Fischers Streamingwoche: 7.Teil

Von Jens Fischer am 08.05.2020 • Bild: privat
Das Bild zeigt: Unser Autor Jens Fischer schreibt wöchentlich über die Streaming-Angebote der Theater

Überraschung! In Sachsen sollen ab 18. Mai wieder kleinere Bühnenformate und Freiluftveranstaltungen genehmigt werden. Theater und Opernhäuser dürfen in Nordrhein-Westfalen ab dem 30. Mai „unter Auflagen" wieder öffnen, wenn der Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen Besuchern und die Hygienevorschriften eingehalten werden. Was unter anderem bedeutet, dass wohl nur maximal ein Drittel der Plätze belegt sein dürfen und Orchester nicht in voller Besetzung im Graben musizieren können. Klar auch, dass große Bühnen nicht so schnell aus dem Stand-by- in den Repertoire-Spiel-Modus wechseln können. Aber egal, das ist ein Signal – für ein Comeback der Normalität nach der Sommerpause. Bis dahin: streamen lohnt sich.

Volkstheater Wien

Wie es mit Nora nach der Trennung weitergehen könnte, hat Elfriede Jelinek 1979 in ihrem ersten Theaterstück dargestellt – Ibsens Dramenheldin landet als ungelernte Kraft in einer Textilfabrik. Der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek behandelt in seiner in Düsseldorf entstandenen Inszenierung die Krise der emanzipierten Frau. Um ihrem Arbeitgeber zu beeindrucken, spielt Nora ihr Ibsen’sches Vorleben als Kulturbeitrag beim Betriebsfest – die Darstellung gefällt, doch Nora rafft sich dann doch noch einmal zum Denken auf, statt einfach nur reich heiraten zu wollen, reflektiert sie die globalen Marktzusammenhänge: einstürzende Textilfabriken und mit Hungerlöhnen abgespeiste Frauen in Bangladesch vs. todschicker Klamotten in den Konsumtempeln der Marken-Shops. Einen Epilog hat Jelinek eigens für diese Aufführung geschrieben, die mit hoch intensivem Ensemblespiel prunkt, Stefanie Reinsperger gibt die Nora. Am 13. Mai ist Nora³ ab 18 Uhr für 24 Stunden online.

 

Het Muziektheater Amsterdam

Lady Macbeth von Mzenskvon Schostakowitsch, Martin Kušejs schonungslos realistische, atmosphärisch dichte Amsterdamer Arbeit von 2006 hat eine große Fanbase unter Opernliebhabern. Eine Aufzeichnung gibt es als DVD, die kostet aber 30 Euro. Nun ist die Produktion kostenlos mit dem wundervoll schauspielerisch geführten Sängerensemble zum Streamen online, ab 12. Mai, 19 Uhr. Über die Premiere hieß es in „Die Zeit“: „Es gibt Inszenierungen, in denen Katerina über alle Leichen und Zudringlichkeiten unbeschadet als unbezwingbare Symbolfigur weiblicher Selbstbehauptung hinwegschreitet. Aber der Regisseur Martin Kusej interessiert sich mehr für die Kräfte, die sie zugrunde richten. Er profiliert sich als detailgenauer Porträtist der menschlichen Niederträchtigkeit.“ Es dirigiert Mariss Jansons, Bühnenbild: Martin Zehetgruber, Eva-Maria Westbrook brilliert mit ihrer Interpretation der Katerina. Christopher Ventris ist als Sergei zu erleben.
 

Theater Pforzheim

Nicht putziges Getrippel zum Vivaldi-Gassenhauer „Die Vier Jahreszeiten“, sondern elegant ausformulierte vier Abschnitte eines Menschenlebens hin zum Tod im Winter kam unter der Regie des Ballettdirektors Guido Markowitz am 25. Januar in Pforzheim zur Uraufführung, wobei die Badische Philharmonie die 2005 mit elektronischen Klanglandschaften kombinierte „Recomposed“-Vivaldi-Version von Max Richter gespielt hat. Ganz in Schwarz erwachen die Tänzer aus einer Dystopie, der klimagewandelte Kollaps der Ökosysteme gebar die letzten Menschen als die ersten in einer neuen Zeit. Auf in den Frühling, Leichtigkeit, sprießende Leidenschaft. Da die Bewegungsabläufe noch so präsent sind, ihre Aufführung aber ja gerade verboten, hat das 14-köpfige Ensemble Teile der Choreografie in den von Marco Falcioni entworfenen Originalkostümen auf den Holzfußböden und Terrassendielen der mehr oder weniger winzigen, aber schicken, erschüttert gut aufgeräumten Privatwohnungen getanzt und sich dabei gefilmt zwischen Bett, Klamottenständer, Fernseher, Dusche und Mikrowelle. Die Szenen wurden vom Videofilmer Michael Maurissens ineinander geschnitten. „Being human“ ist die vierteilige Videoserie betitelt, die ersten beiden Folgen sind online bei Youtube.


Kosmos Theater Wien

Ein feministisch beschwingtes Haus ist am 15. Mai 2000 im Wiener Kosmos-Kino entstanden. Da die Festwoche zum 20. Geburtstag, „Stay with the trouble“, dank Corona nicht wie ursprünglich geplant stattfinden kann, verlegen die Betreiberinnen ihr Jubiläum ins Netz. Start ist am 11. Mai. Ab 20 Uhr versammeln sich Regisseurin Claudia Bossard und das Produktionsteam von „Das Werkvon Elfriede Jelinek (Premiere: Januar 2020), um im Live-Chat zum Streaming Hintergrundinfos auszuplaudern und Fragen zu beantworten. Der Mitschnitt wird bis Dienstag, 12. Mai, 18 Uhr, online abrufbar sein. In dem 2003 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichneten Stück geht es um zu Tode geknechtete Zwangsarbeiter der NS-Zeit und die Opfer eines  Seilbahnunglücks im Jahr 2000. In aller gebotenen Bösartigkeit schreibt Jelinek gegen eine Vergangenheitsbewältigung an, die Katastrophen als Schicksal definiert, für das sich niemand verantworten muss. Es geht um die Normalität des Bösen, um Größenwahn und Gier. „Wie witzig das Grausame, wie poetisch das Monströse und wie stark eine Produktion in einem kleinen Theater sein kann“, das habe das Kosmos Theater mit „Das Werk“ gezeigt, verkündet der ORF.
 

Staatsoper Stuttgart

Die Premiere wurde gefeiert – und ausgebuht. Jetzt kann jeder überprüfen, welcher Fraktion er sich anschließend möchte. Am heutigen 8. Mai, ab 17 Uhr, steht die  jüngste Neuproduktion der Staatsoper aus dem Februar 2020 online: „BORISin der Inszenierung von Paul-Georg Dittrich verzahnt Modest Mussorgskis Historien-Drama „Boris Godunow“ mit der Uraufführung von Sergej Newskis „Secondhand-Zeit“, einem Auftragswerk der Staatsoper. Ein Gipfeltreffen von altem und neuem Avantgardisten als Erinnerung an die Opfer menschlicher Gewalt. Deutsche-Bühne-Chefredakteur Detlef Brandenburg und Opernkritiker Klaus Kalchschmid erklären ihre ambivalente Sicht der Dinge zum Lustmachen, sich selbst mit dem Opernabend auseinanderzusetzen. 
 

TamS Theater München

Jubiläum bleibt Jubiläum. Auch im Coronajahr. Vor genau 50 Jahren wurde eine Hinterhofbühne gegründet, fand sein Publikum und ist inzwischen eine Münchner Institution: das TamS, das Theater am Sozialamt in Schwabing. Inspiriert von der Kunst Karl Valentins einstand ein Ort „für das Querständige und Schräge, das Paradoxe und Versponnene, für die Poesie und die Melancholie“, wie die Süddeutsche Zeitung zum Geburtstag schrieb. „Hier lebt die Fantasie schon sehr lange zusammen mit dem Humor und in einer Art Gütergemeinschaft", notierte Kabarettist Gerhard Polt im Jubiläumsbuch. Zur Feier bringt das TamS ein Stück online zur Premiere. Ursprünglich als Film im Theater geplant, hat sich Regisseur Arno Friedrich aufgrund der Pandemie-Entwicklungen entschlossen, das Projekt „Womöglich weltfremd“ als Theater im Film zu realisieren. Es handelt sich um den Dialog von Mann und Frau in der unendlichen Weite eines Ozeans, auf den Segeln ihres Floßes schauen beide Bilder aus 50 Jahren TamS-Geschichte: Valentinaden, Brandstiftereien, Weltuntergänge und Riesenblödsinn, Königsdramen, Kassenschlager und Katastrophen... Online-Premiere am 9. Mai um 20:30 Uhr hier.
 

Thalia Theater

Mit einem feinnervigen Ensemble, unprätentiös großer Emotionalität und psychologischer Komplexität erzählte Luk Perceval mit Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ von der Welt der kleinen Leute. Zeichnet die Romanfiguren mit großer Liebe und spannt die Inszenierung stimmungsdicht auf zwischen Angst, Zynismus bis hin zur Groteske. Ein wirklich berührender Abend um die Einsamkeit und die Angst im Widerstand gegen die Nazis, eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2013. Das Thalia Theater zeigt die Produktion zum heutigen 75. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Das Video ist ab 19 Uhr abrufbar und dann für 24 Stunden verfügbar.
 

Burgtheater Wien

Die haben einfach die Ressourcen – und nutzen sie. Das Burgtheater lud österreichische und in Österreich lebende Autoren ein, Monologe für das Ensemble in Quarantäne zu schreiben. Wirklich namhafte Autoren arbeiten also mal eben für die erste Garde deutschsprachiger Schauspieler. Eine Reihe von Uraufführungen entsteht für diese „Wiener Stimmung“ betitelte Reihe – Momentaufnahmen des aktuellen Pandemie-Zustandes. Wobei die Darsteller gleich mehrere Aufgaben übernehmen, denn auch Kamera, Licht, Requisiten, Kostüm und Maske liegen in ihrer Hand – online unterstützt werden sie dabei jeweils von einem Regisseur und einer Video-Art-Künstlerin. Die ersten drei Folgen sind online: Kathrin Röggla hat den Text „Klare Kante“ verfasst über die Untiefen einer Zoom-Kommunikation, hinreißend komödiantisch gespielt von Sarah Viktoria Frick.  Franzobel schrieb für einen tragisch grummelnden Norman Hacker den Text eines Mannes, der mit seinem Spiegel spricht. Im Jahr X irgendeiner Krise. Papiergeld ist keines mehr da, dafür sind neue Kilos auf den Rippen. Morgen, 9. Mai, hat „Ilvy“ Premiere: David Schalko entwirft für Mavie Hörbiger die Rolle einer Bloggerin, die einen Literaturzirkel leitet, der Corona-bedingt boomt und ihr ein Zauberbergfeeling daheim spendiert, aber auch Erkenntnisse, wie das Liebesleben neu geordnet werden muss. Jeweils am Donnerstag und Samstag, ab 18 Uhr, präsentiert das Burgtheater eine neue Folge derWiener Stimmung“.

 

Liebe Theatermenschen, wer neue Online-Aktivitäten welcher Art auch immer ankündigen oder darauf hinweisen möchte, was schon (und bis wann noch) im Internet zu sehen ist – ich freue mich, wenn Sie einfach eine Mail schreiben mit Daten, Infos und Links an Jens Fischer unter coronatheater@aol.com