Krisentagebuch 9: Die Frage der Systemrelevanz

Von Behzad Borhani am 13.04.2020 • Bild: privat
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Behzad Borhani ist am Theater Gießen Koordinator für Sonderveranstaltungen und für die Öffentlichkeitsarbeit. Im Mailaustausch mit unserer Redaktion formulierte er folgende Gedanken zur gegenwärtigen Situation der Theater:

 

Ich frage mich immer mehr, ob diese Krise in den nächsten Jahren nicht auch deutliche Spuren hinterlassen wird, unter anderem messbar an der Zahl und (sozialer) Herkunft von Studienbewerber*innen an Schauspiel-,Kunst- und Musikhochschulen. Denn die Künstler*innen, Musiker*innen und Darsteller*innen, kurzum alle, deren „Geschäft“ von der realen Begegnung lebt, vom gleichzeitigen Anwesend-Sein im physischen Raum, stehen größtenteils vor einem Scherbenhaufen ihrer Existenz. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese kollektive Erfahrung viele davon abhält, sich einen dieser (Handwerks-)berufe in Zukunft auszuwählen.

Die Politik hat meines Erachtens ebenfalls einen großen Beitrag dazu geleistet. Die Einteilung in systemrelevante- und nicht-systemrelevante Berufe wohnt die normative Kraft des Faktischen inne. Und diese Aussage geht weit über die Kunstsparte hinaus. Dieses, das Vertrauen der gesamten Exekutive auf die wissenschaftliche Einschätzung von zwei – wenn auch herausragenden- Viro-, bzw. Epidemologen, die massive – und von über 90 Prozent der Bevölkerung hingenommene – Einschränkung von Grundrechten machen aber gerade die Künstler*innen gerade systemrelevant.

Wir leben eine Dystopie, die vor einem Jahr auf der Bühne von Kritikern sehr wahrscheinlich sogar als „unwahrscheinlich“ abgestempelt worden wäre. Die Kunst muss sich jetzt mit den gesellschaftlichen Prozessen auseinander setzen und sich nicht damit zufrieden geben, dass „es gerade einfach wichtigeres als die Kunst gibt“. Sonst gräbt sie sich ihr eigenes Grab und wird „nicht-systemrelevant“. Und wer will dann noch einen Handwerksberuf erlernen, der nicht-systemrelevant ist, und obendrein noch familienunfreundlich und schlecht bezahlt? Nur noch Idealisten und Nostalgiker, die es sich (finanziell) leisten können.