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Animalische Unschuld

Nach Franzobel: Das Floß der Medusa

Premiere:  (UA)   Theater: Theater Münster
Regie: Stefan Otteni   Foto: Oliver Berg   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Hans-Christoph Zimmermann am 11.05.2019

Die Katastrophe kündigt sich mit der Stille an. Dicht gedrängt steht das Menschenknäuel auf dem Floß. Erstarrt wie beim Blick auf das Medusenhaupt beobachtet es, wie die Leinen gekappt werden. Es sind die Leinen, die nicht nur Rettung bedeutet hätten, sondern die Nabelschnur zur Zivilisation. Dann folgte eine kleine Szene, die den späteren ethischen Bruch vorwegnimmt. Die aufs Floß verbannte Gouverneursgattin Reine Schmaltz (Sandra Schreiber) beklagt laut zeternd, dass sie nicht ohne ihre unzähligen Kleider, Schuhe und Accessoires reisen könne. Was erst nach feudaler Hybris klingt und als komische Nummer inszeniert ist, erinnert an die Berichte von Holocaust-Überlebenden, welch wichtige Rolle selbst einfachste Verrichtungen wie das Zähneputzen oder das Sich-Ankleiden für das Überleben im Lager bedeutet hätten. Zivilisation ist durchaus mehr als eine Frage der Ethik, das zeigt Stefan Otteni am Theater Münster mit seiner Inszenierung nach Franzobels Roman „Das Floß der Medusa“.


Moralische Selbstgerechtigkeit ist allerdings ein angeborener Defekt des Menschen. Zivilisiertheit hin, Fortschritt her, zur Moderne gehört bis heute verlässlich ein regelmäßiger ethischer Supergau: Das „Unbehagen in der Kultur“ zum Mitmachen. Der Holocaust steht dafür genauso wie das berühmte „Floß der Medusa“. Bei dem Versuch, die ursprüngliche französische Kolonie im Senegal 1816 wieder in Besitz zu nehmen, setzte ein unfähiger Kapitän die Fregatte „Medusa“ auf eine Sandbank. Da es zu wenig Rettungsboote gab, wurden 150 Menschen auf ein eilig zusammengezimmertes Floß mit viel zu wenig Proviant verfrachtet und, weil sie nicht an Land geschleppt werden konnten, sich selbst überlassen. Nach 13 Tagen Irrfahrt waren 15 Überlebende übrig, darunter der Schiffsarzt Savigny und der Geograph Corréard, die von systematischen Morden als Ballastabwurf und von Kannibalismus berichteten. Die ethische Kernschmelze wurde schnell ästhetisiert, von Theodore Géricaults berühmtem Gemälde bis zu Franzobels 2017 erschienenem Roman, der weniger historische Darstellung als vielstimmige barocke Allegorie zivilisatorischen Versagens ist. Dieses Versagen beginnt allerdings bereits bei dem Geschehen auf der „Medusa“, das fast zwei Drittel des Werks einnimmt, für die sich Stefan Otteni allerdings kaum interessiert. Mit dem Rückschwenk in die Chronologie werfen sich die Darsteller in einen historisierenden Habit (Kostüme: Ayşe Gülsüm Özel). Carola von Seckendorff stolziert als Kapitän blasiert umher, furzt ausgiebig auf einem Badewannenrand, während Offiziere vor einer Sandbank warnen. Ein lächerliches Käpt’ns Dinner wird genauso angedeutet wie ein Meuterungsversuch. Das war’s, anschließend schwenkt die Inszenierung zum nicht Darstellbaren, wie selbst die Darsteller später zugeben.

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Ottenis Dramaturgie für das ethische Chaos entfaltet sich wie ein streng gebautes Raster auf der flach terrassierten Stufenbühne von Peter Scior, die das Geschehen nah an den Zuschauer rückt. Mit dramatischer Komik und viel Wassergeplansche wird der missglückte Selbstmordversuch des Gouverneurssekretärs Griffon (Christoph Rinke) gezeigt; schmalzig tändelt die Gouverneurstochter (Andrea Spicher) im Mondschein mit dem Offizier Renaud (Frank-Peter Dettmann); ein Sturm entkleidet die Schauspieler bis zu völliger Nacktheit, am Ende verlieren sie sich in Hungervisionen. Strukturiert werden diese emotionalen und mentalen Tiefbohrungen von den mehrfach wiederkehrenden Visionen eines rettenden Schiffs und drei heftigen Massenschlägereien.


Im Zentrum des Abends steht wie bei Franzobel der Arzt Savigny (Christian Bo Salle), der zwischen moralischer Empörung und wissenschaftlichem Interesse schwankt. Er legt das einem Toten entnommene Schlabber-Hirn in Formaldehyd ein, amputiert das Bein eines Verletzten per Beil und erkennt früh im Setting des Floßes den idealen Laborversuch. Zugleich aber bekämpft er mit Vehemenz nicht nur den feigen Zynismus Corréards (Ilja Hajes), sondern vor allem den eisig-intellektuellen, ganz in schwarz gekleideten Griffon, der mit theologischer Verve Mord und Kannibalismus rechtfertigt. Die entscheidende Debatte birgt allerdings auch eine gewisse Komik, weil Otteni die Darsteller in paradiesischer Nacktheit das Für und Wider der zivilisatorischen Grenzüberschreitung diskutieren lässt. Animalische Unschuld oder Ecce Homo am moralischen Rubikon, an dessen jenseitigem Ufer das Überleben winkt? Am Schluss stehen Hungervisionen und Schlaf, während man SOS-Rufe Schiffbrüchiger hört.


Am Ende will Otteni dann doch zu viel: Historische Vergegenwärtigung, ethischer Diskurs, medizinische Bestandsaufnahme, Komik, Tragik, Rührung – wirklich nah tritt einem die Inszenierung nicht. Und die wiederkehrenden Verweise auf Europa, Demokratie, Flüchtlinge, Moral und Kultur sind nicht nur wohlfeil, sie machen vor allem skeptisch. Nicht erst auf dem Mittelmeer, schon in Lügde oder bei jedem toten Kind in der Kühltruhe beginnt der Zivilisationsbruch. Wer das nicht erkennt, dem ist mit dem „Floß der Medusa“ auch nicht zu helfen.

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