Krisentagebuch 11– Corona ist Mist!

Von Detlef Brandenburg am 21.04.2020 • Bild: Lea Fischer
Das Bild zeigt: Vernagelt: Das Hamburger St. Pauli Theater


Ich sitze noch immer im Homeoffice, wir stricken noch immer am Projekt „Theaterzeitschrift in theaterlosen Zeiten“, mir fällt noch immer jeden Tag mindestens einmal die Decke auf den Kopf, und ich werde langsam wütend. Nicht wegen der Decke, das halte ich schon aus. Nein – wütend bin ich über einen politischen Krisen-Diskurs, der die Theater vollständig ignoriert. Was haben die Sonntagsredner den Theatern in guten Zeiten nicht alles an Honig um den angeklebten Bart geschmiert: Kultur macht stark – jedenfalls wenn es nach einem Förderprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geht. Die deutsche Theaterlandschaft sei ein Kulturerbe von unschätzbarem Wert. Sie ermögliche kulturelle Teilhabe in einer Breite, die weltweit einmalig sei. Theater seien wichtige Institutionen des demokratischen Diskurses. Sie seien in einer Welt virtueller Surrogate die letzten Orte, wo man Kunsterlebnisse leibhaftig miteinander teilen könne. Undsoweiter, undsoweiter…

Und ich hab‘s geglaubt! Allen Ernstes! Ja, ich glaube es noch! Aber die Politiker, die das immer wieder beschworen haben in ihren Preisverleihungs-, Theaterjubiläums- und Premierenfeierreden – die haben es offenbar nicht geglaubt. Vielleicht haben sie es ja einfach nur abgelesen, weil‘s der Theaterreferent in seinem Übereifer halt reingeschrieben hat in ihre Redemanuskripte. Nach der Minimalmaxime humanen Handelns: „Tut ja keinem weh!“ Jetzt aber schreiben die Virologen die Manuskripte. Und da kommen die Theater, kommt die Kultur insgesamt nicht mehr vor. Das Leopoldina-Gutachten für die Kanzlerin, die sonst jedes Jahr nach Bayreuth fährt? Kultur Fehlanzeige. Die große Pressekonferenz zum Fahrplan der großen Lockerung: Kein Wort zur Kultur, kein Wort zu den Theatern, die doch in den rund 130 größten Städten Deutschlands die größten Kulturbetriebe stellen! Ich selbst habe hier vor ein paar Tagen noch geschrieben, Theater sei systemrelevant. Ich habe mich geirrt. Die, die derzeit das System steuern, finden Theater offenbar überhaupt nicht relevant. Denen geht das Theater am Allerwertesten vorbei.

Und offenbar nicht nur denen, die ganz oben auf der Kommandobrücke stehen. Ich lebe in der Stadt Bonn. Auch hier macht sich der Oberbürgermeister so seine Gedanken über die vorsichtige Öffnung. Des Theaters? Ach wo, Gott bewahre! Laut Bonner Generalanzeiger (GA) „spielt die Stadt Bonn schon seit Wochen verschiedene Szenarien durch mit dem Ziel, Pützchens Markt durchführen zu können.“ Pützchens Markt??? Ja, liebe Nicht-Bonner, für die kernbönnschen Brauchtums-Patrioten ist das eine Weltkirmes – nur dass die Bewohner der Welt außerhalb Bonns von dieser bönnschen Weltkirmes leider noch nie was gehört haben. Während man in Bonn leider noch nichts davon gehört hat, dass „die Stadt Bonn schon seit Wochen verschiedene Szenarien durchspielt mit dem Ziel“, ihr Theater wieder zu eröffnen.

Ich telefoniere in diesen Tagen viel mit Intendanten. Sie treibt um, dass in ihrer Stadt Baumärkte, Möbelhäuser und Gartencenter wieder geöffnet sind. Und die Theater?? Müsste man sich da nicht auch um Perspektiven kümmern, wie der Betrieb unter Beachtung von Schutzmaßnahmen vorsichtig wieder hochgefahren werden kann? Sie selbst dürfen’s ja nicht. Und von denen, die es ihnen verbieten, fühlt sich offenbar keiner zuständig. Gemeinsame Erarbeitung von Richtlinien, von Modellen zur Einhaltung der Hygiene: Fehlanzeige. Gibt es vielleicht irgendwo einen Club der abgetauchten Kulturdezernenten? Aber was machen die da? Eine Corona-Party? Für die Theater bedeutet der Shutdown offenbar einfach: Shut up!  

Und die Bundesebene? Ist man wenigstens da um das geistige Wohl der Bundesbürger bemüht? Na klar! Und was dient diesem geistigen Wohl am besten? Genau: Geisterspiele in der Bundesliga ohne Bundesbürger auf den Bundesrängen! Auch da gibt mir mein Bonner Generalanzeiger Orientierungshilfe: Oliver Mintzlaff, der Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten RB Leipzig, „weilt", wie sich der GA auszudrücken beliebt, „aktuell in seiner Heimat im Siebengebirge“. Eine gute Gelegenheit für ein Interview mit dem mächtigen Sportsmann also! Natürlich redet der nicht von Theater, ist ja auch nicht seine Aufgabe – sehr wohl aber davon, wie systemrelevant seine Bundesliga doch sei. „Der Fußball ist ein riesiger Wirtschaftszweig mit mehr als 55000 Mitarbeitern“, tönt er, und ich reibe mir die Augen. Allein die Theater in öffentlicher Trägerschaft haben 40000 fest angestellte Mitarbeiter. Nimmt man Privattheater, freischaffende Theaterkünstler und Musiker noch dazu, landet man bei weit höheren Zahlen. Doch wovon wird geredet?! Von Geisterspielen für die Bundesliga. Armin Laschet und Markus Söder verkünden es heute im zweistimmigen Erlösertremolo: Der Anstoß am 9. Mai ist möglich. Alles wird gut!

Diese Missachtung der Kultur und des Theaters zeigt sich übrigens auch im Kontext der Ausgleichsmaßnahmen. Natürlich ist es gut, dass so viele freie Künstler und private Theaterbetriebe relativ leicht an diese Hilfsgelder gekommen sind – im einen Bundesland mehr, im anderen weniger. Inzwischen gibt es aber, soweit man das nach den Schilderungen beurteilen kann, berechtigte Klagen, dass diese Instrumente längst nicht passgenau auf die Künstler zugeschnitten sind und viele in höchster Not zurücklassen. Wie auch anders? Die Künstler bekommen dieselben Hilfen wie alle anderen Wirtschaftsbetriebe. Ist das Wertschätzung der Kunst? Oder ihre Nivellierung im Sinne von Arts & Entertainment?

Gerade da ist der Vergleich zum Bundesliga-Entertainment entlarvend: Dort kann man auf leibhaftig anwesende Zuschauer sehr gut verzichten, denn der Ball muss rollen, damit der Rubel rollt im Wirtschaftsbetrieb Bundesliga. Theater aber ist auf diese Zuschauer existenziell angewiesen. Weil es nur so wirklich funktioniert. Keiner, der sich in diesen Tagen gelegentlich durch das vielkanalige Streaming-Angebot der Theater crawlt, wird das leugnen. Gelegentlich hört man, der Corona-Shutdown sei doch auch eine Chance für die Theater: zu lernen, wie sie sich über die digitale Kommunikation neue Wege zu ihrer Kundschaft erschließen und dafür neue Formate ersinnen können, die gar nicht mehr angewiesen sind auf diese schwerfälligen, teuren, weil in realer Materialität und Körperlichkeit auf die Bühne zu stemmenden Life-Veranstaltung für leibhaftig anwesende Zuschauer. Ehrlich gesagt: Ich kann dieses Gerede von Corona als Chance nicht ertragen. Könnte man ja mal in einem Altenheim zur Diskussionen stellen, diese zukunftsfrohe These.

Wer so daherplappert, hat ein essentielles Alleinstellungsmerkmal des Theaters nicht verstanden. Theater braucht unmittelbare Empathie, gemeinsames Atmen, gemeinsames Schwitzen, gemeinsames Bangen, gemeinsame Freude. Herrmann Schmitz, einer der grundlegenden Vordenker der Neuen Phänomenologie, hat dafür den schönen Begriff „solidarische Einleibung“ gefunden: ein vollkommen unmittelbares, vorrationales und vorreflexives Verbundenheitsempfinden von Menschen, die leibhaftig an einem Ort, einem Tisch, in einem Hörsaal, einem Theater beieinander sind. Und noch etwas ist besonders am Theater: eine Art Übereinkunft, diesen Abend konzentriert miteinander durchzuhalten und nicht gleich zum Klo zu laufen, wenn’s mal unbequem wird oder verstörend. Dieses Besondere des Theaters kann sich im Shutdown nicht zur Geltung bringen, weil kein Streaming es ersetzen kann. Dadurch tendiert die Corona-Krise dazu, das Besondere des Theaters zu nivellieren: es differenzlos als Medium mit anderen Medien gleichzusetzen; es mit Wirtschaftsbetrieben über einen Kamm zu scheren.

Gerade jetzt bräuchten wir aber eine Kunstform, die uns die Empathie wieder lehrt. Denn das unmittelbare Mitgefühl verkümmert im Social Distancing. Damit verlieren wir eine unendlich wertvolle soziale Ressource. Deswegen ist die Missachtung des Theaters durch die Politik so verfehlt. Nein, Corona ist keine Chance. Wie immer man es auch dreht, in Hinsicht auf das Theater kann man nur feststellen. Corona ist Mist!

Das hat man jetzt offenbar auch in Bonn kapiert. Vor wenigen Minuten, um 15:24 Uhr am 21. April 2020, hat die Stadt Pützchens Markt abgesagt.