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„Ich bin einfach so stolz auf mich, da muss ich gleich losheulen.“

Eine Reportage über die Schauspielerin Luisa Wöllisch, die mit Downsyndrom an den Münchner Kammerspielen und im Kino Erfolge feiert

Leseprobe aus Heft 10/2021 zum Schwerpunkt „Die Kunst im Anderssein“.
Von Anne Fritsch am 01.10.2021

Luisa Wöllisch hat ihr gelbes Lieblingskleid angezogen. Ohne zu zögern, steigt sie damit in den Starnberger See. Unsere Fotografin Annette Hauschild hatte den Vorschlag gemacht, nicht nur am, sondern auch im See zu fotografieren. Luisas Antwort: „Klar, können wir gerne machen.“ Und als sie bis zum Bauch im See steht: „Ich will noch was ausprobieren.“ Kopfüber taucht sie ab, wirft sich ins nicht eben warme Wasser. Es war ein bemerkenswertes und sehr lustiges Shooting.

Luisa Wöllisch ist 25 Jahre alt und Schauspielerin mit Downsyndrom. Gerade ist sie dabei, sich und ganz Deutschland zu beweisen, dass das kein Widerspruch sein muss. An diesem Tag sind wir gemeinsam aus München mit dem Zug nach Tutzing gefahren, wo Luisa aufgewachsen ist und ihre Eltern wohnen. Sie selbst zog im letzten Jahr nach München, weil sie seit der vergangenen Spielzeit Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen ist. Und weil in der Stadt einfach mehr los ist als auf dem Land, sie dort ihre Freunde hat. Und: weil sie es kann. Im Ensemble-Podcast der Münchner Kammerspiele sagt sie: „Ich bin einfach so stolz auf mich, da muss ich gleich losheulen.“ Ihren Eltern ist sie sehr dankbar für ihre Unterstützung, dafür, dass sie immer an sie geglaubt haben.

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Ihre Mutter holt uns also vom Bahnhof ab, fährt uns erst in die Wohnung zum Umziehen und dann zum See. Nebenbei spricht sie mit Luisa die Termine der nächsten Tage durch. Und das sind viele: am nächsten Tag ein Fernsehinterview in Köln, dann wieder Drehtermine für die ARD-Produktion „Toni, männlich, Hebamme“. Eva Wöllisch, die eigentlich als Lehrerin arbeitet, ist so etwas wie Luisas Agentin geworden, seit diese erfolgreich ist. Manchmal kommt sie schon ins Trudeln ob der ganzen Anfragen und Termine. Ein tolles Filmangebot mussten sie schon absagen, weil es sich nicht mit den Verpflichtungen an den Kammerspielen vereinbaren ließ. Luisa ist nicht Vollzeit an den Kammerspielen beschäftigt, sondern für eine neue Produktion pro Spielzeit. Ihre anderen Aktivitäten müssen dennoch um die Theatertermine herum geplant werden.

In der Wohnung der Wöllischs hängen Fotos von Familienurlauben, viel Griechenland, Meer und Berge. Man spürt den Rückhalt, den Luisa hier hat, ahnt, woher sie ihr Selbstvertrauen bezieht. Als Kind hat sie viel mit ihrem Opa gespielt, mit seinem Aufnahmegerät haben sie eigene Sendungen gemacht, das war der Anfang, erzählt sie. Das Schauspielen wurde ein „Kindheitstraum“. 2014 begann sie, als berufsqualifizierende Maßnahme, eine Schauspielausbildung an der Freien Bühne München. Die Einrichtung versteht sich als ein „Theater für alle“, ohne „Barrieren im Kopf, Vorurteile und Berührungsängste“. Hier hat man es sich zum Ziel gemacht, Schauspielerinnen und Schauspieler mit Beeinträchtigung für den professionellen Arbeitsmarkt auszubilden. Luisa war eine der ersten Absolventinnen und ist so etwas wie der lebende Beweis, dass dieses Konzept funktionieren kann.

Als wir uns das erste Mal getroffen haben, im Frühjahr nach einer Probe an den Kammerspielen, hat sie mir mit einer bewundernswerten Klarheit erzählt, was sie will – und auch, was nicht. „Mir gefällt es, dass ich am Theater anders sein kann und andere Rollen spielen kann. Klar, ich habe mein Downsyndrom, aber ich kann ganz normale Rollen spielen. An der Freien Bühne München durfte ich die Lulu spielen, das war wirklich der Megawahnsinn und eins meiner Lieblingsstücke.“ Sie reflektiert, dass sie anders ist als andere, weiß aber, dass das keine Schwäche sein muss. Und verschweigt nicht, dass auch sie schon schwierige Situationen erlebt hat auf Proben: „Was ich gar nicht mag, sind Theaterproduktionen, wo man als Downie abgestempelt wird. Ich hatte schon mal so eine Produktion, wo ich mich nicht wohlgefühlt habe. Ich mag es einfach nicht, wenn einen Leute auslachen oder runtermachen. Diese Gefahr ist immer da.“ Inklusives Theater ist eben nicht nur eine Chance auf neue Perspektiven. Es ist auch eine große Verantwortung und Herausforderung.

Die Münchner Kammerspiele wollen sich dieser Verantwortung stellen. Wollen „Sichtweisen und Stimmen hör- und sehbar machen, die sonst untergehen“, sagt Nele Jahnke, die Teil des Leitungsteams und Hausregisseurin ist. „Die Antwort auf diese komplexe Welt kann nicht unterkomplexe Erzählung, Repräsentation und Darstellung sein.“ Seit Barbara Mundel im Herbst 2020 die Intendanz der Kammerspiele übernommen hat, gehört Inklusion zum Konzept des Hauses. Zwei Ensemblemitglieder mit körperlicher und vier mit kognitiver Beeinträchtigung sind nun fest an den Kammerspielen. Und Produktionen wie Jessica Glauses „Bayerische Suf­fragetten“ beweisen, wie selbstverständlich sich diese ins Ensemble einfügen können, wie bereichernd die Vielfalt sein kann. Glause spürt mit ihrer Stückentwicklung der Geschichte der Münchner Frauenbewegung nach, Persönlichkeiten wie Anita Augspurg und Sophia Goudstikker, Ika Freudenberg, Elsa Bernstein und Emma Merk. Das Ensemble ist schon für sich ein Statement: Katharina Bach, Svetlana Belesova, Julia Gräfner, Thomas Hauser, Jelena Kulji´c, Anna Gesa-Raija Lappe, Annette Paulmann, Edith Saldanha, Lucy Wilke und Luisa Wöllisch spielen sich in neonbemalten transparenten Anzügen und silberweißen Perücken in eine spacige Zukunft, in der jede und jeder so sein kann, wie er oder sie will.

Dieses Ensemble steht in seiner Vielfalt für so etwas wie ein gelebtes Ideal und trägt die Ideen der Frauenbewegung, das Ideal der Gleichberechtigung vom Gestern ins Morgen. Luisa Wöllisch spielt selbstverständlich mit allen anderen, Lucy Wilke fährt im Rollstuhl über die Bühne. Jede und jeder hier hat eine eigene Geschichte, einen eigenen Hintergrund. Ihr Zusammenspiel macht Hoffnung für eine Zukunft nicht nur des Theaters, sondern auch der Gesellschaft. Luisa Wöllisch steht selbstbewusst als Marie Haushofer auf der Bühne. Sie stellt ihre Sätze in den Raum und lässt sie nachwirken. „Modern sein ist gewagt“, „Ist doch klar, dass Frauen viel mehr können als nur lieben“. Wöllisch spricht mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel lässt. So unverstellt sie bei unseren Begegnungen äußert, was sie denkt und was ihr durch den Kopf geht, so direkt spricht Luisa Wöllisch auf der Bühne. Ihre Klarheit kennt keine Ironie. Auf der Probe mit Nele Jahnke hat sie „Du hast mich tausendmal belogen“ von Andrea Berg gesungen – mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Suffragetten-Texte spricht. Luisa Wöllisch tut alles, was sie tut, mit einer Begeisterung und einem Charme, dem man sich kaum entziehen kann und will. Selbst vom schmachtigen Schlager fällt der ganze klebrige Glitter ab, wenn Luisa Wöllisch ihn singt. Sie steht dazu, was sie mag und wer sie ist. Stellt sich nicht über die Dinge. Und macht ganz nebenbei deutlich, dass wir anderen das vielleicht viel zu oft tun.

2018 drehte sie ihren ersten großen Kinofilm, „Die Goldfische“ von Alireza Golafshan, neben Tom Schilling, Jella Haase und Birgit Minichmayr. Der Film erzählt von einem Banker, der nach einem Autounfall querschnittsgelähmt ist und auf die schräge Idee kommt, mithilfe der Behinderten-Wohngruppe aus seiner Reha sein Schwarzgeld aus der Schweiz zu schmuggeln, getarnt als Ausflug zum therapeutischen Kamelreiten. Schließlich würde niemand in einem Kleinbus mit Behinderten Schmugglerware vermuten. „Die Goldfische“ ist ein frecher und witziger Film, der unverkrampft mit dem Thema Behinderung umgeht, Vorurteile und Vorbehalte nicht verschweigt, sondern sichtbar macht und dezidiert verschiedene Persönlichkeiten porträtiert, nicht Menschen mit versus Menschen ohne Beeinträchtigung. Luisa Wöllisch spielt Franzi, die überhaupt keine Lust auf Kamele hat, sondern Pony reiten will, und „Glamour“, eine Figur, die genau wie ihre Schauspielerin sehr klare Vorstellungen davon hat, was sie will.

„Ein Verlierer ist jemand, der solche Angst vor dem Verlieren hat, dass er es nicht einmal versucht.“ Das ist Luisas Lieblingszitat, aus dem Film „Litte Miss Sunshine“. Luisa Wöllisch hat keine Angst, sie kämpft für ihr Ziel. Und das ist: Schauspielerin sein. Sie möchte nicht nur Rollen mit Beeinträchtigung bekommen, erzählt sie im Kammerspiel-Podcast, sieht es den Filmleuten aber nach, dass sie „noch nicht so reif“ sind. Das Theater sei da schon weiter. Auch wenn es natürlich auch hier passiert, dass Menschen in Schubladen gesteckt werden, weil sie anders sind, dass man ihr weniger zutraut, als sie kann. Insgesamt ist sie aber mehr als positiv gestimmt, was ihre Zukunft angeht. „Alles, was ich erträumt habe, ist passiert“, sagt sie. Und strahlt.

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