Karlheinz Stockhausens "Licht"-Zyklus in Amsterdam: ein Blog in vier Teilen

Von Andreas Falentin am 30.05.2019 • Bild: Stockhausen-Stiftung für Musik, Kürten
Das Bild zeigt: Karlheinz Stockhausen 1975 im Studio für Elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks
Der Gashouder (Gasometer) der Westergasfabriek in Amsterdam Sloterdijk

 

Der dritte und letzte Tag

03.06.19 Auch der letzte Tag wird zum Triumph einer Dramaturgie der Konzentration und Auswahl, die Teile zwar in Zusammenhänge stellt, aber nie als Ganzes ausgibt. Die mindestens einstündigen Pausen helfen verarbeiten und holen einen auch immer wieder runter. Denn hier trifft sich keine elitäre Musiktheatergemeinde, sondern ganz Amsterdam. Es wird gegrillt, Kaffee getrunken, am idyllischen Kanal gelegen, musiziert, gejoggt, der Hund ausgeführt, sich angeschrien. Das hilft bei der Betrachtung von Stockhausens Welt, schafft Distanz und Zugang. Denn dieser dritte Tag, der der "Zusammenarbeit" und dem "sich dem Raum öffnen" gewidmet ist, macht das "Licht-Universum" gleichzeitig noch gewaltiger und plausibler. Die Parallelen zu unserer Jetzt-Welt sind evident. So ist die "Invasion-Explosion" aus dem "Dienstag" extrem unerfreulich. Monoton und aggressiv wirkt diese Kriegsmusik, schlicht und Ohren öffnend bebildert mit schlichten Unwettervideos. Genauso schlicht und wirkungsvoll tobt die epische Schlacht Gut gegen Böse, Luzifer gegen Michael, Trompeten gegen Posaunen durch den Saal. Nur das Grundbild für Krieg scheint hier aus der Zeit gefallen: Spielende Männer, eine trauernde Frau, ein lachender, einsamer Gott (der Pianist Ivan Pawlow). Dann ein einsamer Höhepunkt: "Das Weltparlament".

 

Der Nederlands Kammerkoor als Weltparlament auf der "Aus Licht"-Orchestertribüne  ©Ruth & Martin Walz

 

Treffsichere Satire auf die parlamentarische Demokratie ("nuschel, nuschel, Solidarität, nuschel, nuschel, nuschel, positiv denken!, nuschel, nuschel") und musikalische Großtat in einem. Der Nederlands Kammerkoor singt und spielt umwerfend. Was auch für die 11 1/2 "Orchester-Finalisten" gilt. Dieses Stück (auch aus "Mittwoch") wird hier fast zur Hymne auf die performativen Potenziale des Solo-Musikers. Und dann erst das "Helikopterquartett"? Leider nicht. Das wurde mit Moderatorin und Fernsehshow-Gehabe aus dem theatralischen Zusammenhang gelöst und zur Zirkus- und Marketing-Zugnummer aufgeblasen. Dass es hier um eine extreme Form des Miteinander geht, dass Stockhausen vermutlich gedacht hat, wenn Menschen es schaffen, gemeinsam ein Streichquartett in vier kilometerweit voneinander entfernt herumfliegenden Hubschraubern aufzuführen, können sie wirklich koexistieren, teilt sich nicht einen Moment lang mit. Schade. Aber die Engel aus dem "Sonntag" versöhnen final, ihr gesungenes Flügelschlagen erobert sanft den Raum und verschmilzt Statik und Dynamik.

Zeit, Abschied zu nehmen. "Aus Licht" ist lohnend, hat sich tatsächlich als "Once in a lifetime Event" erwiesen, wie in der Werbung angepriesen. Wir durften auf eine Welt schauen, schön und schrecklich, durften teil haben ohne vereinnahmt zu werden. Zeit auch, zu preisen. Den Regisseur und Spiritus Rector Pierre Audi, seinen langjährigen Dramaturgen Klaus Bertisch, den Licht- und Raumdesigner Urs Schönebaum und natürlich Kathinka Pasveer, die die musikalische Einstudierung betreute, die musikalische Leitung des Events innehatte und auch für das fast unglaublich vollkommene Sound-Design verantwortlich war, gemeinsam mit einem kleinen Heer von großartigen Experten. Robi Voigt und Chris Kondek haben für die, vor allem am ersten Tag, großartigen Videos gesorgt und in der ganzen großen Menge der größtenteils sehr jungen musikalischen Performer gab es nicht einen, der den immensen musikalischen und szenischen Anforderungen nicht gewachsen gewesen wäre. Und - das ist vielleicht das Allertollste - nichts und niemand wirkt angestrengt. Alles lief fließend und entspannt. Hinfahren, wenn's geht!

 

Der zweite Tag

02.06.19 Der Gashouder zeigt sich wirklich als idealer Ort zur Vergegenwärtigung des Stockhausen-Universums. Das zeigte auch der zweite Tag, an dem es vordringlich um Eva und Luzifer ging. "Kathinkas Gesang als Luzifers Requiem": Eine Flötistin konzertiert mit sechs Percussionisten. Sie arbeitet sich am 24-teiligen Material ab, visualisiert durch zwei riesige runde Scheiben. Der einfache Vorgang wird theatralisch produktiv, weil er ideal im Raum angeordnet ist und ihn füllt. Ein Höhepunkt. "Luzifers Tanz" (beide übrigens aus dem "Samstag"): Vertikal angeordnete, abstrahierte Schlacht auf der Orchestertribüne über die über 80 Bläser und Schlagwerker hinweg zwischen dem im tiefen Bass singenden Luzifer und der Michael-Trompete. Eine Art lachender Dritter ist die Piccolo-Flöte. Dazu gibt es ein Gesichtsvideo des Schauspielers Johan Leysen, in dem Stockhausens Tanzbezeichnungen und Regieanweisungen exakt ausagiert werden. Beeindruckend und nah an der Reizüberflutung.

 

"Luzifers Tanz" auf der Orchestertribüne mit dem Video-Kopf des Schauspielers Johan Leysen

 

Bei den drei Teilen aus "Montag" regt sich dann erstmals der kritische Verstand. Sie folgen in der Komposition nicht unmittelbar aufeinander, werden hier aber ohne Pausen nacheinander gespielt. Ihre szenische Beziehung bleibt Behauptung. Stockhausens "Eva Skulptur" ist hier ein aus Metallstreben gefertigter, riesiger Brotkorb, eine brav abstrahierte Vagina. Die Bildidee ist genauso abgegriffen wie der szenische Umgang mit ihr. Und die Videos im "Rattenfänger", dem letzten Teil des Tages, bleiben, erstmals während "Aus Licht", im Konventionellen stecken. Aber der Raumklang ist auch hier umwerfend, genau wie die Musikalität, Disziplin und Leidenschaft aller Mitwirkenden, darunter am "Montag" viele Kinder. Und es blitzt immer wieder Humor auf.

Schade, dass er morgen wieder vorbei ist, dieser Blick auf eine ganz eigene, fremde Welt, eine Puppenstube in Universums-Größe. Auch weil der Westergas-Park rund um den Gashouder mit seinen vielen Cafés und Foodtrucks und seinen lauschigen Plätzen am Wasser und anderswo ein idealer Platz ist, um bei schönem Wetter Theaterpausen zu verbringen.

 

Der erste Tag

01.06.2019 Der Gashouder im Amaterdamer Nordwesten ist kein hoher zylindrischer Bau wie die Gasometer in Oberhausen oder Berlin-Adlershof, sondern ein Bau mit eliptischem Grundriss und einer gewaltigen, flachen Kuppel. So wie Pierre Audi und seine Mannschaft ihn zugerichtet haben, ist das ein idealer Ort für das Stockhausen-Universum. Lange, biegsame Lichtschläuche verkleiden Decke und Bühne wie ein unregelmäßiges Netz, wechseln Farbe, grundieren Stimmung. Vier große Videoschirme sind ein Hauptträger des Geschehens.

 

"Michaels Jugend", der erste Akt von "Donnerstag aus Licht" im Gashouder in Amsterdam   ©Ruth&Martin Walz

 

Der erste Tag ist Michael gewidmet, in Stockhausens "Licht"-Zyklus die männliche Lichtgestalt, Gegenspieler von Luzifer. Zwischen ihnen steht Eva, die Frau an sich. "Michaels Jugend", die viel mit Stockhausens Jugend gemein hat, erzählt Pierre Audi behutsam, fast sachlich, immer rationell, immer stringent und im Einklang mit den Regieanweisungen des Komponisten bis hin zu vorgegebenen Handbewegungen. "Michaels Reise" wird dann zum ersten großen Höhepunkt. Weil die vier Instrumentalsolisten (Trompete, Bassethorn, zwei Klarinetten) über noch mehr Bühnenpräsenz haben als die drei guten, aber noch etwas unausgereiften jungen Gesangssolisten zu Beginn. Und weil sich Wunder ereignen: Die unglaubliche Klangregie von Kathinka Pasveer zum Beispiel. Perfekter Raumklang, bei dem man oft glaubt, ein Instrument, das eben noch von der Bühne erklang, wird jetzt zwei Sitze weiter gespielt. Dazu die Videos: Was für eine Tiefenschärfe. Da werden Live-Bilder von der Bühne kombiniert. Mit ihnen wird dann perfekt und transparent Vorproduziertes überblendet. Und immer kommen diese Bilder aus der Musik und weisen auf sie hin. Da bedauert man, dass der dritte Akt ausgespart wurde. Und freut sich, nach dem wunderbaren Abschiedsgruß der sechs von verschiedenen Plätzen unter der Kuppel frei interagierenden Trompeten, auf den nächsten Tag, der Eva und Luzifer gewidmet ist - und aus "Montag", "Samstag" und "Freitag" zusammengesetzt ist. Und sieben Stunden dauert. Bis morgen!

 

Vorschau

31.05.2019 In der Westerfabriek Gashouder in Amsterdam Sloterdijk versucht Pierre Audi, der scheidende Intendant der Nationale Opera der Niederlande fast so etwas wie eine Quadratur des Kreises: Da sich sein Traum der erstmaligen Realisierung der ganzen "Licht"-Woche von Karlheinz Stockhausen in sieben Tagen aus organisatorischen und aus Kostengründen nicht realisieren ließ, versucht er beim diesjährigen Holland Festival, die Substanz und die Bandbreite der großartigen Monstrosität auf drei Tage (oder, inklusive Pausen, 25 Stunden) zusammenzudrängen. Die Premieren finden von heute bis übermorgen statt. Am Sonntag wird auch das wohl berühmteste Einzelteil des Zyklus, das Helikopter-Quartett aus dem "Mittwoch" aufgeführt.

 

Probe für das Helikopter-Quartett, Copyright: Janiek Dam

 

DIE DEUTSCHE BÜHNE wird das Vorhaben begleiten und jeweils am "Morgen danach" kurz von Aufführung und Atmosphäre berichten. Eine ausführliche Rezension gibt es dann in unserer August-Ausgabe.