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Arg dicke

Eugène Ionesco: Die Nashörner

Premiere: Theater: Ernst Deutsch Theater
Regie: Wolf-Dietrich Sprenger   Foto: Screenshot von der Homepage des Theaters 
Von Jens Fischer am 12.10.2012

Entstaubt die Spielplangestaltung, hinfort mit langjährigen Erwartungshaltungen, grell ausgeleuchtet ist die Samt illusionierende, dunkelrote Gemütlichkeit des Traditionshauses: Das Ernst Deutsch Theater probt den „Aufbruch“ (Spielzeitmotto). Mit dabei sind TV-bekannte Schauspieler wie Armin Dillenberger und Konstantin Graudus, im Mittelpunkt aber stehen Klänge: Schon deutlich Unheil androhend ertönt das erste dahingetrommelte Getrippel. Es wächst peu à peu zu perkussiver Wirbelei, schwillt zum Trommelgewitter an und endet als gestampfter Marsch, begleitet von einem martialischen Gesang. Erst einer, dann zwei, dann alle. Aus Idealismus, Opportunismus, Gedankenfaulheit, Gruppenzwang lässt sich die Bühnengesellschaft von der Rhinozeritis anstecken. Die in ihren Anzugshäuten schon potenziell als Dickhäuter kenntlichen Figuren werden zu dumpfen Panzerwesen konformiert, die an die rohe Kraft ihrer Massenbewegung glauben: Massenpsychose. Seuche des Kollektivismus.

Die Vernashornung in Ionescos klassischer, in Deutschland kaum noch gespielter Parabel wider alle Ismen ganz auf die akustische Ebene zu verlagern, funktioniert anfangs hervorragend. Keine krampfhaften Verwandlungen der Darsteller, keine Tiermasken und -kostüme. Nur der Sog des Rhythmus, bei dem jeder mitmuss. Je größer die (unsichtbare) Perkussionsgruppe, je lauter die Musik wird, desto kleinlauter und schlicht weniger werden kritische Gegenstimmen zum Herdentrieb. Ein einleuchtende szenische Umsetzung zum epidemischen Ausbreiten eines Fanatismus und seiner entindividualisierenden Folgen. So sind Deutsche zu Nazis geworden, könnte man hineinlesen, aber auch die ansteckende Gleichmacherei unserer Konsumgesellschaft erkennen oder die nihilistische Globalisierung. Aber dann stehen die Marschierer live auf der Bühne, ganz in Schwarz kostümiert, lassen den rechten Arm immer wieder zum (verfremdeten) Hitlergruß erigieren, legen Wert darauf, „national“ zu sein, bejubeln alles, was „deutsch“ ist, auch ein blondes Mädel. Aus dem Radio hämmern Worte in Hitler-Diktion. Und an ein edel designtes Halbrund aus transparenten Paravents hat Bühnenbildner Achim Römer zudem nicht nur das Hakenkreuz gemalt, auch „Ausländer raus“, „Freiheit der arischen Rasse“, „Deutschland den Deutschen“, „Kanakenpack“, „Fuck of“, „Türkenvotze“, „Deutsche wehrt euch“, „Arbeit macht frei“ steht dort – und NSH (statt NSU). Das ist dann wirklich etwa arg dicke anti-rechtsradikal. Die Graffitiwand an sich funktioniert prächtig. Sie steht immer zwischen den Menschen und den Nashörnern, so wie Ideologien und ihre parolenhaften PR-Sprüche die selbst denkenden Individuen und die Phrasen reproduzierenden Mitläufern trennen. Gegen diese wehrt sich Behringer (Graudus). Er hat dabei den Vorteil, als Trinker eh schon gesellschaftlich randständig, für das Propagandagetrommel nicht so anfällig zu sein. Gegen das Rechthaben setzt er auf Zweifeln und Räsonieren, beharrt auf Werte, Moral, Philosophie, Geist, das Humane – und flüchtet in den Widerstand der inneren Emigration. Bevor er aber existenzialistisch in seiner Einsamkeit versinkt, wird Behringer als letzter seiner Art in der allerletzten Minute der Aufführung: erschossen. Was laut Spielplanheft Mut machen soll, „sich totalitärer Vereinnahmung entgegen zu stellen“. Der Schoß ist fruchtbar wieder …. und so weiter, das Phänomen Masse und Macht: Muss all das deutschem Theaterpublikum noch so erklärt werden?

Regisseur Wolf-Dietrich Sprenger, der am Tag der Premiere seinen 70. Geburtstag feierte, pumpt jedenfalls sehr gekonnt mehr Ernst in die Angelegenheit als üblich. Kein Ionesco aus dem Geist der Farce ist zu erleben, sondern eine nüchterne, sachlich ernste, sauber gefugte Inszenierung, optisch reduziert auf die Farben, Schwarz, Weiß, Rot und sehr präzise in der Personenführung. Konzentration auf Text und Situation. Aber mit anspielungslustigen Abschweifungen: Der „Logiker“ und seine Stickwortgeberin kommen wie ein Beckett’sches „Endspiel“-Duo daher. Auch Stummfilmkomik-Nummern fehlen nicht. Aber all das wirkt verloren, wie aufgepfropft. Ein weiterer Aufbruch aus der einstigen Ernst-Deutsch-Theater-Plüschigkeit ist trotzdem deutlich zu erkennen, ein Ziel formuliert diese Inszenierung aber noch nicht.

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