Krisentagebuch 6: Homeofficeneurosen

Von Detlef Brandenburg am 03.04.2020 • Bild: Detlef Brandenburg
Das Bild zeigt: Mein Arbeitsplatz

In die Welt nach dem Corona-Ausbruch bin ich auf andere Weise hineingestolpert als meine Kollegen in der Redaktion. Ich war für drei Wochen komplett raus aus dem Betrieb gewesen. Und als ich wiederkam, war die Welt eine andere. Schon das „Wiederkommen“ stimmt nicht ganz, denn die Redaktion habe ich bislang nicht wieder betreten. Ein Theater auch nicht. Und das will bei mir etwas heißen. Ich liebe Theater. Und ich liebe die Menschen, die Theater machen. Ich brauche das. Und ich bin überzeugt, dass wir alle es brauchen. Aber darüber später.

Nach so einem Drei-Wochen-Break im privaten Off nimmt man die Unterschiede greller wahr. Das erste, was mir auffiel: teilnahmsvolle Mails auf meinen Redaktions-Postfächern. Ein Regisseur, den ich professionell schätze, privat aber kaum kenne, fragt, wie es mir geht? Wie wir in der Redaktion zurechtkommen? Einfach so. Ohne mir seine nächste Premiere ans Herz zu legen. Wie auch? Gibt ja gerade keine Premieren. Ein Komponist, den ich letztes Jahr beim Titelshooting kennenlernte, erkundigt sich, wie es mir und meiner Familie geht. Er lädt mich zu einem Octopus-Burger am Hamburger Hafen ein. Wenn wir da wieder hindürfen. Mein Eindruck: Die Menschen sind achtsamer füreinander geworden. Und wir wollen es auch sein. Also erstmal ein Rundschreiben an unsere freien Mitarbeiter, die fast alle in Sorge um ihre materielle Existenz sind: Wie kommen sie zurecht? Sind sie gesund? Wir denken uns neue Formate aus; Artikel über Theater, wenn kein Theater stattfindet. So können sie trotz Shutdown ein bisschen Geld verdienen.

Tatjanas Arbeitsplatz

Tatjanas Arbeitsplatz mit Kater

Arbeiten im Homeoffice: Ich bin allein at home, kein Takeaway weit und breit, der Pizzaservice hat keine Pizza mehr. Zu viele Bestellungen, zu wenig Mehl. Kochen, Haushalt, Einkäufe: alles meins. Jedes Mal, wenn ich im Laden bin, ist das Klopapier alle. Ich frage die Verkäuferin meines Vertrauens: Hamsterkäufe! Klar: die Menschen haben Angst. Ich auch, Homeoffice fördert Neurosen. Aber wovor haben die Klopapier-Hamster Angst? Liebe Hamster, macht euch locker, ich versichere euch: Ein hygienisch vertretbares Leben ohne Klopapier ist umständlich, aber möglich. Die Franzosen, schreibt mir eine Kollegin aus Frankreich, hamstern Wein. Kunststück: Die haben ja auch alle Bidets!

Neue Formate: Wir bauen die nächsten Ausgaben komplett um, die Homepage teilweise. Wir wollen Künstler und Theatermacher zu Wort kommen lassen. Erklären ihnen, was wir vorhaben. Texte über Theater, das nicht stattfindet, mussten sie bislang noch nie schreiben. Sie freuen sich trotzdem, sind offen, zugewandt. Eine Sopranistin schickt mir einen Take von ihrem selbstbegleiteten Solostudium am Klavier, ich erzähle vom Klopapier. Schon zwei Tage später schickt sie mir per Mail einen wunderbaren Text fürs nächste Heft.

Die Opernregisseurin Tatjana Gürbaca ist unsere Titelkünstlerin im Mai. Das Titelshooting haben wir gerade noch hinbekommen, das Thema ihres Textes haben wir lange vor Corona vereinbart. „Machen Frauen das Theater anders?“ – Ist das jetzt noch wichtig? Wir finden: Ja! Ihre „Rusalka“-Premiere an der Covent-Garden-Oper in London ist geplatzt, jetzt macht auch sie in Berlin Homeoffice. Studiert Partituren von Opern, die sie gern mal inszenieren würde. Sofern die Katzen ihr genug Platz auf dem Schreibtisch lassen. Ich bekomme ein Bild von ihrem Arbeitsplatz, mit Katze. Sie eines von meinem, ohne Katze. Leider!

Ich schreibe das Editorial fürs Maiheft. Mir sind seltsame Töne in den Medien auf den Magen geschlagen. Auch eine Corona-induzierte Klimaverschiebung. Der Virologe Christian Drosten hat gesagt, jetzt müsse „der politische Journalismus“ doch mal ein bisschen zurückgefahren werden und den „wissenschaftlichen Journalismus“ vortreten lassen. Fand ich erstmal nur ein bisschen irritierend. Klingt ja auch immer so erklär-freundlich, wenn er von grobtropfigem und mitteltropfigem Aerosol spricht oder so, da geht so eine Äußerung glatt mit durch. Als aber ein Kommentator in meiner Hauszeitung gegen die öffentliche Diskussion über die Einschränkung von Grundrechten wegen Corona plädiert, wird mir mulmig. Der Bürger, steht da, müsse zur Räson gebracht werden. Aha? Ruhe ist wieder die erste Bürgerpflicht? Puh! Corona hat uns die Wiedergeburt des autoritären Staates beschert. Und plötzlich finden sogar Journalisten Gefallen an staatlichen Durchgriffen.

Mein Geschenkpaket

Mein Geschenkpaket

Es klingelt es an der Haustür: Die Post ist da, ein Päckchen. Absender: die Sopranistin mit dem schönen Text. Und was schickt sie mir? Klopapier! Ganz ehrlich: Ich freu mich wie ein Schneekönig! Einfach weil das eine so liebe und dabei auch noch humorvolle Geste ist.

Aber die Sorgen bleiben. Die NRW-CDU hat ein Epidemie-Gesetz vorgelegt, das noch mehr Grundrechte aushebelt. Die Opposition hält dagegen, die Medien berichten kritisch – der politische Journalismus ist noch nicht „zurückgefahren“, Gott sei Dank! Sorgen aber auch, wie es mit dem Theater weitergeht, wenn Corona sich ausgetobt hat. Wenn dann die befürchtete Rezession kommt. Nicht nur ich, diese Gesellschaft braucht das Theater. Als Einübung in Empathie, in gelebte Gemeinsamkeit. Als Kitt, der Zusammenhalt zwischen den Milieus stiftet. Und als Experimentierfeld der Phantasie, wo Utopien und Dystopien auf die Probe gestellt werden können, ohne dass es gleich ernst wird: spielerisch, lustvoll. Auch Theater ist systemrelevant. Es ist Teil des politischen Diskurses!

Wochenende, das heißt:. Home ohne Office. Ausflüge sind nicht, hat der Minsterpräsident gesagt.In meiner Hauszeitung plädiert der Philosoph Martin Booms lesenswert dafür, dass die Einschränkung der Grundrechte durch einen multiperspektivischen Werte-Diskurs flankiert werden müsse. Die Zeit, in der sich die Zahl der Infektionen in Deutschland verdoppelt, liegt jetzt bei 11 Tagen. Anfangs lag sie bei drei. Die Kurve der Neuinfizierungen sei auf eine „Plateauphase“ eingebogen, meldet das Robert-Koch-Institut. Ein Hoffnungsschimmer im Homeoffice? Darf ich bald wieder in die Redaktion? Und irgendwann auch ins Theater?