Krisentagebuch 19 - Das Recht der jungen Generation auf Theater

Von Winnie Karnofka am 09.07.2020 • Bild: Tom Schulze
Das Bild zeigt: Winnie Karnofka, ab der Spielzeit 2020/2021 Intendantin des Theaters der Jungen Welt in Leipzig

Winnie Karnofka, Dramaturgin und ab der kommenden Spielzeit Intendantin des Theaters der Jungen Welt in Leipzig, über die besondere Situation der Kinder- und Jugendtheater in Coronazeiten

Zum Glück werden die Nächte gerade weniger, in denen ein wilder Mix aus Hygienekonzept, Kurzarbeit, Finanzierungssicherung, 1,50m-Abstands-Proben, Spielplan-Absagen-Änderungen etc. meine Träume bevölkert. Mein Unbewusstsein arbeitet offensichtlich vehement gegen meinen „bewussten“ Optimismus. Zum Glück bin ich mit diesen emotionalen Auf-und-Abs nicht allein. Irgendeinen im Team erwischt der Corona-Blues immer. Gleichzeitig haben wir untereinander intuitiv Mechanismen entwickelt, um uns da wieder herauszuholen. Und machen wir uns nichts vor, natürlich hilft das In-Aktion-Bleiben, die Arbeit, das Vorbereiten der neuen Spielzeit – wenn auch unter der Prämisse: Nichts ist sicher und selbst das ist nicht sicher. Vermutlich motiviert uns einfach auch der absolut notwendige Kampf um unser Publikum, um die junge Generation und ihr Recht auf Kultur. Das macht eine Vogel-Strauß-Politik einfach unmöglich.

Die Kinder- und Jugendtheater, die Akteure und Anbieter Kultureller Bildung, egal ob frei oder in kommunaler Hand, sind überwiegend schlecht bis empfindlich knapp finanziert. Das ist leider nichts Neues und man muss kein Finanzexperte sein, um sich auszurechnen, was das in Corona-Zeiten bedeutet. Zusätzlich tut sich im Kinder- und Jugendtheater das Dilemma auf, dass uns die erfolgte Erlaubnis zur Öffnung der Theater und Bespielung unter Hygiene-Maßgaben gerade herzlich wenig nützt, da sie auf das gleichzeitige Verbot von außerschulischen Aktivitäten und eine durchaus nachvollziehbare perspektivische Zurückhaltung seitens der Pädagog*innen trifft.

Föderalismusbedingt wird das natürlich gerade alles sehr unterschiedlich gehandhabt. In Sachsen ist die Situation zumindest noch wie gerade beschrieben und für das Theater der Jungen Welt Leipzig bedeutet das momentan, dass circa 55 Prozent der möglichen Vorstellungen allein deshalb wegfallen, weil Schulklassen und Kindergartengruppen nicht ins Theaterhaus kommen (dürfen). Aktuell stehen wir deshalb zum Beispiel in engen Kontakt mit Akteur*innen aus Kultus und Kultur, sowie mit Pädagog*innen in Schulen und Kindergärten – es geht darum, Stimmungen einzufangen, über die Zukunft von Schule und Theater in Corona-Zeiten zu sprechen, Möglichkeiten auszuloten, wie Kultur für Kinder wieder stattfinden kann, um Alternativen in der kulturellen Vermittlung zu besprechen usw., usw. Wir nutzen zudem die Vorteile und Chancen eines kleinen, flexiblen Hauses und stellen unseren Spielplan und unsere theaterpädagogischen Angebote auf mobil, digital und draußen um. Es gibt zum Glück durchaus mutige Kinder, Jugendliche, Familien, Lehrer*innen, Künstler*innen, die mit uns ausprobieren und neue Theater-Wege im Rahmen des Corona-Möglichen gehen. Wenn unser Publikum nicht zu uns kommt, kommen wir zu ihm. Müssen wir zu ihm.

Kinder und Jugendliche haben laut UN-Kinderrechtskonvention Artikel 31 ein Recht auf freie Teilnahme an kulturellem und künstlerischem Leben. Gerade haben sie aber gefühlt, nur das Recht darauf, Schülerinnen und Schüler zu sein. Hier einmal der Link zu einer Studie der Uni Hildesheim über die Situationen der jungen Generation in Corona-Zeiten. Ein Fazit daraus: „Die Jugendlichen sehen nicht, dass sie mit ihren Anliegen Gehör finden, die Beteiligungsformate von jungen Menschen scheinen nicht krisenfest“.

Bitter zu lesen und bitter zu wissen, dass sich das sehr oft mit dem deckt, was wir als Kinder- und Jugendtheatermacher in diesen Zeiten erfahren. Kunst und Kultur als wichtiges Sprachrohr, soziales Empowerment und oben beschriebenes gesellschaftliches Beteiligungsformat der jungen Generation scheinen vergessen. Unverständlich umso mehr, da sie zum Beispiel auch Unsicherheiten, Probleme und Folgen der Pandemie bei Kindern und Jugendlichen auffangen und gemeinschaftlich verarbeiten können.

Die aktuelle Grundsituation der Kinder- und Jugendtheater ist auf vielfältigen Wegen, von Interessenverbänden, von der ASSITEJ und auch dem Deutschen Bühnenverein in die Bundes- und Landesministerien, in die Kommunen direkt hineingespiegelt worden. Ich möchte nicht ungerecht sein – nachdem sich lange nichts bewegt hat, bewegt sich momentan endlich etwas. Aber ganz ehrlich: das ist zu langsam, zu wenig, zu wenig engagiert, wenn man bedenkt, um wen es hier geht.

Wir müssen zusammen, als Theater, Förderer und Träger kultureller Einrichtungen, schnellstmöglich dahin kommen, Theater für junges Publikum und kulturelle Bildung vom „Notfallpatienten“ zum „krisenfesten Partner“ für Kinder und Jugendliche zu machen! Das ist mitmenschlich und gesellschaftlich notwendig, das ist unser Generationen-Auftrag. Und wer ein noch etwas platteres Argument braucht: Gerade die Vorstellungen für Kinder, Schulen und Familien stellen unter Normalbetrieb für nicht wenige Stadttheater eine stabile Größe dar, wenn es um Zuschauerzahlen, Auslastung, ja am Ende durchaus um Finanzierungen geht. Vielleicht ist es gerade in Krisenzeiten nun einfach mehr als fair für und um unsere jungen Zuschauer*innen zu kämpfen und auch im „eingeschränkten Spielbetrieb“ uneingeschränktes Theater für sie zu machen! Theaterwinterschlaf bis alles vorüber ist, das darf es für dieses Publikum nicht geben. Wann hat eine junge Generation und wann hat Theater je auf die Zukunft gewartet? In diesem Sinne: Auf bessere Träume und bessere Realitäten!