Meinung: Klaus Dörr tritt zurück

Von Detlev Baur am 15.03.2021 • Bild: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Das Bild zeigt: Aus dem Jahr 2018: Kultursenator Klaus Lederer im Vordergrund und der neue Volksbühnenintendant Klaus Dörr im Hintergrund

Der Intendant der Volksbühne Berlin tritt zurück und wird seine Arbeit am morgigen 16. März einstellen. Das erklärt er heute in einer Pressemitteilung. Klaus Dörr war im April 2018 nach dem plötzlichen Ende der Ära Dercon vom Geschäftsführenden Intendanten zum Interimsintendanten des Traditionstheaters geworden. Es gelang unter seiner Leitung, das Theater wirtschaftlich zu konsolidieren und aus einer künstlerischen Existenzkrise zu holen. Zu Beginn der neuen Spielzeit sollte er die Leitung an René Pollesch übergeben. Das Ende von Dörrs Leitung tritt nun deutlich schneller ein. Der künstlerische Schaden ist angesichts zweier pandemiebedingt ohnehin verkorkster Spielzeiten vermutlich mäßig. Für das in den letzten Jahren kräftig erschütterte Haus ist dies unrühmliche Ende der langen Interimsintendanz jedoch ein weiterer Schaden. Die Vorwürfe gegenüber Dörrs Führungsverhalten sind allerdings auch schwerwiegend.

Am Samstag war in der taz unter dem Titel „Eine Bühne für Sexisten“ ein Artikel erschienen, der Vorwürfe von Mitarbeiterinnen des Theaters aufgreift. Demnach reichten im November 2020 zehn Frauen bei der Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt (Themis) eine Beschwerde gegen Dörr ein. Im Brief von Themis werden laut taz folgende Vorwürfe aufgelistet: „enge, intime, körperliche Nähe und Berührungen, erotisierende Bemerkungen, anzügliche Witze, sexistische Sprüche, Aufforderung zum Tragen von hochhackigen Schuhen, stierende Blicke, unverhohlenes Anstarren auf die Brust, unangemessene SMS, Upskirting, also heimliches Fotografieren unter den Rock, drohende Gebärden und verbale Einschüchterungen, ein vergiftetes Betriebsklima, in dem Mitarbeiterinnen gegeneinander ausgespielt werden, Diskriminierung aufgrund des Alters der Betroffenen, Unterstützung bzw. Ermöglichung eines männlichen Überlegenheitsgefühls in Machtpositionen.“

Gerade im Gesamtpaket sind das krasse Befunde. Sie deuten daraufhin, dass manche Theaterleute zwischen Eigenwahrnehmung und programmatischem, künstlerischem Handeln erschreckende Diskrepanzen übertünchen. Die Volksbühne war in den letzten Jahren beileibe kein Altherrentheater, sondern zeigte auch dezidiert feministische Produktionen. In unserem aktuellen Schwerpunkt „Kunst.Macht.Arbeit“ geht es genau um diese Abgründe im Theateralltag. Abgeschlossen ist das Thema wohl noch lange nicht.

Anfang März gab es laut taz eine Anhörung Dörrs in der Senatsverwaltung zu den Vorwürfen. Dass er die Vorwürfe dort nicht gänzlich entkräften konnte, ist wohl aus der Formulierung in der Pressemitteilung abzulesen, dass er und der Kultursenator Dr. Klaus Lederer sich auf den raschen Rücktritt „geeinigt“ haben. Dörrs Bitte „von weiteren Nachfragen abzusehen“ und sein tiefes Bedauern, „wenn ich Mitarbeiter:innen mit meinem Verhalten, mit Worten oder Blicken verletzt habe“, können auch als Schuldeingeständnis gelesen werden.

Im Oktober vergangen Jahres lernte ich Dörr kennen, als ich im Rahmen unseres Schwerpunkts „Theater des Schreckens“ mit ihm und dem Hausregisseur Thorleifur Örn Arnarsson über die „Orestie“ Arnarssons sprechen wollte. Dörr betonte: „Es gibt bei uns auch beim Arbeiten kein Erschrecken“ und fuhr fort zum Thema Machtstrukturen: „Wir haben eine Arbeitsgruppe zu dem Thema, eine Dienstvereinbarung. Das wird ganz stark behauptet. Ich hoffe, dass es sich positiv auf das Arbeitsklima auswirkt." Diese Hoffnung scheint sehr getrogen zu haben.