Von Bettina Schulte am 04.10.2021

Dass Männer auf der Bühne Frauen spielen, kommt im zeitgenössischen deutschsprachigen Theater kaum noch vor. Die politisch korrekte umgekehrte Konstellation erfreut sich indes großer Beliebtheit: Prominentestes Beispiel in jüngerer Zeit: Sandra Hüller als (grandioser) Hamlet in Johan Simons zum (digitalen) Theatertreffen 2020 eingeladener Bochumer Inszenierung. Die französische Dramatikerin Yasmina Reza hat quand meme verfügt, dass die weibliche Rolle in ihrem Monolog „Anne-Marie die Schönheit“ von einem Mann gespielt werden muss. Sie hat das Ende 2019 in Paris uraufgeführte Stück dem Schauspieler André Marcon zugeeignet. Auch für die Besetzung der deutschen Erstaufführung hatte Reza klare Vorstellungen: Robert Hunger-Bühler sollte es sein – und Hunger-Bühler, unter Barbara Frey Ensemblemitglied am Schauspiel Zürich, wünschte sich den Freiburger Intendanten Peter Carp als Regisseur.

Verwandlung oder nicht?

So kam es, dass das Freiburger Theater Schauplatz der Verwandlung des Schauspielers in eine Schauspielerin wurde. Von Verwandlung zu sprechen, ist allerdings fast zu viel. Was Hunger-Bühler unbedingt vermeiden wollte, war eine Travestie. Das ist ihm souverän gelungen. Zwar hängt eine blonde Perücke auf einem Ständer in der Theatergarderobe, die Teil der aus museal anmutenden Vitrinen bestehenden Bühne von Kasper Zwimpfer ist. Aber der Versuch, sie überzustülpen, endet nach wenigen Sekunden – wie auch ein elegantes Abendkleid nur vorgehalten wird wie eine Schürze. Hunger-Bühler bleibt auf Distanz zum Geschlechterklischee –sodass es bald keine Rolle mehr spielt, ob hier ein Mann oder eine Frau im (schlecht sitzenden) Kostüm zwischen den musealen Inseln über ihr Leben spricht.

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Eine nicht über Nebenrollen hinausgekommene Schauspielerin – ihr Name Anne-Marie Mille tut nicht viel zur Sache – hält  Rückschau: auf ihre Kindheit im Kohleort Saint-Sourd-en Ger, wo mit ihrer Begeisterung für die dortige Theatertruppe („Sie waren groß und blass. Anmutig die Füße setzend, wandelten sie über den Boden dahin“) alles anfing. Auf die Begegnung mit der nur zwei Jahre älteren, aber zehnmal berühmteren Kollegin Giselle Fayolle, einer lässigen Diva:  ein lebenslang fast unterwürfig bewundertes Spiegelbild.  Auf ihr Leben, das im vorgerückten Alter ein sehr einsames geworden ist. Zum einzigen Sohn hat sie kein gutes Verhältnis, die Kollegen sind weggestorben, auch ihr Mann, ein nicht näher in Betracht kommender Ordnungsmensch, zuletzt  die geliebte Giselle.

Melancholische Suada

Es ist eine banale Durchschnittsexistenz, die hier in fast zwei Stunden aufgeblättert wird, Robert Hunger-Bühler schleppt sich in Pantoffeln von einem Stuhl zum anderen, klappt hier eine Schranktür auf, nimmt dort eine Fotografie in die Hand, quetscht sich durch eine einsam im Raum stehende Tür. Natürlich vermag ein Schauspieler von seinem Format auch dort zu fesseln, wo Belangloses wie die Beduinen-Party bei Docteur Olbrecht verhandelt wird, wo über die Haare von Brigitte Bardot und verunglückte Frisuren sinniert wird oder über den Hosenrock gelästert, den Giselless Tochter schrecklicherweise bei der Beerdigung ihrer Mutter („sie hasste Hosenröcke“) getragen hat. Und doch fragt man sich gelegentlich, was Yasmina Rezas geheimes Motiv für diese melancholische Suada gewesen sein mag, für diese bittere Bilanz eines glanzlosen Lebens, diese gnadenlose Sicht auf Alter und Vergänglichkeit, aus der nur manchmal ihr Sinn für Komik herausblitzt. Peter Carp hat dieses Kammerspiel mit äußerster Dezenz inszeniert, er überlässt dem Star das Feld – und auch beim tobenden Applaus tritt das dreiköpfige Inszenierungsteam bescheiden zur Seite.  

 

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