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Am Ende aller Tage

William Pellier: Wir waren

Premiere: Theater: Deutsches Theater Göttingen
Regie: Antje Thoms   Foto: Isabel Winarsch 
Von Andreas Berger am 24.01.2014

Endstation Pflegestation. Wie ein Menetekel steht es über den Lebensentwürfen der Wohlstandsbürger, egal ob sie die Generation Aufbau sind, die sich selbst ein bescheidenes Vermögen erarbeitet haben, oder ob sie zu den lebensprallen Nachfolgern in der Spaßgesellschaft gehören, die die Genussschraube bis zum Erlebnisstress hochdrehen.

William Pellier zeigt uns in seinem als francophones Gegenwartsstück ausgezeichneten Text „Wir waren“ ein altes Paar jener Aufbaugeneration. Sie und Er, noch eben zufrieden in ihrem Einfamilienheim, das sie selbst bestellen. Noch engagiert für den Zusammenhalt in ihrem kleinbürgerlichen Viertel, das es gegen die als Bedrohung empfundene Neubausiedlung zu verteidigen gilt, wo ihre Werte nichts mehr gelten: ein soziales Randgebiet mit hohem Ausländeranteil, Dreck und Kriminalität.

Pellier hat das ziemlich nüchtern aufgeschrieben als Selbstausschüttung der beiden Alten. Es ist keine literarische Überformung spürbar. Empfindungen, Meinungen, Klischees zum Thema einst und heute, wie sie jeder schon gehört hat, reihen sich. Doch den Schauspielern im Studio des Deutschen Theaters Göttingen gelingt es, durch Haltung und Mienenspiel den Blick weg vom gesellschaftlichen Lamento und hin auf die existentielle Leere, Angst und Verlorenheit der beiden zu lenken. Gerade im ersten Teil, der noch dialogische Passagen hat und auch die Planungen eines gemeinsamen Selbstmords thematisiert. Wenn Gaby Dey mit lächelnden Kommentaren und manch verschmitztem Blick die Aussagen des Ehemanns mitfühlend relativiert, hat das einen Hauch von Wladimir und Estragon. Sie fand den sportlich gebliebenen gleichaltrigen Freund eben durchaus nett und versteht, warum ihr Mann, der nicht mehr so gut zu Fuß ist, ihn als windig schmälert.

Zum Glück hat Regisseurin Antje Thoms der Versuchung widerstanden, die Aussagen der beiden kinderlosen Alten zu denunzieren. Wenn Er über die aggressiven Balgereien der Kinder in der Feriensiedlung schimpft: „alles potentielle Sadisten“. Wenn beide feststellen: „Was den Zauber des Ortes ausmachte, ist weg“, sind das aus Sicht des Paares Wahrheiten, die sich klar aus ihrer Situation und den daraus wachsenden Ängsten ergeben. Und ohrenbetäubender Punkrock zum Umbau bestätigt diese Empfindung.

Im zweiten Teil aber wird das Pflegeheim Wirklichkeit. Sie ist nun stumm und depressiv. Gaby Dey spielt auch das mit großer Suggestion. Wie sie die Arme apathisch hebt, wenn der Pfleger sie umzieht, sich mit stierem Blick kämmt und dann am Kamm herumkaut, das geht unter die Haut.

Paul Wenning erzählt nun allein. Trifft gut das Kurzatmige, Resignative: „Unser Leben war nicht interessant.“ Aber er müsste stärker modulieren, vielleicht auch mal richtig losschimpfen, so wird dieser Teil doch etwas monoton. Das entspricht womöglich der Durchschnittlichkeit, die das Paar vorstellen soll. Aber Pelliers Text ist auch gar zu schlicht und spannungslos. Dank der Schauspieler wird immerhin die unausweichliche Einsamkeit am Ende aller Tage spürbar.

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