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Alle lieben Clivia

Nico Dostal: Clivia

Premiere: Theater: Komische Oper Berlin
Regie: Stefan Huber  Musikalische Leitung: Kai Tietje   Foto: Iko Freese/drama-berlin.de 
Von Joachim Lange am 10.03.2014

Barrie Kosky traut sich was. Der Intendant der Komischen Oper in Berlin holt ohne jede Betroffenheitsattitüde Musterexemplare der sogenannten Berliner Operette der Zwanziger und Dreißiger Jahre aus der Versenkung und lässt sie mit durchschlagendem Erfolg funkeln. Beim „Ball im Savoy“ von Paul Abraham hat er das als Regisseur mit ausgeprägter Liebe zur Revue selbst gemacht. Diesmal, im Falle der Ende 1933 uraufgeführten, musikalisch verblüffend vitalen „Clivia“ von Nico Dostal (1895-1981) hat er als Regisseur den Musicalspezialisten Stefan Huber vorgeschickt und als Clou die Geschwister Pfister aus der „Bar jeder Vernunft“ auf die Bretter der Opernbühne in der Behrenstraße gelockt.

Was in Berlin die halbe Miete ist. Alle drei kriegen auch prompt ihren Auftrittsapplaus: allen voran Ursli, alias Christoph Marti, als der augenzwinkernd blond frisierte und von Heike Seidler allemal in schicke Roben gesteckte Filmstar Clivia Grey, der/die mit rauchig einschmeichelnder Stimme aus dem Stand auf eine Zarah-Leander-Parodie („Wunderbar wie nie ein Wunder war“) umschalten könnte. Aber Tobias Bonn, der mit Clark-Gable-Charme und -Bärtchen den Gaucho Juan Damigo hinschmachtet und sich nach ein paar Handlungs-Hakenschlägen als Senior Presidente herausstellt. Schließlich Fräulein Schneider, die als Sergant die boliguayische Amazonentruppe anführt, die immer dann aufmarschiert, und noch mehr die Beine als die Waffen durch die Luft wirbelt, wenn es brenzlich wird am Grenz-Schlagbaum in das Land mit dem berühmten Paramount-Felsen auf der Kulisse im Hintergrund. Die ganze Story ist im Grunde ein Schmarrn. Doch das langt allemal für ein szenisches und musikalisches Nummern-Feuerwerk, an dem man seine helle Freude hat.

E.W. Potterton ist ein in Nadelstreifen steckender amerikanischer Finanzmann aus Chicago mit Filmambitionen, wie er im Buche steht. Stefan Kurt, der schon in der Dreigroschenoper am Berliner Ensemble mit seiner schräg stilisierten Komik überraschte, verbreitet zum angenehmen Zigarrenduft im Saal auch noch alles, was so an Klischees vom großkotzigen Was-kostet-die-Welt-Gehabe der Yankees bis heute unverwüstlich ist. Um in Boliguay zu filmen, fingiert er die Hochzeit seiner Diva („Man spricht heut nur noch von Clivia“) mit einen boliguyanischen Gaucho. Der verliebt sich tatsächlich in die aufgeschwatzte Braut. Aber auch umgekehrt funkt es („Ich bin verliebt“). Für Verwicklungen im zweiten Teil des Abends sorgt der (natürlich auffliegende) Putschversuch, den Potterton von Anfang an im Schilde führt.

Auf dem Weg zum großen Finale (Präsident heiratet Filmstar aus Liebe!) tauchen außerdem der ehrgeizige Reporter der Chicago Times Down (Peter Renz mit Georg-Thomalla-Sprechtempo) und das Berliner Erfinder-Original Gustav Kasulke (Christoph Späth) auf, dem zwar ein sinnloses Patent, aber auch das mitreißende „Man muss mal ab und zu verreisen“ zu verdanken ist.

In der Komischen Oper gehören immer der famose Chor und das Dutzend Tänzer zum Gesamtkunstwerk. Und auch die sind grandios. Nachdem es schon zum Auftakt eine kinoreife, perfekt choreographierte Massen-Klopperei in der Filmkulisse gegeben hatte, gibt es dann eine Verwandlung auf offener Szene, die das Orchester in Big-Band Formation auf die Drehbühne zaubert und eine Revuetreppe vom Feinsten für Clivia! Über allem öffnen sich dann auch noch, wie von Zauberhand, riesige, glitzernde Clivia-Blüten. Unter deren Funkeln sorgt Dirigent Kai Tietje für das entsprechende musikalische Dauerfeuerwerk des Orchesters der Komischen Oper.

Es ist ein hinreißender Abend, weil sie alle immer mit einer Handbreit ironischer Distanz über dem Boden der Tataschen (sprich der Entstehungszeit) schweben, diverse Assoziationen dem Zuschauer überlassen und ohne jeden didaktischen Ehrgeiz auf die emotionale Sprengkraft von Dostals Musik vertrauen.

Nach Sergej Prokofjews düsterem „Feurigem Engel“ ist das der rechte Kontrapunkt. Wie schön, dass Barrie Kosky weiß, dass Oper in Berlin auch auf dem Umweg über die Operette funktioniert!

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