Hitler, Faust, Freud und der Alm-Öhi: all das war Bruno Ganz

Von Michael Laages am 17.02.2019 • Bild: Cordula Treml

Im Grunde sei es doch ein Elend, dass ein so besonderer Schauspieler wie Bruno Ganz jetzt vor allem als Hitler-Darsteller in Erinnerung bleibe – das war eine der reflektierteren Würdigungen, als aus Zürich die Meldungen vom Tod des Schauspielers eintrafen. Im März wäre Ganz 78 Jahre alt geworden. Und in der Tat erzählen ja die allüberall losbrechenden Beschwörungen des keifenden Rumpelstilz-Führers im Berliner Bunker, wie ihn 2004 der Film-„Untergang“ zeigte, zwar auch sehr viel von der Fähigkeit des Künstlers zur Anverwandlung noch der hässlichste Teile deutscher Zeitgeschichte, aber eben auch die unverwüstliche Fixierung hierzulande auf den Anti-Deutschen an sich.

Das hat Bruno Ganz im Erinnern nicht verdient.

Und auch in der Gegen-Beschwörung, dem rühmenden Blick auf Peter Steins „Faust“-Marathon zur Expo 2000 in Hannover, wird immens viel verdrängt. Denn wenn einer wie Ganz tatsächlich die Horizonte der Meisterschaft vermaß, im Kino wie im Theater, dann ist da vor allem das Ergebnis eines Arbeitsweges zu würdigen – der ja eben nicht auf den Gipfeln begann, sondern im Tal.

Also zum Beispiel in Göttingen.

Dort, am Jungen Theater, der experimentellen Neugründung Mitte der 60er Jahre, beginnt der Theaterweg des jungen Schauspiel-Absolventen aus Zürich; und damit wird er Teil einer Generation, die Auf- und Umbruch vorantreibt. Der Weg führt weiter nach Bremen und zu Kurt Hübner, mitten ins allerwichtigste Theaterlabor jener Epoche, hin zu Peter Zadek, Wilfried Minks und Peter Stein – Bruno Ganz als „Torquato Tasso“ steht in den Geschichtsbüchern des Theaters. Und danach, mit dem Wechsel von Stein und einigen Vertrauten nach Berlin in die neu gegründete Schaubühne am Halleschen Ufer, ist der erste Gipfel erreicht.

Jetzt wird’s kurz persönlich – als 17jähriger Schüler besuchte ich bei einem familiären Routinebesuch in Berlin 1973 auch diese sensationell neue „Schaubühne“, und nach einer Vorstellung vom Labiche-„Sparschwein“ (Steins Phantasie vom Horror und Terror der Bürger auf Karl-Ernst Herrmanns Barrikaden-Bühne) gelingt tatsächlich ein Treffen in der Kantine; „Fan“ trifft „Star“, einfach nur so – und der Künstler erzählt frei von aller Hybris davon, wie Theater entsteht. Unvergessen bleibt das Treffen, bis zum Ende der Erinnerung wird diese nicht zu löschen sein.

Ganz nimmt bald zunehmend Abstand vom Theater, spätestens seit er (neben Schaubühnen-Partner Otto Sander) als Engel durch den Wim-Wenders-Film „Der Himmel über Berlin“ schwebt; fast kommt Ganz dem Theater ganz abhanden. Es ist bei ihm wie bei vielen, die einst mit Peter Stein arbeiteten: Sie finden niemanden mehr im Theater, der Stein entspräche. Mit allen, die danach kommen, tun sich Protagonisten wie Ganz sehr schwer. Von Bochum aus wurde gleich nach der Todesnachricht daran erinnert, dass Ganz dort 2006 den mörderischen Römer Titus Andronicus spielte in „Die Schändung“, dem Stück von Botho Strauß nach Shakespeare, in der Inszenierung von Elmar Goerden. Aber präsenter blieb Ganz bis zuletzt im Kino – noch im vorigen Jahr entstanden (trotz fortschreitender Krankheit) zwei Filme, zuletzt „Der Trafikant“ nach Robert Seethalers Roman. Da war Ganz als Sigmund Freud zu sehen.

Freud. Hitler. Faust. Der Berliner Engel. Die grandiosen Einzelgänger in den Filmen von Theo Angelopoulos, aber auch der Alm-Öhi in der „Heidi“-Verfilmung – Bruno Ganz konnte derlei solitäre Persönlichkeiten zu Unikaten verwandeln im Film; wie er im Theater in sanftem Beharren die Unverwechselbarkeit jeder einzelnen Rolle erkämpfte. Alles konnte er im Ich fixieren; fein und filigran ging er dabei vor, sanft und sensibel – mit dieser nun wirklich unvergleichlichen Stimme, die in der ersten gesprochenen Silbe kenntlich war. Wer diese Arbeit zu erkennen verstand (und bis heute nicht nur der Faszination erliegt vor dem zitternden, zeternden Monstrum im Führerbunker), der (und die) kann jetzt Abschied nehmen: von einem Weltstar des Kinos, der aus dem deutschen Theater kam.