Neues aus der Redaktion: Krisentagebuch 18 – Bericht aus Gütersloh

Von Christian Schäfer am 29.06.2020 • Bild: Kai Uwe Oesterhelweg
Das Bild zeigt: Fabian Baumgarten in „Der letzte Cowboy (Solitary Man)“ 2016 am Theater Gütersloh

Von Lockdown zu Lockdown – ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Das Krisentagebuch von Christian Schäfer, Künstlerischer Leiter des Theaters Gütersloh:


11.03.2020 Der Zufall will es, dass die letzte Vorstellung, die im Theater Gütersloh vor Lockdown Nummer eins gespielt wird, die Nick Cave/Franz Schubert-Séance „mercy seat-winterreise“ mit Charly Hübner und dem Ensemble Resonanz ist. Der Zusammenprall von unheilvoller Wirklichkeit und düsterem Bühnengeschehen ist in jedem Moment spürbar. Erstmals bleiben die Reihen im ausverkauften Saal signifikant leer. Der Applaus ist kräftig, aber alle – im Saal wie auf der Bühne – sind latent bedrückt. Im Anschluss beschließen Bürgermeister Henning Schulz, Kulturdezernent Andreas Kimpel und ich noch im Foyer, dass es auch ohne gültige Verordnung vom Land die letzte Vorstellung  gewesen sein soll. Das Warten auf neue Verordnungen und die Ungewissheit werden ab jetzt zu ständigen Begleitern unserer Arbeit.


12.03.2020 Unsere Koproduktion mit dem Theater Münster, „Deutsche Ärzte grenzenlos“ von Tuğsal Moğul, wird durch die Münsteraner Kolleg*innen wenige Stunden vor der Premiere abgesagt und auf Anfang 2021 verschoben. Die kritischen Betrachtungen über das Gesundheitssystem in Zeiten vor Corona müssen dann womöglich noch um ein Kapitel zur aktuellen Lage ergänzt werden.


13.03.2020  Die Jubiläums-Tanzgala „10 Jahre Theater Gütersloh“ mit unseren „Tanzland“-Partner*innen vom Ballett Dortmund wird vom Geburtstag weg auf unbestimmte Zeit verschoben.
Zum Geburtstag veröffentlichen wir stattdessen nur einen Trailer, der zehn Jahre stimmungsvoll in 98 Sekunden abzubilden versucht.

17.03.2020 Mit dem Autor Joachim Zelter brainstorme ich über ein Stück zur Situation, bei dem sich die Protagonist*innen zu Hause selbst filmen und das man auf digitalem Wege veröffentlichen könnte. Ich kontaktiere die Gütersloher Videomacher Marwin Gansauge und Kai Uwe Oesterhelweg, mit denen ich schon mehrfach für Theaterproduktionen zusammengearbeitet hatte.


19.03.2020 Joachim schickt eine erste Fassung von „Corona zu zweit“. In der Folge nimmt die erste Online-Uraufführung in der Krisenzeit sehr schnell Formen an. Beteiligt werden vorwiegend freischaffende Künstler*innen, wie das bei unseren Eigenproduktionen üblich ist.


22.03.2020 Engagement von Fabian Baumgarten für „Corona zu zweit“, der sich nach einer Tour mit der Familie Flöz durch Frankreich und einen kurz darauf zum Risikogebiet erklärten Kanton in der Schweiz in freiwilliger Quarantäne in einem Ferienhaus der Familie im Harz ohne WLAN befindet.


25.03.2020 Da bei Fabian und seiner Frau leichte Covid-Symptome auftreten, sie aber keinen Test bekommen, beschließen wir, auf Technik-Materialübergaben zum Drehen zu verzichten. Lediglich Datenpakete fürs Handy werden zur Übertragung nach Ostwestfalen online erworben. Das Arbeiten an einer solchen Produktion im Wirrwarr zwischen Kinderbetreuung und Kameraführung, mit Regieanweisungen per Telefon und SMS, stellt eine gewöhnungsbedürftige, aber spannende Herausforderung dar.


31.03.2020 Statt auf einer Pressekonferenz veröffentlichen wir das Programm der Jubiläumsspielzeit 2020/2021, „10 Jahre Theater Gütersloh“, online per Video.


03.04.2020 Die Gütersloh-Premiere unserer Koproduktion mit dem Theaterhaus Stuttgart, „Me and Mr Cash“, wird auf unbestimmte Zeit verschoben.


09.04.2020 Premiere von „Corona zu zweit“ auf YouTube. Es spielen Christine Diensberg und Fabian Baumgarten. Am Ende des Films singt Svavar Knútur gemeinsam mit Miriam Berger – die bei allen Online-Produktionen für die Musik verantwortlich sein wird – und einem Stay@home-Chor aus Gästen bisheriger Eigenproduktionen Svavars „While the world burns“. Die Zuschauer*innen werden gebeten, für den Förderverein des Theaters zu spenden, der regelmäßig die Eigenproduktionen mitfinanziert und uns dabei hilft, freischaffende Künstler*innen zu engagieren.


17.04.2020 Start der zweiten YouTube-Produktion „Konferenz der Kuscheltiere“, für die uns zehn freischaffende Figurentheaterspieler*innen, Schauspieler*innen und Musiker*innen selbstgedrehte Berichte von fabulösen Wesen aus den „gaaanz langen Ferien“ zusenden sollen. Die Zeiten werden schwieriger: Es bedarf eines schriftlichen Vermerks, den der Kulturdezernent bei der Verwaltung einreichen muss, damit wir ein Budget bewilligt bekommen. Das Kultursekretariat NRW, gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft, unterstützt die Produktion kurzfristig.


26.04.2020 Online-Premiere „Konferenz der Kuscheltiere“ für kleine und große Menschen ab 6 Jahren. Mit dabei: Das Helmi, Figurentheater Marie Bretschneider, Figurentheater Tübingen, Nikolaus Habjan, Florian Hacke, Krokodil Theater, Lucie Mackert, Theater Zitadelle, Jochen Vahle (Randale), Nicole Weißbrodt und Wolfgang Müller. Erstmals haben wir die Möglichkeit des freiwilligen Kaufes von virtuellen Tickets installiert.


05.05.2020 Anruf von Fabian Baumgarten. Ein Antikörper-Test hat ergeben, dass er infiziert war, als wir „Corona zu zweit“ gedreht haben. Die Gefahr ist nah.


14.05.2020 Für die Stadt Gütersloh gibt es inzwischen eine Haushaltsverfügung aufgrund massiv einbrechender Gewerbesteuereinnahmen. Für die Stadt Gütersloh mit ihrer starken Wirtschaft ist dieser Einbruch besonders dramatisch. Die überregionalen Medien sprechen von einem „Fall Gütersloh“. Das Budget für eine dritte Online-Uraufführung (aus dem bestehenden Etat des Theaters) wird erst nach einigen Gesprächen zwischen Bürgermeister, Kämmerin und Kulturdezernent genehmigt.


23.05.2020 Eigentlich wäre heute und morgen „Endstation Sehnsucht“ vom BE in der Regie von Michael Thalheimer zu Gast.


27.05.2020 Start der Produktion „Das Theater träumt“. Wir stürzen uns diesmal in einen „richtigen Film“, der innerhalb einer Nacht im Theater spielt, wofür 15 Beteiligte und das ganze Theaterteam sich acht Tage und vor allem Nächte um die Ohren schlagen werden. Für jedes Stockwerk gebe ich eine Szene in Auftrag. Die Autor*innen sind: Nora Gomringer, Tilman Rammstedt, Moritz Rinke, Lisa Sommerfeldt, Miroslava Svolikova, Theresia Walser und Joachim Zelter.


29.05.2020 Eigentlich wäre heute und morgen die Produktion „Häuptling Abendwind“ vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg in der Regie von Christoph Marthaler zu Gast.


01.06.2020 (Pfingstmontag) Anruf von Hauptdarsteller Mario Neumann, der sich krank fühlt. Die Alarmglocken klingeln. Corona? Waren wir immer weit genug voneinander entfernt? Hätten wir das Projekt niemals starten dürfen? Ist die Kunstproduktion in diesen Zeiten einfach vollends unmöglich? Kurze Zeit später gibt das Städtische Krankenhaus Entwarnung – Mario hat sich nur den Magen verdorben. Wir machen weiter.


08.06.2020 Der Spielclub des Theaters wurde mitten in den Proben von Kristofer Blindheim Grønskags Stück „Runter auf Null“ vom Virus ausgebremst. Die findigen Leiterinnen Ilka Zänger und Christine Ruis lassen sich nur kurz beirren und veröffentlichen das Stück ab heute mit Genehmigung von Autor und Verlag als Instagram-Serie #runteraufnull. Grønskag wird zum begeisterten Follower. Die Jugendlichen sind happy – Corona zum Trotz!


17.06.2020 Die Zahl der positiv getesteten Mitarbeiter*innen am Schlachtbetrieb Tönnies im benachbarten Rheda-Wiedenbrück nimmt ein bedrohliches Ausmaß an. Der Kreis Gütersloh, der zuletzt nur noch mit sehr geringen Infektionszahlen zu tun hatte, steht in der Folge unter Schock.


19.06.2020 Premiere „Das Theater träumt“ auf YouTube. Ich bin sehr froh über das Ergebnis. In diesen widrigen und (fast) theaterlosen Zeiten lassen wir unser Theater zum zehnten Geburtstag doch ein wenig hochleben. Das großartige Erleben des flüchtigen Theatermoments kann ein Film natürlich nicht ersetzen, dafür haben wir jetzt digital verewigt, wie es uns Theatermacher*innen im Juni 2020 zumute war.


22.06.2020 #nightoflight. Unser Technik-Team taucht das Theater in rotes Licht. Es sieht berauschend aus. Schade, dass der Hintergrund dramatisch ist. „Fleischfarben“ kommentiert eine Freundin auf Instagram. Gütersloh ist jetzt Tönnies, das dem Kreis in kürzester Zeit zu weltweiter Berühmtheit verholfen hat. Wir sind jetzt Hotspot, wodurch weder das Leben noch das Theatermachen leichter wird.


23.06.2020 7000 ohnehin bemitleidenswerte Menschen (ein Teil von ihnen hat Gütersloh zur Großstadt gemacht) sind in Quarantäne. Fast 1500 Mitarbeiter*innen infiziert. Lockdown (light) – wegen Tönnies. Vorschläge, den Schlachtgigant als Sponsor unseres Theaters anzufragen, habe ich immer vehement abgelehnt. 2016 gab es in unserer Koproduktion mit den Ruhrfestspielen „Der letzte Cowboy (Solitary Man)“ eine Episode, die deutlich auf das Unternehmen anspielte. Der (Möchtegern-)Aktivist „Joachim Ostenkötter“ lässt hier, gemeinsam mit seiner rumänischen Kollegin „Harild“, das lachende zu einem betrübten Schweine-Logo werden und beschmiert es mit Blut und der Aufschrift „Hier lacht kein Schwein“. Er berichtet zudem vom Leiden der Tiere, sie vom Leiden der Menschen. Das Positivste, was das Corona-Desaster hervorbringen könnte, ist, dass nun tatsächlich in Politik und Bevölkerung die Akzeptanz von Mega-Fleischkonzernen dauerhaft schwindet und sie so zu einem Umdenken gezwungen werden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass vermehrt im Ausland produziert wird, weit weg von den empörten Deutschen. In absehbarer Zeit könnte allerdings In-Vitro-Fleisch dem Spuk ein Ende bereiten (und dafür andere Sorgen hervorrufen).


26.06.2020 Gemeinsam mit befreundeten Künstler*innen prüfen wir die Möglichkeit, kleine kulturelle Darbietungen für die in Quarantäne befindlichen Menschen vor deren Unterkünften anzubieten.


27.06.2020 „Lockdown mal wieder“ lässt Lisa Sommerfeldt die verschwörungstheoretische Bardame in „Das Theater träumt“ sagen. Auf die Erfüllung dieser Prophezeiung hätten wir gerne verzichtet. „Lebt und spielt“, sagt Miroslava Svolikovas blinder Imker am Schluss des Films. Dies haben wir vor. Live, versteht sich. Glück auf!