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Ägypterkönigin mit Berliner Schnauze

Oscar Straus: Die Perlen der Cleopatra

Premiere: Theater: Komische Oper Berlin
Regie: Barrie Kosky  Musikalische Leitung: Adam Benzwi   Foto: Iro Freese/drama-berlin.de 
Von Joachim Lange am 04.12.2016

Genau das gehört zum Erfolgsgeheimnis der Marke Barrie Kosky: Der Intendant, der sich als Regisseur der Operette in die Arme wirft. Mit einem Star wie Dagmar Manzel im Zentrum. Ohne jeden Verdacht auf Ausgrabungspedanterie. Dafür mit hemmungslos zelebrierter Lust an der Lust. So, dass es das Publikum begeistert. Und man ein Gefühl dafür bekommt, wie das gewesen sein muss, als Fritzi Massary und Richard Tauber in den Zwanzigerjahren den Ton angaben. So lange bis die großen Misstöne alles wegfegten. Das geht schon los, wenn die von Victoria Behr voll den Liz-Taylor-Cleo-Stil parodierenden Choristen im Saal unter herabregnenden (auch parodierten) Blütenblättern, das Nahen der Königin preisen. Rufus Didwisszus ist da sparsamer. Er hat schwarz-weiss gemusterte von Vaserely inspirierte verschiebbare Wände und natürlich ein riesiges Staatsbett auf die Bühne gesetzt. 

Der australische Wahlberliner Kosky, kann halt nicht nur todernst (siehe zuletzt sein „Macbeth“ in Zürich). Er hat ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Geschichte der Komischen Oper samt ihrer Vorgänger entwickelt. Und er hat daraus längst eine Programmlinie gemacht, die er beharrlich verfolgt. Aber nicht mit deutschem Bierernst. Sondern eher in französischer Champagnerlaune, mit einer Dosis jüdischem Witz, frech und frivol und ohne sich von überkandidelter politischer Korrektheit ausbremsen zu lassen. Er tut nicht so, als wäre Operette verkappte, deutungsbedürftige Oper light. Er bedient vielmehr das Genre. Weil er es kann.

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Er machte als Regisseur an seinem Haus schon den „Ball im Savoy“ von Paul Abraham und Oscar Straus’ „Eine Frau, die weiss was sie will“ zum Erfolg. Jetzt lässt er dessen „Perlen der Cleopatra“ über die Bühne kullern. Tatsächlich lösen die sich in dem, nun ja, dürftigen Plot von Julius Brammer und Alfred Grünwald auf. Wenn die berühmteste Pharaonin der letzten paar tausend Jahre, diese Liebespillen ihren anvisierten Liebhabern in den Rotwein fallen lässt, um die dann selbst flach zu legen. Und bei Bedarf so  schön bzw. in unnachahmlicher Dagmar-Manzel-Manier zu singen: „Immer einsam und allein,/ immer Königin zu sein, / keinen Menschen, dem ich trau, / schließlich ist man doch auch Frau“…

Nachvollziehbar ist das beim Römer Silvius. Der stürmt in ihr Schlafzimmer, um sie vor den Putschplänen ihres Bruders Ptolemäus zu warnen. Und bleibt als Liebessklave gleich dort. Dominik Köninger macht das mit Schmelz, ironisch ausgestellter Geste und in knappem Römer-Outfit unter der Blond-Perücke fabelhaft. Auch der vom allgegenwärtigen Minister für fast Alles Pampylos (Dominique Horwitz in komödiantischer Hochform!) favorisierte königliche Liebes- und Bündnispartner Beladonis kriegt am Ende eine von den Perlen. Johannes Dunz bleibt der Schönling in barocker Verhüllung. Für den Dritten und fürs Finale auftauchenden im Bunde, Marcus Antonius - wer sonst? - ist dann zwar kein Rotwein mehr da, sondern nur noch Berliner Bier. Aber Peter Renz tritt eh nicht zu Cleos Männer-Castingshow an. Er torkelt auf den offen stehenden Mumien-Sarkophag zu, in dem am Ende die beiden ziemlich berlinernden verschwinden. Keine schlechte Art, um den verläpperten Schluss der Operette zu umgehen. Und auch noch den Kalauer mit dem Degen („Anton, steck den Degen ein“) augenzwinkernd passend zu machen. 

So sehr die Handlung - sprich Nummernrevuefolge - auch quietscht und klemmt - sie läuft in Berlin wie geschmiert. Weil Kosky alles mit instinktivem Timing, ohne auch nur eine Lücke zu lassen, beschleunigt. Und weil Adam Benzwi mit Schmackes und die scheinbar wie zu ihrem eigenen Vergnügen spielenden Musiker im Graben jeden Hit als solchen servieren und immer gleich den Beifall abkassieren. Vor allem aber, weil Dagmar Manzel mit ihrem Als-Ob-Divencharme, imponierenden Register- und Stimmungswechseln sich selbst und ihre dazu erfundene Handpuppenkatze Ingeborg ohne jede Peinlichkeit von der Leine lässt  und mit Berliner Schnauze noch jeden Kalauer zu einem Treffer veredelt. Weil Dominque Horwitz genau die richtige Balance aus Schauspieler- und Sängerei findet. Als eigentliche Geliebte des Silvius Charmian fällt Talya Lieberman in der Enttäuschung auch mal ins Englische. Auch die selbstironisch schmalzenden Männer dieser Cleopatra fallen immer mal aus der Rolle. Zusammen mit dem mit viel Sexappeal und von Otto Pichler auf alle Lebens- und Liebeslagen getrimmte Ballett  Marke Augenweide liefern sie alle genau den richtigen Rahmen für diese uralte und doch so heutige Operettenkönigin abgeben. Für alle Manzel-, Kosky-, Revue- und Operettenfans sind die „Perlen der Cleopatra“ ein Muss. Und wen so viel nackte Haut und frivoler Witz geniert, der bleibt halt zu Hause. Selber Schuld. Ach so: der Saal tobte!

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