Meldung: Krisentagebuch 40 - Corona-Tinnitus beim Zimmertheater Tübingen

Von Dieter und Peer Mia Ripberger am 18.01.2022 • Bild: Dieter Ripberger
Das Bild zeigt: Omikron-Isolation am Zimmerthester Tübingen

Die Spatzen pfiffen es von den Dächern: 2022! Impfkampagne! Booster! Geringe Pathogenität von Omikron! Frohes Neues!

Die Hoffnung auf Besserung ließ uns zum Jahreswechsel die Ohren klingeln – selbstverständlich als bewusster Selbstbetrug. Wie sonst hätten wir mit den schlechten Omen, die bei uns im Theater durch alle Ritzen pfiffen, umgehen sollen?

Erst: Die Rolle rückwärts der VBG (Anm.d.Red.: Verwaltungs-Berufsgenossenschaft) im Dezember: Was haben wir uns geärgert über die Verkomplizierung des Proben- und Aufführungsbetriebs durch erforderliche Pooltests!

Als nächstes: Das Ausfallen unseres Silvesterprogramms. Dass es keine große Sause geben würde mit Tanzen auf der Bühne und großem Feuerwerk, mit dem die bösen Geister vertrieben würden, war ohnehin klar. Nicht umsonst haben wir damit geworben, dass man nur im Theater legal mehr als zehn Personen treffen könne. Und dann das: Unser etwas größenwahnsinniges, aber wie Publikum und Presse nach der Premiere bestätigten, sehr gelungenes Wagner-Musiktheater konnte zwischen den Jahren plötzlich nicht mehr stattfinden. Der Sänger war erkrankt. Zum Glück nicht Corona, aber wenn die Stimme weg ist, ist sie weg. Zwar konnten wir ein wunderbares Klavierkonzert improvisieren, und doch – der Jahresausklang klang ganz anders als geplant. Wir hätten es also wissen können, dass da was auf uns zu kommt…

Der Klang der Quarantäne

Als im neuen Jahr der Probenbetrieb nach der Weihnachtspause wieder aufgenommen werden soll, rauscht mit den PCR-Test-Ergebnissen direkt die nächste Hiobsbotschaft ins Haus: vier positive Fälle in der Belegschaft. Drei davon gesichert Omikron. Vermutlich alles separate Primärfälle. In der Folge müssen 80 Prozent der Belegschaft in Quarantäne. In einem Team von 25 Menschen, die den gesamten Betrieb stemmen, sind eben oft alle zur selben Zeit am selben Ort oder begegnen sich im Laufe eines Tages.

Die vielbeschworene Wand steht plötzlich mitten im Theater und versperrt im wahrsten Sinne den Zugang zu bestimmten Bereichen: Ein paar Kolleg:innen, vor allem Gastkünstler:innen, müssen in den oberen Etagen des Theaters in Quarantäne bzw. Isolation. Das Theater verstummt, sämtliche Vorstellungen werden abgesagt. In den nun leeren Fluren ist nur noch das Rauschen der Reinraumluftfilter zu hören. Lediglich vier Kolleg:innen sind nicht betroffen. Sie versorgen den Rest des Theaters solidarisch mit Einkäufen für die heimische Quarantäne.

Ein sofort eingeführter, täglicher 12-Uhr-Termin zum Zoomen hilft allen, mit der Unsicherheit umzugehen, einigermaßen zumindest. Schweißattacken, Schüttelfrost, es wird besser, noch ist alles gut. Wir bleiben in Quarantäne, trotz MPK-Beschlüssen und trotz Booster – weil das Land die Verordnung erst veröffentlichen muss. „Ich bin in einer Quarantäne, die es laut Beschluss eigentlich nicht mehr gibt.“ Die Gefühle fahren Achterbahn.

Da kräht ja kein Hahn…

Unterschwellig brodelt es: Was, wenn das wieder passiert? Wenn sich in den kommenden Wochen wie von der WHO prognostiziert wirklich 50 Prozent der Bevölkerung anstecken werden? Können wir dann einen regelmäßigen Spielplan aufrechterhalten? Oder sinnvolle Probenprozesse? Wir beschließen, ein Stimmungsbild zu erfragen: Liebe Kolleg:innen, bitte denkt doch bis morgen einmal darüber nach, ob das… Ja, was eigentlich?

Wir sind eine sehr kritische Infrastruktur. Kaum eine Institution kritisiert und reflektiert so viel, wie die Institutionen des Kulturbetriebs, ganz vorn dabei das Theater. Wir sind sehr davon überzeugt, einen wertvollen und unverzichtbaren Beitrag zur gesellschaftlichen Selbstvergewisserung und -befragung zu leisten. Wir glauben an die transformatorische Kraft der ästhetischen Erfahrung. Wir sind Trainingsraum der Demokratie, Fitnesstrainer mentaler Gesundheit.

Dass die Hygienemaßnahmen im Haus wirken, UV-C Luftfilter, Schnell- und PCR-Tests, FFP2-Masken und Abstände sinnvolle Sachen sind, wird sich 14 Tage später gezeigt haben: Es gab keine weiteren Infektionen nach den Feiertagen, sicher auch dank buchstabengetreuer, jederzeitiger und disziplinierter Einhaltung von Hygienekonzept und Corona-Hausregel.

Auch für das Publikum bestand bei den Vorstellungen rund um den Jahreswechsel keine Gefahr; das Gesundheitsamt entschließt sich lediglich zu einer „Information“ über Luca – nicht zu einer „Warnung“. Gottseidank! Der Imageschaden… nicht auszumalen.

Stell’ dir vor es ist Theater, und keiner geht hin.

Die Häuser sind ja überall voll, klar, aber seit 2Gplus, plusminus, 50 Prozent Kapazität, 25 Prozent Kapazität, kein Abo, Noshows, katastrophaler Freiverkauf, Maske, FFP2, die-Kinos-ja-auch, keine Rumsprache, Absagen und Programmumstellungen, Nachfragemangel, Bierrepublik, es ist einfach zu kompliziert geworden.

Der Präsident: „Die Klebekraft der Couch.“ Der andere Präsident: „Reduzieren wir unsere Kontakte!“ Die gewesene Kanzlerin: „Wir brauchen drastischere Maßnahmen.“ Der Kanzler: „Schönen Dank für Ihre Frage.“ Der Gesundheitsminister, mahnend: „Noch reichen die Maßnahmen aus, aber…“. Der Drosten: „Omikron hat breite Reifen.“ Der Palmer: „Jetzt hilft nur noch beten.“ Der Papst: „Macht Kinder, nicht Katzen.“

Wer kann angesichts der Corona-Nachrichten-Kakophonie noch von sich behaupten, einen klaren Kopf zu behalten? Wer sieht einen Ausweg aus dem moralischen Dilemma von Theaterschaffenden in diesen Zeiten? Kernangebot: unerwünschte Sozialkontakte. Doch wer sich nun hilfeschauend umblickt:

Die Politik wird die Theater nicht schließen. Dagegen wurde seit März 2020 aus voller Kehle angeschrien, zuletzt als Appell der Kulturminister:innen an die MPK, die ihr das Mantra vom Offenhalten mitgaben. Man wird sich die Finger nicht erneut verbrennen. Es gibt auch keine Veranlassung. Das Problem – es löst sich ganz von selbst. Oder besser: Es ist jetzt allein unseres. Man kann sich manch sardonisches Grinsen hier und da ob der in sich zusammenstürzenden Hybris, Verblendung, Überschätzung gut vorstellen. Was jedenfalls klar ist: Es darf jetzt keinen einzigen larmoyanten Pieps des Jammerns geben.

Bedrückende Stille

Das Stimmungsbild unserer Kolleg:innen jedenfalls ist eindeutig: Nahezu einstimmig werden wir als Leitung beauftragt, ein längeres Aussetzen des Spielbetriebs in Erwägung zu ziehen.

Eine würdelose, erniedrigende Aufgabe, eine zersetzende Pflicht, eine schmerzhafte Selbstverletzung. Wenn auch eine rationale, sachliche Entscheidung – gegen uns selbst. Keine:r der Kolleg:innen hat sich die Beantwortung der Frage leicht gemacht, davon kann man ausgehen. Der Abwägungsprozess zeigt gnadenlos unsere Verletzlichkeit. Unsere kleine Struktur, der zu kleine Personalschlüssel: Sie kennen keine Vertretungsregelungen. Eine Person, die fehlt, bringt uns an den Rand der Handlungsunfähigkeit. Ein Ensemblemitglied, das ausfällt, macht uns spielunfähig. Weitere Programmumstellungen oder -ausfälle verschrecken das übriggebliebene Publikum vollends.

Wahrscheinlichkeiten? Realismus? Idealismus? Leuchtfeuer der Gesellschaft? Hoffnungsträger? Schutz, Schutz, Schutzbehauptung. Schadensminderungsbemühungen. Kurzarbeit. Ausfallhonorare. Projektsterben. Künstlerische Unsichtbarkeit. Kein Pieps des Jammerns erlaubt.

Die Rechtsträgerin sagt „ja klar“, das Land sagt „wir stehen hinter Ihnen“. Aber wer stellt sich vorne hin? Man kann nicht behaupten, wir wären nicht auf diese Situation vorbereitet gewesen. Wir halten uns einfach an das Motto, mit dem wir in die Spielzeit 2021/22 gestartet sind: „Entlastender Zynismus“. In der Vorausahnung, dass wir ihn ganz gut würden brauchen können. Zu Zwecken der Resilienz. Im Angesicht der Pandemie.

Eine Wand baut sich auf in Europa. Mann- oder hüfthoch? Ein Hügel? Die Wiederauferstehung an Ostern – wir glauben an sie. Zum dritten Mal.

Zweimal in dieser Pandemie standen wir recht prominent im Fokus der Aufmerksamkei: als Beispiel innovativer und tatkräftiger Krisenbewältigung. Im ersten Jahr der Pandemie mit einem technologisch raffinierten Audiowalk, der coronagerechten Sanierung einer neuen Spielstätte und der ersten Premiere im Ländle unter den Bedingungen der neuen Normalität. Und im zweiten Jahr mit unserem Programm während des Tübinger Modellversuchs im März 2021, der aus heiterem Himmel kam und mit nur 24 Stunden Vorlauf das Theater aus der Kurzarbeit defibrillierte. Zu dieser Zeit weilte die Theaterlandschaft deutschlandweit im kulturlosen Lockdown.

Und wir haben viel gelernt während dieser Pandemie. Hygienekonzepte schreiben, Sicherheitsstandards erhöhen, flexibel bleiben, innovativ. Wir haben gelernt Kurzarbeit zu beantragen und die Folgen der Kurzarbeit zu bewältigen. Wir haben uns neue Kommunikationsweisen angeeignet und die interne Kommunikation komplett umgekrempelt, ja, sie sogar erheblich verbessert. Und last but not least haben wir gelernt, ab welchem Punkt ein Betrieb schlicht und ergreifend überfordert ist.

Januar 2022. Permanentes Dröhnen Im Kopf. Ein unauflösbarer Konflikt. Besser als ein geöffnetes Theater ist nur ein geschlossenes Theater? Schönen Dank für Ihre Frage.


Dieter Ripberger leitet gemeinsam mit seinem Mann Peer Mia Ripberger
seit der Spielzeit 2018/19 das Zimmertheater Tübingen.