Neues aus der Redaktion: Krisentagebuch 21 – Von Südkorea lernen?

Von Heribert Germeshausen am 21.07.2020 • Bild: Koreanische Nationaloper
Das Bild zeigt: Der ganze große Opernapparat in vollem Einsatz! Szene aus Vincent Boussards „Manon“-Inszenierung an der Koreanischen Nationaloper

 

In Seoul wird (fast...) ohne Corona-Einschränkungen Oper gespielt! Wie geht das? Der Dormunder Opernintendant Heribert Germeshausen wollte es genau wissen und reiste um die halbe Welt zu einer „Manon“-Produktion an der Koreanischen Nationaloper in Seoul. Wir veröffentlichen hier sein Reisetagebuch.

 

14. April 2020

Die globale Opernwelt befindet sich im Lockdown. Der 7. April markiert zwar den Scheitelpunkt der Kurve in Deutschland, seitdem sinken die Fallzahlen kontinuierlich und stetig. Doch die Stadt Dortmund hat bereits am 24. März verfügt, dass – anders als im sonstigen NRW – bis nach Pfingsten, das heißt bis einschließlich 1. Juni, keine Vorstellungen stattfinden werden. Mein erster Entwurf eines Ersatzspielplanes für die ursprünglich erhoffte Wiederaufnahme des Spielbetriebes ab dem 20. April 2020 ist damit schon wieder Makulatur.

In dieser Situation erhalte ich einen Anruf von Anna Sohn. Seit Beginn meiner Intendanz 2018/19 ist sie Ensemblemitglied der Oper Dortmund. Sie hat hier bedeutende Erfolge als Liú und Cio-Cio-San gehabt und war als Elvire die Protagonistin in „La muette de Portici“, deren Geisterpremiere am 13. März die vorerst letzte Vorstellung im Dortmunder Opernhaus war. In Südkorea ist sie bereits eine sehr bekannte Sängerin und hat an der Koreanischen Nationaloper (KNO) unter anderem in Neuproduktionen als Juliette („Romeo et Juliette“, 2014), Violetta („La traviata“, 2015, 2017) und Manon („Manon“, 2018) gesungen. Zur Wiederaufnahme dieser letzteren Produktion am 25. Juni wollte Anna wieder nach Seoul fliegen, ihr Gastierurlaub war bereits genehmigt. Ob die Vorstellungen aber wirklich stattfinden, schien uns vor dem Hintergrund der Dortmunder Ereignisse ungewiss. Nun jedoch berichtet mir Anna, dass die „Manon“-Wideraufnahme in der Inszenierung von Vincent Boussard tatsächlich über die Bühne gehen wird. Allerdings muss sie wegen der erforderlichen Quarantänemaßnahmen bereits zwei Wochen früher als geplant nach Seoul aufbrechen. Meine Nachfrage an der KNO ergibt, dass es sich tatsächlich um eine ganz ‚normale‘ Inszenierung ohne Sicherheitsabstände von Choristen und Sängern handele, die regulär in den Verkauf gehen werde. Es wird sich allem Anschein nach weltweit um die erste „richtige“ Opernpremiere handeln, die Premiere einer Wiederaufnahme zwar, aber das spielt unter den gegebenen Umständen ja keine Rolle. Ich möchte dabei sein, um in der Praxis zu erfahren, wie die koreanischen Kollegen so etwas stemmen.

 

Anna Sohn als Manon Lescaut.
Die an der Oper Dortmund engagierte Sängerin Anna Sohn als Manon Lescaut an der Koreanischen Nationaloper. (Foto: KNO)

19. Mai 2020

Unter normalen Umständen benötigt man als EU-Bürger kein Visum für Südkorea. In Covid-19 Zeiten verhält es sich natürlich anders. Als Voraussetzung für ein Einreisevisum benötige ich eine Einladung, die mir einen beruflich bedingten Aufenthalt bestätigt, sowie eine gründliche Untersuchung auf Covid-Symptome, die nicht länger als 48 Stunden vor dem Besuch des Koreanischen Konsulates stattgefunden haben darf. Etwas aufgeregt betrete ich deswegen um 7:15 Uhr den Gesundheitscampus in Bochum. Die Kapazitäten sind langfristig ausgebucht. Der einzige freie Slot, den ich über das zuständige Gesundheitsamt in Dortmund erhalten konnte, war zur frühen Morgenstunde. Um auf jeden Fall pünktlich zu sein, hatte ich den Zug um 6:20 am Dortmunder Hauptbahnhof genommen. Meine zweite Zugfahrt seit dem Lockdown am 13. März. Der Zug ist pünktlich, sauber, die Maskenpflicht wird von allen Mitfahrern (sehr viele sind es nicht), eingehalten. Seit 2007 habe ich stets eine Bahncard 100. 2020 wird sie sich erstmals nicht gelohnt haben.

Man bestätigt mir, dass ich uneingeschränkt gesund bin. Dass ich bei meiner Ankunft eine 14-tägige Quarantäne in Seoul absolvieren muss, stellt mittlerweile auch kein Problem mehr für mich dar. Das Theater Dortmund hatte am 22. April den Vorstellungsbetrieb für die Spielzeit 19/20 komplett eingestellt. Die Sommerferien und damit die Spielzeitpause liegen 2020 kalendarisch sehr früh, für die Oper Dortmund wäre der 17. Juni auch unter normalen Umständen der letzte Vorstellungstag vor der Sommerpause gewesen.
 

20. Mai 2020

Im für mich zuständigen südkoreanischen Konsulat in Bonn herrscht eine merkwürdige Atmosphäre. Das Wartezimmer ist gähnend leer. In den rund 60 Minuten, die das Prozedere dauert, bin ich die ersten 45 Minuten der einzige Besucher. Nur die letzten 15 Minuten ist eine zweite Person da, ein Mann, der seine schwangere Frau in Korea besuchen möchte. Kurz vor meiner Ankunft in Bonn hatte ich erfahren, dass der ursprünglich vorgesehene Manon-Dirigent australischer Nationalität kein Visum erhalten hatte und die Kollegen in Seoul deshalb zwei Wochen vor Probenbeginn einen Einspringer finden mussten, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits zwingend in Südkorea aufhalten musste. Das trägt bei mir schon zu einer gewissen Anspannung bei – ein Selbstläufer ist der Antrag offenbar nicht.

Ich lege meine Einladung von der Koreanischen Nationaloper Seoul vor. Dass ich von den Erfahrungen der Kollegen Seoul lernen möchte, wie man als Opernintendant in Zeiten von Corona Opernvorstellungen durchführt, beeindruckt den Konsul sichtlich. Ich muss noch unterschreiben, dass ich bereit bin, die Kosten der 14-tägigen staatlichen Quarantäne bei meiner Ankunft in Korea zu bezahlen: Kostenpunkt 1.400.000 KWon. Das entspricht einem Tageskurs von 1.039 Euro. Und ich verpflichte mich zur Installation einer Corona-App auf meinem Handy, auf der ich einmal täglich meinen Gesundheitszustand inklusive aktuell gemessener Körpertemperatur angeben muss. Ferner übermittelt sie meinen aktuellen Aufenthaltsort. Ich unterschreibe beides. Damit kann ich gehen. Ich bin erleichtert.

Seouls kulturelle Herzkammer: Modell des Seoul Arts Centers mit Opernhaus links und Konzertsaal rechts.
Seouls kulturelle Herzkammer: Modell des Seoul Arts Centers mit Opernhaus links und Konzertsaal rechts. (Foto: Heribert Germeshausen)

21. Mai 2020

Wehmut. Heute hätte planmäßig als Erstaufführung die Premiere der 3. Fassung von Spontinis „Fernand Cortez oder Die Eroberung von Mexiko“ in französischer Sprache über die Bühne gehen sollen. Als Auftakt zum 1. Wagner Kosmos in einem Festival, das auch die Neuinszenierungen von Aubers „La muette de Portici“ und „Lohengrin“ umfassen sollte und ein interdisziplinäres Symposium dazu. Während die Kollegen in Korea bereits den Aufbruch wagen, müssen wir noch darum bangen, wie wir die nächste Spielzeit gestalten.
 

4. Juni

Email von Jihyun Min (Künstlerische Planung der KNO). Aufgrund steigender Fallzahlen – für deutsche Verhältnisse aber auf einem minimalen Niveau – besteht die Gefahr, dass die Vorstellungen ohne Publikum stattfinden müssen. Ob ich trotzdem kommen will? – Ich will, seit gestern habe ich ja mein Visum, der Flug ist nicht stornierbar. Eine Absage jetzt macht keinen Sinn. Außerdem besteht ja noch Hoffnung auf eine Vorstellung mit Publikum.
 

10. Juni 2020

Beinahe scheitert meine Abreise doch noch. Aus welchen Gründen auch immer gelingt es mir in Frankfurt am Flughafen lange nicht, die App herunterzuladen. Als mir beim Boarding der Mitarbeiter seelenruhig verkündigt, ich müsse wohl in Deutschland bleiben, wenn sich die App jetzt nicht endlich installieren lasse, bin ich verzweifelt. Schließlich klappt es dann doch. Als einer der letzten betrete ich das Flugzeug. Ich fliege mit Asiana. Anders als bei den Flügen der Lufthansa, die mit bis auf den letzten Platz besetzten Flugzeugen für Negativschlagzeilen sorgte, ist nur jeder zweite Platz besetzt. Bei diesem reduzierten Kontingent ist der Flug dem Augenschein nach allerdings komplett ausgebucht. Ich scheine der einzige Europäer zu sein.

Blick aus dem Hotelzimmer auf den Flugplatz.
Blick aus dem Hotelzimmer auf den Incheon International Airport. (Foto: Heribert Germeshausen)


11. Juni 2020

11:55 Ortszeit Seoul. Ich erreiche nach 10,5 Flugstunden Incheon International Airport, vor den Toren Seouls auf einer Halbinsel gelegen. Schlange stehen, Körpertemperatur messen, Kontrolle, ob die App eingeschaltet ist. Kontrolle des Visums und der weiteren Einreiseformulare. Um mehr vom Land mitzubekommen, habe ich mir eine Air-BnB-Zimmer genommen, statt ein Hotel zu buchen. Das verwirrt den mich kontrollierenden Grenzbeamten. Glücklicherweise geht meine Vermieterin relativ zeitnah an ihr Handy. Sie bestätigt, dass ich bei ihr ein Zimmer gemietet habe. Dies und der Umstand, dass sich meine App aufgehängt hat, führt dazu, dass ich den Anschluss an die anderen Reisenden verliere.

Ich komme als Einzelperson an der Passkontrolle an, insofern weiß ich nicht, ob alle Reisenden die Einzelbetreuung genießen, die mir ab jetzt zuteil wird. Ich muss nochmals in ein Büro, in dem alle meine Papiere durchgegangen werden; und ich unterschreibe erneut, dass ich den Betrag für die staatliche  Quarantäne entrichten werde.

Aufgrund der geopolitischen Spannungen, insbesondere mit Nordkorea, verfügt Südkorea in Relation zu seiner Gesamtbevölkerung von 51,64 Mio Einwohnern mit 640.000  Soldaten und 3,1 Millionen Reservisten über eine der weltweit größten Streitkräfte, die jetzt in das Corona Management eingebunden sind. Ich sehe deutlich mehr Soldaten als Passagiere. Zur Teststation werde ich individuell geleitet. Erneutes Temperaturmessen. Testen. Bis jetzt hat der Vorgang zwei Stunden gedauert. Der Bus, der die Passagiere in die staatliche Quarantäne bringt, fährt mir vor der Nase weg. Ich muss 20 Minuten warten.

Tatsächlich habe ich den Bus dann ganz für mich alleine. Nach fünf Minuten Fahrt im Schritttempo hält der Bus schon wieder vor dem Grand Hyatt Hotel Incheon. Sobald ich ausgestiegen bin, betritt eine Person im Ganzkörperschutzanzug den Bus mit einem Desinfektionsbehälter der Größe eines ausgewachsenen Feuerlöschers und desinfiziert das Fahrzeug gründlich. Ich muss warten, bis ich vom Eingang abgeholt werde.

Zimmer 961 im Grand Hyatt Hotel Incheon.
Zimmer 961 im Grand Hyatt Hotel Incheon: Ort der Isolation. (Foto: Heribert Germeshausen)

Das Hotel hat aufgehört, Hotel zu sein, es ist gänzlich in eine Quarantäne- Anstalt umfunktioniert worden. Ein ganz merkwürdiges Amalgam aus der verbliebenen Aura eines Fünf-Sterne-Hotels und einem Gefangenenlager. An drei Tischen sitzen jeweils zwei in Ganzkörperschutzanzüge gekleidete Menschen. An Tisch 1 wird nochmals die Temperatur gemessen und mir der Ablauf der Quarantäne erklärt, dazu erhalte ich ein Handout und ein Thermometer. An Tisch 2 zahle ich – um etwaigen Fragen vorzubeugen, ich zahle privat, ich rechne diese Reise nicht als Dienstreise ab. Und an Tisch 3 erhalte ich einen Stapel Mülltüten und meine Zimmerkarte. Ich bin in Zimmer 961 untergebracht.

Beladen breche ich zu meinem Zimmer auf. Während ich alleine durch die gefühlt endlos wirkenden Gänge des 9. Stocks laufe, komme ich mindestens zweimal an versiegelten und mit No Entry beklebten Zimmertüren vorbei – hier muss es aktuelle Fälle gegeben haben. Parallel erklingt die Durchsage über Lautsprecher, die unter Androhung der Ausweisung aus Südkorea verbietet, dass Zimmer eigenständig zu verlassen. Dafür hat das Hotel eine perfekte Lage, wie ich wenige Minuten später sehe. Von meinem Zimmer aus schaue ich direkt auf parkende Flugzeuge; das Hotel ist nur wenige hundert Meter vom Flughafen entfernt.
 

12. Juni bis 24. Juni

Letztlich hatte ich Glück, dass ich im Grand Hyatt untergebracht war. Ob es daran lag, dass ich als Nachzügler als letzter in die Teststation kam? Vincent Boussard wird mir später erzählen, dass er auf halbem Weg zwischen Incheon und Seoul in einem etwa 21 Quadratmeter großen Zimmer untergebracht wurde. Ich hatte mit 70 Quadratmetern ein großes Zimmer mit Doppelbett und tollem Bad. So ein Zimmer hätte ich gerne direkt am Strand gehabt, etwa in Busan. Das einzige, was ich angesichts des strahlenden Sonnenscheins vermisste, war die Möglichkeit, die Fenster zu öffnen. Aber das war natürlich gewollt.

Der Tagesablauf sieht folgendermaßen aus:

- Dreimal täglich wird Essen in einer zugeschnürten blauen oder braunen Plastiktüte vor der Tür abgelegt: zwischen 8 Uhr und 8:30 Uhr, 12 Uhr und 12:30 sowie 18 Uhr und 18:30. Man soll die Tür nur mit Mundschutz öffnen und zwar erst dann, wenn das Essen abgelegt wurde. Danach ist die Tür sofort wieder zu schließen. Hieran wird man mehrfach pro Tag erinnert, auf englisch, koreanisch, chinesisch, japanisch und russisch.

- Ebenfalls zwischen 18 Uhr und 18:30 Uhr wird die Köpertemperatur per „Pistole“ gemessen.

- Zwischen 18:30 und 19 Uhr ist der Müll vor die Tür zu stellen, er muss in einem Plastiksack verschnürt werden, der wiederum in einem weiteren Plastiksack verschnürt werden muss.  

- Morgens sind die Fragen der Gesundheitsapp nach möglichen Krankheitssymptomen zu beantworten und die Körpertemperatur zu messen.

- Im Zweistundenrhythmus gibt es in fünf Sprachen abwechselnd die Durchsage, dass es bei Strafe der Deportation verboten ist, das Zimmer eigenmächtig zu verlassen, dass die Tür erst zu öffnen ist, wenn es das Zeichen gegeben hat, dass das Essen abgelegt wurde, und dass darauf zu achten ist, dass die Tür danach auch wieder fest verschlossen ist.

Ferner wird daran erinnert, dass Alkohol und Rauchen strengstens verboten ist. Man kann sich zwar Pakete auf das Zimmer senden lassen, allerdings werden sie vorher geöffnet und auf Verbotenes (wie Alkohol und Zigaretten) überprüft, auch vorgekochtes Essen ist nicht erlaubt. Und man wird freundlich aber beharrlich daran erinnert, dass man einmal täglich die Fragen der App zu beantworten hat. Es wird außerdem darauf verwiesen, dass man mit den sechs Handtüchern und dem einem Bettzeug vierzehn Tage auskommen muss, aber die Gelegenheit hat, die Handtücher im Waschbecken zu waschen. Einzige Verbindung zu den Verantwortlichen ist das  Zimmertelefon, die Zentrale ist unter 161 erreichbar. Das Telefon funktioniert ausschließlich für diese eine Nummer.

Um 14:30 Ortszeit hatte ich eingecheckt. Genau einmal verspüre ich so etwas wie aufkommende Panik. Am zweiten Abend erhalte ich mit dem Abendessen das Ergebnis meiner Untersuchung vom Vortag am Flughafen. Auf koreanisch. Das einzige was ich lesen kann ist ‚65J‘ und ‚f‘. Ein koreanischer Freund, dem ich ein Foto des Bogens als WhatsApp schicke, bestätigt mir, dass es sich um das Testergebnis einer 65 Jahre alten Frau handelt, nicht um meines. Als ich das besagte Notfalltelefon wähle, um darauf aufmerksam zu machen, dass ich das Testergebnis einer anderen Person erhalten habe und diese möglicherweise meines, ist die Leitung tot. Besagter Freund macht das Management nicht nur auf die Verwechslung, sondern auch auf das nicht funktionierende Telefon aufmerksam.

Am 13. Juni kommt übrigens die traurige Bestätigung: Die „Manon“-Wiederaufnahme wird ohne Publikum stattfinden. Allerdings werden alle vier Vorstellungen audiovisuell aufgezeichnet.

Das Ziel all der Mühen: Heribert Germeshausen im Seoul Opera Hause.
Das Ziel all der Mühen: Heribert Germeshausen im Seoul Opera Hause. (Foto: Heribert Germeshausen)


24. Juni

Die Zeit ist wie im Flug vergangen. 13 Bücher hatte ich mitgenommen. Pro Tag eines, darunter die Autobiographien von Barbara Hendricks, Jessye Norman, Edita Gruberova, Ulrich Andreas Vogt sowie ein Buch über die Qumran-Texte. Die erste Woche hatte ich noch sehr viel für die Oper Dortmund gearbeitet, letztlich habe ich nur diese fünf Bücher gelesen.

Man hat nur zwei Optionen zum Auschecken. Entweder direkt um 0 Uhr am 15. Tag seit dem Einchecken oder um 7 Uhr. Um 7 Uhr wird ein Shuttle nach Seoul zur Verfügung gestellt, für die 0-Uhr-Variante muss man gegen Zurverfügungstellung der Kontaktdaten nachweisen, dass man abgeholt wird, was durch einen Anruf bei der abholenden Person am selben Tag überprüft wird. Schriftlich wird man darauf hingewiesen, dass man nicht vor dem Gebäude verweilen darf, sondern direkt abzureisen hat.

Ein letztes Mal Temperaturmessen am Abend. Es ist eines der wenigen Male, dass es kein stummes Messen ist, sondern der betreffende Mitarbeiter ein persönliches Wort an mich richtet, es sei heute ja das letzte Mal. Eine Stunde vor Beendigung der Quarantäne soll die Abnahme des Zimmers erfolgen. Ich werde sehr nervös, als der Zeiger der Uhr auf 23:30 rutscht und noch immer niemand vorbeigekommen ist. Bei dem allabendlichen Temperaturmessen und beim Blick durch den Spion in der Zimmertür, ob das Essen schon abgestellt wurde, konnte ich erkennen, dass alle Zimmer im direkten Umfeld ebenfalls belegt waren. Und beim Gang durch die Flure der 9. Etage gab es auch etliche Indizien für eine starke Belegung zumindest dieser Etage. Heute scheinen recht viele Menschen ihre Quarantäne zu beendigen.

Um 23:40 Uhr ist es endlich soweit. Ein junger, natürlich weitestgehend vermummter Mitarbeiter hakt in Windeseile ein Protokoll ab, fordert mich auf, alle nicht benutzten Getränkeflaschen in den Ausguss zu entleeren und instruiert mich, um 0:05 Uhr vor der Zimmertür zu sein und die Zimmertür offen zu lassen. Ich vermute, dass ich abgeholt werde.

Ich nehme ihn allerdings so beim Wort, dass ich die Tür erst um 0:05 Uhr öffne, obwohl ich merke, dass mehrere Menschen um 0:03 Uhr an meinem Zimmer vorbeigehen. Als um 0:10 Uhr immer noch niemand vorbeigekommen ist, gehe ich auf eigene Faust los. Wieder durch die langen Gänge, wieder ist, diesmal sogar in unmittelbarer Nähe, eine Zimmertür versiegelt und mit No Entry beklebt. Ein merkwürdiges Gefühl, plötzlich wieder einen längere Streckte zu Fuß zurücklegen zu können.

Ich errege ein gewisses Aufsehen, als ich im Erdgeschoß ankomme. Denn tatsächlich war eine Person durch den Gang gegangen, um alle Menschen meiner Etage, die an diesem Tag entlassen werden, einzusammeln und als Gruppe nach unten zu geleiten. Ich hatte sie verpasst und war im falschen Aufzug nach unten gefahren, nämlich dem zum Einchecken. Das finale Auschecken besteht lediglich in der Abgabe meiner Zimmerkarte. Raum 961, ich werde Dich nicht so schnell vergessen.
 

Vincent Boussard
Vincent Boussard, Regisseur der koreanischen „Manon“-Produktion. (Foto: Heribert Germeshausen)

25. Juni.

Der erste Tag in Freiheit. Jetzt erst merke ich, wie schwül-warm es in Seoul ist. In der vollklimatisierten Quarantäne hatte ich davon nichts mitbekommen; lediglich die Art, wie die Sonne am Nachmittag in mein gegen Süden gelegenes Hotelzimmer hereingestrahlt hatte, hatte gelegentlich eine gewisse Ahnung davon vermittelt. Die Premiere beginnt um 19:30 Uhr und wird live im Internet gestreamt. Um 18:15 Uhr bin ich mit Regisseur Vincent Boussard im Seoul Arts Center in einem der zahlreichen Kaffees verabredet, um eine Hintergrundgespräch zu führen. Ich selbst habe von Intendant Hyung Sik Park eine Einladung für die 3. Sowie die 4. Vorstellung der en suite gespielten Serie, also am 27. Juni und 28. Juni. Am Ende unseres Gespräches bietet mir Vincent Boussard an, mich in die Premiere mitzunehmen. Angesichts der hohen Sicherheitsauflagen und des Umstandes, dass ich den Intendanten noch nicht persönlich kenne, lehne ich ab. Aus der Erfahrung der Dortmunder Geisterpremiere von „La muette de Portici“ weiß ich, wie wichtig mir damals als Intendant war, dass sich wirklich nur die angemeldeten Personen im Zuschauerraum aufhielten.

Seoul Opera House
Das Seoul Opera House nach einer Matinéevorstellung am 27. Juni. Social distancing wird offenbar ernst genommen, auch beim Lagern auf dem Rasen vor der Oper. (Foto: Heribert Germeshausen)

Die Premiere sehe ich mir im Live Stream an, als einer von 58.991 Zuschauern. Es ist faszinierend, eine Vorstellung verfolgen zu können, in der Choristen und Solisten interagieren, als habe es Corona nie gegeben. Das denke nicht nur ich, wie die zahlreichen Kommentare zeigen. Kaum ein Land der Welt bringt so viele herausragende Gesangstalente hervor wie Südkorea. Dementsprechend hatte ich hohe Erwartungen in das musikalische Niveau der Vorstellung. Und die wurden auch nicht enttäuscht. Herausragend die Leistungen der beiden Protagonisten, Anna Sohn in der Titelrolle und der mir bis dahin nicht bekannte Tenor Oliver Kook als Des Grieux. Am Ende zeigen die Kameras den leeren Zuschauerraum…
 

26. Juni.

Hintergrundgespräch mit Intendant Hyung Sik Park Park und seinem Team. Danach gemeinsames Mittagessen, wie schon am Vortag, mit Vincent Boussard im Café Clef. Danach Wiedersehen mit einigen herausragenden, in Seoul beheimateten koreanischen Solisten, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite: mit dem in Europa bestens bekannten Andrea Shin, der mittlerweile als Romeo auch in der New Yorker MET in einer Wiederaufnahme-Premiere auf der Bühne stand, und der sich in Dortmund als Calaf und Pinkerton zu einem wahren Publikumsliebling entwickelt hat; mit Saekyung Rim und dem Dortmunder Ensemblemitglied Hyona Kim. Anna Sohn hat leider abgesagt, was angesichts ihrer zweiten Vorstellung morgen und des engen Endproben-Probenplanes verständlich ist.

Treffen mit koreanischen Künstlern.

Treffen mit der Intendanz der Korean National Opera und bekannten Koreanischen Sängern: Jihyun Min (Company Manager, Artistic Planing), Heribert Germeshausen, Andrea Shin (Tenor), Hyona Kim (Mezzosopran), Hye Jin Chun (Director of PR & Marketing)) Saekyung Rim (Sopran), Hyung Sik Park (Artistic Director), Soo Han Kim (Deputy General Director). (Foto: Jihyun Min)

27. Juni

ENDLICH – ich sitze wieder in einer Live-Vorstellung! So gut das Streaming auch gemacht war: Es geht doch nichts über das Live-Erlebnis. Die vier Vorstellungen an vier aufeinanderfolgenden Tagen werden alle von unterschiedlichen Teams für unterschiedliche Medien aufgezeichnet. Für die Partien von Manon und Des Grieux gibt es eine Doppelbesetzung. Während die Premiere und Derniere (mit der Zweitbesetzung) live gestreamt werden und die zweite Vorstellung mit einer neuen HD-Technik für das Archiv aufgezeichnet wird, wird die dritte Vorstellung für den staatlichen Sender KBS aufgezeichnet und im Juli ausgestrahlt. Die Kameras sind sehr diskret positioniert.

Vincent Boussard hat „Manon“ mit großem handwerklichem Geschick so inszeniert, dass auch ein absoluter Opernnovize der Handlung gut folgen kann. Das ist wertvoll hier, denn der Enthusiasmus für klassische Musik ist zwar groß, und das Land bringt eine Vielzahl großer Talente auf diesem Gebiet hervor. Aber das Opernpublikum ist sehr jung und daher unerfahren, da geht es erst mal darum, dass die Basics gut verständlich rüberkommen.

Diesmal kann ich mich live über die tollen Stimmen freuen. Ich bin glücklich, eine Sängerin vom Format von Anna Sohns im Ensemble zu haben, die als Elvire in Peter Konwitschnys Inszenierung von „La muette de Portici“ ja bereits Erfahrung mit einer Geisterpremiere gesammelt hatte. Und Oliver Kook ist eine Sensation: ein baritonal gefärbter, dramatischer Tenor, der sich bei aller Fähigkeit zur Attacke eine ungemein lyrische Stimmführung erhalten hat. Zur Eröffnung der nächsten Spielzeit soll er Florestan im neuen „Fidelio“ an der KNO singen, außerdem Rudolfo in einer Wiederaufnahme von „La Bohème“.

Am Ende wird Applaus zur Applausordnung eingespielt, das stimmt mich doch etwas wehmütig. Der Applaus schwillt sogar dynamisch an und ab – allerdings passiert das nicht wirklich synchron zu den Auftritten der einzelnen Sänger …
 

Bei der Probe: Vincent Boussard (Regie), Anna Sohn (Manon), Oliver Kook (Des Grieux), Seokwon Hong (Musikalische Leitung)
Bei der Probe: Vincent Boussard (Regie), Anna Sohn (Manon), Paul Kong (Lescaut), Seokwon Hong (Musikalische Leitung). (Foto: KNO)

28. Juni

Die Dernière wird wieder live gestreamt. Vor der Vorstellung findet ein kleiner VIP-Empfang statt, und ich fühle mich geehrt, dass ich dazukommen darf. Als einziger Ausländer werde ich wie ein Staatsgast behandelt und dem Kultusminister vorgestellt. Der Vorsitzenden des Boards ist auch dabei, er ist der CEO des größten Koreanischen Pharmaunternehmens und der zweitreichste Mann Südkoreas, wie mir zugeraunt wird. Er rechnet damit, dass es Anfang 2021 ein Medikament gegen Covid-19 gibt und Ende 2021 dann einen Impfstoff.

Das wirkt einerseits beruhigend; zumindest würde es bedeuten, dass wir uns 2021 schrittweise dem nähern werden, was einmal unsere für selbstverständlich vorausgesetzte Realität im sozialen Miteinander war. Andererseits heißt es auch, dass wir nicht vor 2022 gänzlich aus der Covid-19-Krise heraus sein werden.

Die Zweitbesetzung gibt sich alle Mühe, kann aber aus dem langen Schatten, den die erste Besetzung wirft, nicht heraustreten. Bemerkenswert wiederum der junge Dirigent Seokwon Hong (bis Ende dieser Spielzeit 1. Kapellmeister am Tiroler Landestheater Innsbruck, dem er weiterhin als Gast erhalten bleibt). Ihn werde ich am 30. Juni zu einem Hintergrundgespräch treffen.

Dass diese Produktion auf der Bühne so stattfinden konnte, war ein großes Hoffnungszeichen für die Opernbranche, auch wenn das Zeichen noch ungleich stärker ausgefallen wäre, wenn sie mit Publikum hätte über die Bühne gehen dürfen. Aber dafür hätten die Infektionszahlen etwas früher fallen müssen. Hoffen wir sehr, dass 2020/21 als das Jahr der weltweiten Normalisierung des Opernbetriebes auf den status quo ante in die Geschichte eingehen wird!