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Abziehbilder

Eric de Vroedt: The Nation I

Premiere:  (DSE)   Theater: Schauspiel Frankfurt
Regie: David Bösch   Foto: Thomas Aurin   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Michael Laages am 30.03.2019

Wer nur Abziehbilder hineinschreibt in einen Theatertext, muss sich nicht wundern, wenn die Figuren auf der Bühne dann auch genau so aussehen: wie Karikaturen, wie Pappkameraden; mächtig aktiv, aber letztlich völlig hohl und leer. Das ist das zentrale Problem eines Projektes, das eindrucksvoll und vielversprechend angekündigt worden ist vom Frankfurter Schauspiel – gleich in zwei abendfüllenden Teilen setzt der niederländische Autor Eric de Vroedt an zu einer Art Bericht zur Lage der Nation; der erste Teil von „The Nation“ hatte schon Premiere, der zweite folgt am Abend darauf. Und die Inszenierung von David Bösch ist so angelegt, dass das Publikum sich tatsächlich dafür entscheiden sollte, immer gleich zwei aufeinanderfolgende Abende im Theater zu verbringen.

Dieser Bericht entsteht also sozusagen in der Halbzeitpause.

An der Oberfläche erzählt de Vroedt einen Kriminalfall. Ein elfjähriger Junge mit migrantischem Hintergrund verschwindet von der Bildfläche, nachdem ihn ein offenkundig völlig überforderter und von reichlich rassistischem Denken durchseuchter Polizist festgenommen hat, als er einen Stein ins Fenster eines Lokals geworfen hatte, in dem demnächst eine Bar eröffnet werden soll, in der muslimische Frauen alkoholische Getränke zu sich nehmen dürfen. Schnell wird klar: De Vroedt will eine Menge Sprengstoff zünden.

Denn der Koran verbietet ja nicht nur Frauen Alkohol, ihnen aber besonders. Die Polizei wiederum verlässt sich in diesem Problemviertel seit langem auf eine Art Hilfs- und Ordnungstruppe, die aus (angeblich) „aufgeklärten“, dem Gastland treu ergebenen Muslimen besteht. Was ein Irrtum zu sein scheint – denn der Bruder des Jungen, der dieser Gruppe nicht nur angehört, sondern ihr besonders erfolgreich assimiliertes Gesicht zu sein scheint, könnte den Elfjährigen zum Steinwurf angestiftet haben – im Namen Allahs. Die „Familie“ der beiden Brüder möbelt de Vroedt besonders spektakulär auf, damit es auch richtig vertrackt zugeht: Der Ältere hat eine bosnische Mutter, der Jüngere eine aus Mali, die Krankenschwester war am Sterbebett der ersten Frau des Vaters, eines bosnischen „Freiheitskämpfers“, der die Familie offenbar nicht gut behandelte. Die Pflegeeltern wiederum sind einflussreiche Gutmenschen, die Mutter behauptet gar öffentlich, zur Muslima konvertiert zu sein – was den Gatten überrascht. Er ist Berater der Bürgermeisterin und Schulfreund eines linksliberalen Politikers, der schwul ist, den Geliebten als Berater beschäftigt und am Ende des ersten Teils in Verdacht steht, den verschwundenen Jungen missbraucht zu haben.

Darf‘s noch ein bisschen mehr Boulevard-Verstrickung sein? Keine Sorge, de Vroedt lässt nichts aus: Eine unerhört RTL-mäßige TV-Moderatorin begleitet den Fall in einer Talkshow (dem Tiefstpunkt des Abends, neben einigen Polizei-Profilen); ein rechtspopulistischer Politiker nutzt den Fall für die eigenen Zwecke aus. Ein Blogger im Internet, „Der Wolf“ genannt, verbreitet Videos, die geheim bleiben sollten, und rappt Widerstand. Und über allem schwebt der bedrohliche Plan eines Immobilien-Magnaten, „Safe City“ zu bauen, eine Art Hochsicherheits-Wohnviertel, ähnlich den „Condominiums“ mit Zäunen drum herum und bewaffneten Wächtern am Tor, wie es sie etwa in Brasilien und den USA längst gibt. Das Modell dieser monströsen Wohnmaschine ist schon in der Tiefe des Bühnenraums zu sehen, wenn der sich fleißig dreht in Teil 1, kommt aber noch nicht zum Einsatz.

Schon wer all diese Handlungsstränge im Griff behalten will, bekommt beträchtliche Schwierigkeiten. David Bösch hat damit alle Hände voll zu tun. Zum Scheitern bringt ihn aber vor allem der (siehe oben) in jedem denkbaren Klischee versumpfende, von Abziehbild zu Abziehbild hechelnde Text; er versetzt dem Projekt schon nach der ersten von zwei Runden den K.o.: mit idiotischen Polizisten, überkandidelten Gutmenschen, verlogener Politik und medialen Schranzen mit Intelligenzquotienten und Schamschwellen weit unter Null. Wer sich viel Mühe gibt, kann in der Mutter aus Mali (gespielt von Dela Dabulamanzi) und dem bis dato noch nicht wirklich durchschaubaren älteren Bruder des verschwundenen Jungen (Samuel Simon spielt ihn) Figuren entdecken, von denen aus sich echtes Drama entwickeln könnte – aber diese Momente sind chancenlos gegenüber all den Sprech- und Aktionshülsen, unter denen die Aufführung in (fast) jeder Minute von neuem zusammenbricht.

Der Text, so heißt es, sei von de Vroedts Ensemble am Nationaltheater, dem „Nationale Toneel“ im Schauspielhaus von Den Haag, gemeinsam er-improvisiert worden. Das ist gut vorstellbar. Aber wie aktuell ist das? Kämpft das Land nicht seit zehn und mehr Jahren um den Zusammenhalt der „Nation“ gegen Brandstifter wie Geert Wilders? Obendrein suggeriert die Frankfurter Aufführung reichlich deutschen Effekt – das ist ein bisschen abstrus. Völlig unerträglich aber ist es, wenn Stadt- und Staatstheater hierzulande diese Impro-Methode von den Ensembles einfach so nachspielen lassen. Das muss schief gehen – und geht in Frankfurt schief, schiefer geht’s nicht. Ein bisschen Hoffnung bleibt auf den zweiten Teil – aber nicht viel.

Anm. d. Red.: Michael Laages besuchte auch den Anschlussteil „The Nation II“ am folgenden Abend und fügt an:

Tatsächlich wird nichts wirklich besser, konsistenter und kompakter am zweiten Abend von „The Nation“; die Dramaturgie bleibt fahrig und schlägt weiterhin unablässig Haken durchs wilde Kuddelmuddel. Zunächst steht der Politiker im Zentrum, der „Safe City“ verhindern will, das komplett durchdigitalisierte Hochsicherheits-Wohnviertel – der Mann ist schwul und links und wurde schon des Besitzes von Kinderpornos bezichtigt; jetzt, da er auch im Verdacht steht, unangemessene Verbindungen zum verschwundenen Kind gepflegt zu haben, lässt die Partei ihn fallen. Im Showdown mit dem bigotten „Safe City“-Planer wird immerhin kenntlich, worum es in „The Nation“ wirklich gehen könnte: um den Streit zwischen radikal egoistischen und liberalen, freiheitlichen Visionen für die Zukunft. Doch da ist das Kind ja schon im Brunnen, genauer: es ist tot, in einem dunklen Kellergang der Baustelle von „Safe City“ quasi einbetoniert; und verantwortlich sind im Grunde beide Visionäre. Da bringt der Politiker das Immobilien-Monster um: auch eine Lösung. Noch einmal begegnet das Publikum auch fast allen Mitgliedern der komplizierten Familiengeschichte, ohne nennenswerten Zugewinn; und als Geist erscheint bei der Beerdigung sogar das tote Kind persönlich dem halbwegs fundamentalistischen Muslim-Bruder.

Fazit: „The Nation“ verrennt sich zwei Abende lang in der mittelprächtigen Theaterkopie eines ziemlich lausigen Fernsehkrimis. Und genau so durchschnittlich kämpft sich das Ensemble durchs Unterholz; David Böschs Inszenierung bleibt viel zu beschäftigt mit den Oberflächen, als dass sie sich um irgendeine Tiefe kümmern könnte. Den Vogel aber schießt die PR-Strategie des Frankfurter Schauspiels ab – sie raunt ja von innovativer Serienspannung, wie bei Netflix jetzt auch im Theater. Nichts davon ist zu sehen, nur eine Geschichte mit fünf Akten plus Video-Sequenzen, überraschend wirr entwickelt und unterkomplex realisiert. Dafür müssten nicht mal zwei Abende reserviert werden – klug verdichtet und an einem Abend gespielt, wäre „The Nation“ immer noch nicht gelungen, aber allemal kürzer als ein Abend von Frank Castorf.

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