Aus der Redaktion: Krisentagebuch 31 – Ein Türspalt für die Hoffnung

Von Detlef Brandenburg am 25.03.2021 • Bild: Moritz Haase
Das Bild zeigt: Der Weg ist das Ziel: Pilotprojekt mit Corona-getesteten Theaterbesuchern am BE in Berlin

Jetzt hat es mir tatsächlich eine Zeit lang die Sprache verschlagen. Was für einen Journalisten zwar kein idealer Dauerzustand ist, auf begrenzte Zeit aber auch mal ganz heilsam sein kann. Wie auch immer – jedenfalls wusste ich angesichts der durchschlagenden Konzeptlosigkeit jener Coronapolitik, die sich da alle paar Wochen in den Beschlüssen einer Minder Potenten Kanzleramtsrunde (MPK) entäußert, einfach nicht mehr, was ich noch schreiben sollte. Ich hatte ja alles schon geschrieben: dass das monatelange Ausbleiben einer durchgreifenden Teststrategie eine fahrlässige Schlamperei ist und die Missachtung des besonderen Status der Kultur in den Beschlüssen der MPK ein Skandal; dass die Kultur immer wieder symbolisch für Lockdowns von völlig vorhersehbarer Wirkungslosigkeit den Kopf hinhalten muss, und, und und… Und nach dem hilflosen Hin und Her am vergangenen Montag und Dienstag müsste ja auch dem Allerletzten klar geworden sein, was für einen Hühnerhaufen diese MPK da gerade abgibt. Das muss man ja niemandem mehr erklären.

Also habe ich mir heute nochmal in Ruhe den Text des am Montag beschlossenen Lockdowns angeschaut (und nur um das Osterei mit dem Fünf-Tage-Ruhe-Kracher einen großen Bogen gemacht). Im Wesentlich führt der Beschluss ja den Lockdown vom 3. März fort, das heißt: Er ist immer noch so halbherzig, dass er gegen die „britische Mutante“ relativ wirkungslos sein wird. Das wissen wir schon lange von den Virologen und den Modellierern, wir wissen es aus England und aus Frankreich. Nur die MPK will es offenbar nicht wissen. Vor dem Hintergrund dieser absehbaren Ineffektivität wirkt die De-facto-Schließung der Kultureinrichtungen mehr denn je wie eine Alibi-Maßnahme. Vor drei Wochen mochte man die Hoffnung auf sinkende Inzidenzwerte vielleicht noch simulieren. Jetzt aber läuft die Regelung (ich verkürze das jetzt ein bisschen), dass die Theater in Regionen mit einem Inzidenzwert unter 50 unter Hygieneauflagen und bei einem Wert von 50 bis 100 mit tagesaktuellem Selbsttest Präsenzvorstellungen anbieten dürfen, klar erkennbar auf eine De-Facto-Schließung hinaus. Denn diese Inzidenzwerte werden in den kommenden Tagen praktisch flächendeckend gerissen werden. Während ich dies schreibe, liegt der bundesweite Durchschnittswert laut Robert Koch bei 113,3 – Tendenz steigend, was sonst?!
 
Aber es gibt eine Passage, die zu lesen sich lohnt, denn sie öffnet einen Türspalt für die Hoffnung: Unter Ziffer 6 heißt es: „Im Rahmen von zeitlich befristeten Modellprojekten können die Länder in einigen ausgewählten Regionen, mit strengen Schutzmaßnahmen und einem Testkonzept einzelne Bereiche des öffentlichen Lebens öffnen, um die Umsetzbarkeit von Öffnungsschritten unter Nutzung eines konsequenten Testregimes zu untersuchen.“ Zentrale Bedingungen seien dabei „lückenlose negative Testergebnisse als Zugangskriterium, IT-gestützte Prozesse zur Kontaktverfolgung und ggf. auch zum Testnachweis, räumliche Abgrenzbarkeit auf der kommunalen Ebene, eine enge Rückkopplung an den Öffentlichen Gesundheitsdienst und klare Abbruchkriterien im Misserfolgsfalle.“

Wie vieles, was diese MPK vom Stapel lässt, werfen auch diese Formulierungen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Was bedeutet „zeitlich befristet“ genau? Wie soll denn die Rückbindung der Öffnung an eine „Untersuchung“ von „Öffnungsschritten“ konkret aussehen? Wie darf man sich die „räumliche Abgrenzbarkeit auf der kommunalen Ebene“ exakt vorstellen? Keine Ahnung. Klar aber ist: Modellprojekte, wie sie gerade in Berlin und Tübingen laufen, sind grundsätzlich möglich. Diese Möglichkeit sollten die Theater im Verein mit ihren Trägern massiv und intensiv nutzen. Sie sollten solche Projekte beantragen und im konkreten Handeln ausloten, was im Text bislang unklar ist – und ja: Sie sollten vor allem die Ergebnisse nicht nur mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst, sondern gleich auch mit dem öffentlichem Diskurs „rückkoppeln“. Denn dass der Beschluss ausdrücklich den Modellcharakter hervorhebt, bedeutet ja auch: Wenn es den Theatern gelingt, zu spielen, ohne zum Infektionsherd zu werden, dann wäre mit jedem dieser Modelle ein Paradigma für die kontrollierte Öffnung der Kultur unter dem Schirm von Tests und Hygienemanagement geschaffen. Damit wird es den MPK-Strategen immer schwerer werden, gegenüber solchen „Modellen“ ihren Kultur-Lockdown weiterhin zu begründen. Und dann haben wir in absehbarer Zeit vielleicht endlich das, was wir vermutlich noch lange brauchen werden: ein Konzept für einen Kulturbetrieb, der auch unter Pandemiebedingungen wieder leibhaftige Begegnungen mit künstlerischen Ereignissen zulässt.

Zu schön, um wahr zu sein? Wer weiß – es ist an der Zeit, das Gegenteil zu beweisen. Auf geht’s!