Fischers Streamingwoche: 6.Teil

Von Jens Fischer am 01.05.2020 • Bild: privat
Das Bild zeigt: Unser Autor Jens Fischer schreibt wöchentlich über die Streaming-Angebote der Theater

An der Absage-Orgie für Kulturveranstaltungen nehmen nun auch die Theaterfestivals teil. Schmerzhaft, wie viele Veranstalter mitteilen, die manchmal auch resignativ klingen, staatstragend aber meist noch eine große Portion Einverständnis mit der pandemischen Lockdown-Politik folgen lassen. Offensiv widerständig gegen die Kulturverbotspolitik bei gleichzeitiger Konsumermöglichungspolitik gab sich bisher nur die Ruhrtriennale-Leitung in Nordrhein-Westfalen. Für eine andere Reaktion als die beschriebenen ist das Staatstheater Braunschweig Vorreiter. Das für analoges Miteinander geplante „Anders schreiben“-Festival wurde fix in den virtuellen Raum verlegt. Andere Festivals werden folgen.
 

Berliner Theatertreffen

Während Gottesdienste, Kaufhäuser und Museen wieder öffnen sollen, musste das Theatertreffen-Team mitteilen, dass es erstmals in seiner 57-jährigen Geschichte nicht stattfinden kann. Alternativ präsentieren die Berliner Festspiele an neun Tagen nun ein virtuelles Theatertreffen mit Aufzeichnungen von sechs der zehn ausgewählten Produktionen, einem Diskursprogramm zum Themenschwerpunkt „Digitale Praxis am Theater“ sowie Gesprächen und der Jury-Abschlussdiskussion. Diese Online-Veranstaltungsreihe eröffnet am heutigen 1. Mai, ab 20 Uhr, mit der 3sat-Fernsehaufzeichnung der Bochumer Shakespeare-Inszenierung „Hamlet“ in der Regie von Johan Simons, erstmalig mit einer Audiodeskription für blinde und sehbehinderte Menschen und Untertiteln für taube und schwerhörige Menschen. Es folgen am 2. Mai „Anatomie eines Suizids“ in der Regie von Katie Mitchell (Deutsches Schauspielhaus Hamburg), am 3. Mai „Die Kränkungen der Menschheit“ in der Regie von Anta Helena Recke, am 5. Mai „Süßer Vogel Jugend“ in der Regie von Claudia Bauer (Schauspiel Leipzig), am 6. Mai „Chinchilla Arschloch, waswas“ in der Regie von Helgard Haug und am 8. Mai „The Vacuum Cleaner“ in der Regie von Toshiki Okada (Münchner Kammerspiele). Die Aufzeichnungen stehen jeweils ab 20 Uhr für 24 Stunden zum Abruf bereit bei den Berliner Festspielen – ebenso auf den Websites der produzierenden Partnertheater sowie auf nachtkritik.de
 

Staatstheater Mainz

Ein Abend, für den Vincent Doddema selbst den Text schrieb, Regie führte und auf der Bühne steht: Im Februar feierte der SoloabendWas denn da fehlt oder Wie ich im Datingportal Foucault kennen lernte” seine Uraufführung. In der kontaktlosen Coronazeit ein prima Projekt, es berührungslos für den Online-Gebrauch frisch zu produzieren. In Zusammenarbeit mit Fotograf Andreas J. Etter, der Kamera und Schnitt übernommen hat, ist eine neue Fassung entstanden, die bis 22. Mai auf der Website des Staatstheaters in Mainz in voller Länge zur Verfügung steht. Ensemblemitglied Doddema erzählt Biografisches und Philosophisches sowie vom Unvermögen, davon zu erzählen. Im Laufe der Zeit stößt er auf Gestalten wie Karl Marx, Michel Foucault oder Pierre Bourdieu, aber auch auf Figuren seiner Vergangenheit – und der Abend wird zu einer Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft und im Leben. 
 

Deutsche Oper am Rhein

Ein choreografisches Prunkstück des Œuvres von Martin Schläpfer ist seine Choreografie „Petite Messe solennelle“ zur gleichnamigen Komposition von Gioacchino Rossini. „Gibt sich jemand einem wirklich religiösen Auftrag hin, ist das eben nicht Sicherheit, sondern eher Zweifel und permanentes Ringen, wie man aus gewissen Biografien weiß. Das ist beim Künstler auch so. Wie Rossini. Diese Messe ist so nicht-bemüht. Porös. Ein Schwappen zwischen Hingabe und Zweifeln. Das ist nicht mal dramatisch. Auch hat es eine Leichtigkeit, die meinem Älterwerden entspricht“, sagte Schläpfer dem Wiesbadener Kurier. Und so sieht die zwischen Leben und Gelebtem, Geistigem und Göttlichem, Niedrigem und Hohem, Tanz, Theater, Poesie und Commedia dell’arte pendelnde Choreografie auch aus, die 2017 im Opernhaus Düsseldorf uraufgeführt wurde. In der Regie von Peter Schönhofer wurde die Produktion 2017 aufgezeichnet, auf der Opern-Homepage steht diese Fernsehfassung bis zum 15. Mai kostenlos zur Verfügung.
 

Thalia Theater Hamburg

Sie war eine signifikanten historischen Inszenierungen des deutschen Theaters: Heiner Müllers „Hamletmaschine“ in der Regie von Robert Wilson, eingeladen zum Berliner Theatertreffen 1987. Um nicht zu verlieren, was gut und einflussreich war, zeigt das Hamburger Thalia Theater nun diese Produktion aus der ehemaligen Nebenspielstätte in der Kunsthalle. Der Text ist angerichtet als Fragment, ohne Figuren, Psychologie, Handlung und dramatischem Konflikt. Erzählt wird von der unausweichlichen Logik des Tötens und Getötetwerdens, von Gewalt, Ausgeliefertsein und Unterwerfung. Heiner Müller komponierte 1977 das Szenario, das die Verschmelzung von Mensch und Maschine im digitalen Zeitalter antizipiert. Bei Wilson tritt der Text aus seiner Hauptrolle zurück, der Designer-Regisseur schafft eine ästhetische Parallelwelt, die neben dem verzweifelnden Anspielungsreichtum des Autors noch weitere Lesarten ermöglicht. Wie hieß es zur Premiere so schön in der ZEIT: „Robert Wilsons weltberühmte Automaten: Nie ist man sich wirklich sicher, ob man einer kalten ästhetischen Konstruktion zuschaut oder einem taghellen Traum; ob die Schauspieler bloß aufgezogen sind oder wirklich verzaubert; Sklaven ihres Regisseurs oder Fußgänger der Luft, vom Schweiß der Verstellungen, den Mühen der Menschendarstellung endlich erlöst. Wie geistesabwesend wirkt ihr Spiel – und doch vollkommen geistesgegenwärtig.“ Heute, 1. Mai, ab 19 Uhr, und dann für 24 Stundenist die „Hamletmaschineauf der Thalia-Website zu sehen.
 

Deutsches Theater Berlin / Düsseldorfer Schauspielhaus / Schauspiel Hannover / Residenztheater München / Staatstheater Nürnberg

Nicht einfach nur Archivmaterial streamen, sondern selbst Texte schreiben, inszenieren und übers Internet verbreiten, dazu haben sich fünf Theater zusammengetan. Zehn ihrer Ensemblemitglieder sind in der Webserie „zeitfüreinander - Dating in Zeiten von Social-Distancing“ zu sehen. Sie kreieren aus der Isolation heraus mit Regisseurin Anne Lenk ihre Figuren, die sich auf eine virtuelle Suche nach Nähe begeben sollen. „Über eine fiktive Webseite für online Speed-Dating treffen sie in kurzen, improvisierten Tête-à-Têtes erstmals aufeinander, lernen sich kennen und gehen auf digitale Tuchfühlung“, verheißt die Pressemitteilung zum Projekt. Fünf Dating-Runden werden gestaffelt gezeigt. Jedes Theater präsentiert jeweils eine Folge ab 19.30 Uhr auf seiner Webseite: Start ist heute am 1. Mai am Deutschen Theater Berlin, gefolgt am 2. Mai vom Düsseldorfer Schauspielhaus und am 3. Mai vom Schauspiel Hannover. Wie es mit den Paaren weitergeht zeigen das Residenztheater München am 4. Mai und das Staatstheater Nürnberg am 5. Mai. Auf der Webseite www.zeitfuereinander.com werden alle Folgen ab dem 6. Mai gebündelt zu sehen sein.
 

Landestheater Niederösterreich

Sollte Sonntagnachmittag das Wetter nicht so frühlingshaft ins Freie locken, bietet das Landestheater Niederösterreich für alle ab vier Jahren einen herzlich clownesken Emanzipationsspaß: „Die dumme Augustine“. Als Frauen Anfang der 1970er Jahre für ihre Rechte kämpften, erschien dieser poetisch-humorzarte Bilderbuchklassiker von Otfried Preußler. Eine Geschichte über Selbstvertrauen, Unabhängigkeit und den Mut, an seine Talente und Träume zu glauben. Ist doch die Titelfigur von ihren Haushaltspflichten recht gelangweilt. Als sie eines Tages in der Zirkusmanege für ihren Mann, den vor lauter Zahnschmerz zu keinem Spaß aufgelegten Clown, einspringen darf, macht sie das so gut, dass er anschließend vorschlägt, von nun an würden sie gemeinsam Zirkusjob und Haushalt schmeißen ... Regisseurin Jana Vetten inszeniert die Geschichte heiter optimistisch und kunterbunt fidel in einer Zirkusmanege. Zu erleben am 3. Mai, ab 16 Uhr und dann für 24 Stunden. 
 

Neue Bühne Senftenberg

Statt sich im ruhenden Spielbetrieb auszuruhen, rief die Senftenberger Bühne die „#instaspielzeit“ auf ihren Social-Media-Kanälen aus. Gruselmärchen, Shakespearerätsel, Werkstattberichte und Spielideen aus der Theaterpädagogik fanden ihren Weg ins Internet. Jetzt kommt die Krönung mit einer Uraufführung: Der deutsch-italienische Autor Nicola Bremer schrieb „Radio Einsamkeit“, quarantänisiert in den Schweizer Alpen bei seinen Eltern. Das Stück erzählt laut Theaterangaben „von der Einsamkeit, die die europäischen Gesellschaften schon lange vor der Corona-Epidemie befallen hat. Von der sozialen Kälte und der Entfremdung im Kapitalismus und vom Wunsch, jemand anderes woanders sein zu wollen.“ Die Proben zur Umsetzung fanden in Videokonferenzen statt. Die Beteiligten sitzen in ihren Homeoffices in zwei Ländern, vier Bundesländern und sieben Städten. Regisseur Maximilian Pellert genoss an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg eine multimediale Ausbildung zwischen Theater und Film, passt also prima zu diesem Projekt. Die Uraufführung findet als zweigeteilter Theaterfilm statt am 5. Mai (1. Teil) und 12. Mai (2. Teil).


Schlosstheater Moers

„Helm ab Helm ab: Wir haben verloren! Die Kompanien sind auseinandergelaufen. Die Kompanien, Bataillone, Armeen. Die großen Armeen. Nur die Heere der Toten, die stehn noch. Stehn wie unübersehbare Wälder: dunkel, lila, voll Stimmen. Die Kanonen aber liegen wie erfrorene Urtiere mit steifem Gebein. Lila vor Stahl und überrumpelter Wut. Und die Helme, die rosten. Nehmt die verrosteten Helme ab: Wir haben verloren.“ So beginnt „Das ist unser Manifest“ von Wolfgang Borchert, eine Abrechnung voller Wut und Traurigkeit mit der von Nationalsozialismus und Krieg geraubten Jugend, ein Text, der sich schließlich zu einer kompromisslosen Aufforderung zur Liebe inmitten von Trümmern und Tod entwickelt. Zum 75. Jubiläum des Kriegsendes am 8. Mai wird sich Matthias Heße, Schauspieler am Schlosstheater Moers, dem Text 75 Mal hintereinander schauspielerisch annähern – jedes Mal auf unterschiedlichen Wegen mit ihm ringen. Geschätzte Dauer: 24 Stunden. Die Performance findet statt am 8. Mai, ab 12 Uhr, im Studio des Schlosstheaters. Dabei wird Heße gefilmt und das Video live über die Theater-Homepage ausgestrahlt. 
 

Hans Otto Theater Potsdam

Das Stück passt zum aktuellen Online-Boom. Und kommt heimtückisch sympathisch daher. Autor Philipp Löhle verteufelt nicht die Digitalisierung des Alltags und eine Verlagerung des Lebens ins Internet, er personalisiert es und gibt ihm den Namen Herr Kwant. Erst hilft dieser dienstbeflissen hier und dort, mischt sich dann aber zunehmend ein, weiß alles besser und verführt zur Anschaffung von Dingen, die niemand braucht. Das System Kwant, oder Siri oder Alexa, errichtet still und leise im Rücken der abhängig gemachten Menschen eine Diktatur algorithmisch arbeitender KI. Zu sehen ist diese Komödie „Die Mitwisser" am Samstag, 2. Mai, 19.30 Uhr, als erste digitale Premiere des Hans Otto Theaters. Die Inszenierung von Regisseur Marc Becker, ein Fachmann für groteske Komik mit Hang zum Absurden, war ursprünglich für 13. März in der Reithalle geplant, konnte aber wegen der Corona-bedingten Einstellung des Spielbetriebs am selben Tag nicht mehr stattfinden. Nun zeigt das Hans Otto Theater den Mitschnitt der Generalprobe vom 12. März erstmals und einmalig als Online-Premiere auf der eigenen Website und auf dem Youtube-Kanal des Theaters. Er ist anschließend noch 24 Stunden lang verfügbar. Im Anschluss an die Online-Premiere besteht die Möglichkeit, mit den Schauspielern bei Youtube live zu chatten und sich über das Gesehene auszutauschen. „Die echte Premiere“, teilt das Theater mit, werde im Laufe der nächsten Spielzeit nachgeholt.
 

Liebe Theatermenschen, wer neue Online-Aktivitäten welcher Art auch immer ankündigen oder darauf hinweisen möchte, was schon (und bis wann noch) im Internet zu sehen ist – ich freue mich, wenn Sie einfach eine Mail schreiben mit Daten, Infos und Links an Jens Fischer unter coronatheater@aol.com