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Auch ein Held braucht eine Ruhepause

Karin Eppler: Herakles hat frei

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Landestheater Württemberg-Hohenzollern
Regie: Karin Eppler   Foto: Martin Sigmund 
Von Manfred Jahnke am 20.01.2017

Am Jungen LTT gibt es eine lange Tradition des Erzähtheaters. Stoffe der Weltliteratur wie Stücke, die sich mit den Erfahrungen und Leiden heutiger junger Menschen auseinander setzen, werden geschickt in eine Form gebracht, die epische Grundsituation und die dialogischen Strukturen des Dramatischen auszubalancieren versucht. Karin Eppler ist Teil dieser Tübinger Tradition, die immer virtuoser ihr Handwerk beherrscht. Zwangsläufig bringt dieses Genre mit sich, dass die Strukturen der Annäherung an eine „große Erzählung“ sich ähneln, zumal wenn es sich um solche handelt, die jungen Menschen ab 7 vermittelt werden sollen. Deren Grundsituation muss einfach  (nicht simpel!) und die Geschichte klar (und bei Eppler immer humorvoll) strukturiert sein, denn das junge Publikum muss ja erst mit diesen Geschichten vertraut gemacht werden. Karin Eppler bringt darüber hinaus eine wunderbare Qualität mit, sie entwickelt ihre Geschichten zusammen mit ihren Darstellern, um so erstaunlicher, dass sich ihre Texte immer wieder als nachspielbar erweisen.

Nun also die Sagen um Herakles, der, wie der Beginn deutlich zeigt, von seinem Heldendasein angewidert ist und sich deshalb „frei“ nimmt. Er fläzt sich auf einem Jute-Sitzsack, der wiederum auf einem Säulenfuß liegt. Im Hintergrund ist auf drei Wänden, die drehbar sind, eine griechische Tempelruine zu sehen (Bühnenbild: ebenfalls Karin Eppler), dazu erklingen Sirtakiklänge. Diese Andeutungen genügen, um Ort und Atmosphäre zu begründen. Andreas Laufer als Herakles  trägt ein Lederwams  (Kostüm: Conni Lelic) und hat lange Haare, ganz heldisch.  Verblüffend ist jedoch, dass so ein Held eine Ruhepause braucht. Als er das Publikum sieht, macht er es sofort zu seinem Kumpel. Und beginnt seine Heldentaten zu erzählen, wobei Eppler auf die Geschichte der Verfolgung konzentriert: Hera kann Zeus nicht verzeihen, dass er nicht nur (wieder einmal) einen Fehltritt gemacht hat, sondern dass er mit Alkmene  auch noch den Herakles gezeugt hat. Sie verfolgt ungebeugt das Ziel, Herakles zu töten. Daraus erspielt sich Laufer anrührend die Geschichte des unschuldigen Kindes, das aber durch seine Kraft alle Anschläge abwenden kann. Am Ende dann, wenn er seine Geschichten erzählt hat, nur das zehnte Abenteuer wird ausgespart, das könne man nachlesen, ertönt der herrische Ton des Zeus auf Griechisch, Herakles muss wieder an die Arbeit.

Erstaunlich, wie es Karin Eppler gelingt, den Spieler Andreas Laufer und Helden-Imago humorvoll konfligieren zu lassen und dabei Pathos und Persiflage in Schwebe zu halten. Mit wenigen Gesten macht Laufer die einzelnen Figuren seiner Erzählung plastisch, für Zeus reicht eine tiefere Stimmlage, für Hera eine typische Handgeste, die Hand an der Wange, für Alkmene eine andere Geste eine etwas höhere Stimme, usw. Es bringt einfach Spaß zuzuschauen, dem „Wie“ der Umsetzung zu verfolgen. Und zuzuschauen, wie diese Heldengeschichte mit Erfahrungen der jungen Menschen von heute mit Eltern und Schule zusammengebracht werden, wie hier die hohe Kunst beherrscht wird, zwischen Komik und Mitleid mit diesem Helden, der sich so nach Ruhe sehnt, changiert wird. Bitte um Fortsetzung der Tübinger Tradition.

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