Fischers Streamingwoche: 5.Teil

Von Jens Fischer am 24.04.2020 • Bild: privat
Das Bild zeigt: Unser Autor Jens Fischer schreibt wöchentlich über die Streaming-Angebote der Theater

Nun ist es amtlich. Nachdem Theater erst gar nicht auftauchten in den merkelsch geschmähten Öffnungsdiskursorgien, beschließen nun Stadt- und Landesobere, dass die Spielzeit 2019/20 nicht nur bis Anfang Mai auszusetzen, sondern zu beenden sei. „Sehr optimistisch“ plant beispielsweise Michael Börgerding, Intendant des Theaters Bremen, im September wieder spielen zu lassen. Befürchtungen, dass erst 2021 wieder Theater vor Publikum stattfinden kann, bleiben virulent und werden von der Politik derzeit nicht desinfiziert. Also dürfen wir uns noch länger mit digitalen Ersatzangeboten erfreuen, aber vielleicht auch neue Formate entdecken.  

 

Flämische Oper Antwerpen

In hochgelobte, vielfach prämierte Inszenierungen endlich mal hineinstöbern, sich also online einen Eindruck verschaffen zu können, bleibt eine gern genossene Folge der abgeschalteten Live-Kultur-Infrastruktur. Regisseurin Tatjana Gürbaca ist bekannt dafür, Opern von ihrer eigenen Aufführungstradition zu befreien und sie von heute aus zu verstehen. Ihr gelang eine solche Produktion an der Flämischen Oper im Jahr 2013. Die jetzt online gestellte Version des Wagner’schen Weihefestspiels „Parsifal ist ein Mitschnitt der Wiederaufnahme am 1. April 2018 und kommt in einem offenen, reduzierten Bühnenbild als hoch konzentriertes Kammerspiel mit psychologisch austarierter Personenführung daher. „Dass in der Spiritualität des Grals das Heil liegt und in der Sinnlichkeit Kundrys das Verderben – diesen Dualismus lässt die Antwerpener Inszenierung nicht gelten. Erlösung kann folgerichtig nicht stattfinden“, heißt es in der Premierenkritik des Deutschlandfunks. Final schauen alle erwartungsfroh in den leeren Himmel, ein Wunder aber bleibt aus … Es dirigiert Cornelius Meister, es singen Erin Caves (Parsifal), Tanja Ariane Baumgartner (Kundry), Kay Stiefermann (Klingsor), Stefan Kocan (Gurnemanz), Christoph Pohl (Amfortas) und Markus Suihkonen (Titurel).

 

Gorki Berlin

Auch das: legendär! „Verrücktes Blut“ von Regisseur Nurkan Erpulat und Dramaturg Jens Hillje kam im Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße heraus, wurde bei der Ruhrtriennale gefeiert, zum Berliner Theatertreffen eingeladen, ist dann mit dem Ballhausteam ins Gorki umgezogen. Auf dem ersten Blick feiert das Stück vermeintliche Klischees: Migrantische, muslimische, bildungsferne Macho-Jungs und unterwürfige Kopftuchmädchen spielen Friedrich Schillers Sturm-und-Drang-Stück „Die Räuber“ und sind dabei mit einstigen deutschen Bildungs- und heutigen Leitkulturidealen konfrontiert. Eine Lehrerin nimmt diese widerspenstige Multikulti-Klasse als Geisel. Damit beginnt laut Gorki-Info „ein abgründiger Tanz der Genres vom Thriller über die Komödie zum Melodrama und die lustvolle Dekonstruktion aller vermeintlich klaren Identitäten.“ Die klug komische, rasante Performance ist am Mittwoch, 29. April, ab 18 Uhr und dann für 24 Stunden online.

 

Sasha Waltz & Guests

Nach dem Tod von Pina Bausch ist Sascha Waltz die Marke für zeitgenössischen Tanz in Berlin, Bewegungsbilder für große Ensembles sind ihre Stärke, das Wogen von Gruppen, Verketten von Körpern, das Bahnen von Wegen, Markieren von Grenzen und ihren Öffnungen. Waltz kann traumwandlerisch Atmosphären erzeugen und Räume vibrieren lassen von der Kunst ihrer fantastischen Tänzer. Wider unsere tanzlosen Coronazeiten zeigt die Streaming-Plattform Arte-TV bis 8. Mai drei Choreographien von Sasha Waltz: neben den älteren Filmversionen von „noBody”und „Allee der Kosmonauten” jetzt auch „Kreatur als Video-on-demand. Das Stück feierte 2017 Premiere im Berliner Radialsystem, 2018 schufen Bettina Borgfeld und Jochen Sandig die filmische Version der Choreographie.

 

Staatstheater Braunschweig

Die Thementage „Anders schreiben“ hat das Staatstheater Braunschweig in Rekordzeit zu einer digitalen Veranstaltung umorganisiert, die vom 28. April bis 2. Mai stattfindet. „Nicht trotz, sondern gerade wegen der aktuellen Situation ist diese Auseinandersetzung so interessant wie nie: Was passiert mit einem Theatertext, wenn es kein Theater mehr gibt?“, heißt es in der Einladung. In Podcasts reden Autoren über ihre Ur- und Erstaufführungen und untersuchen, was die Themen zeitgenössischer Dramatik sind – und wie sich diese politisieren. Eine Lecture Performance der Künstlergruppe Andcompany & Co., eine interaktive Telefonperformance der Autorin Kyra Mevert und eine Show mit Eloquentron 3000 sollen online gehen, unter dem Titel „Tage der Jungen Dramatik“ auch fünf Stücke junger Autoren in szenischen Aufbereitungen präsentiert und zum Ende der Thementage von einer Jury prämiert werden. Hier ist das vollständige Programm der Digitalen ThementageAnders schreiben” zu finden und zu streamen.

 

Theater Junge Generation Dresden

Der Esel: altersschwach. Der Jagdhund: halbblind. Die Katze: schwerfällig. Ein Hahn: auserkoren für ein Lebensende im Kochtopf. Das Tier-Quartett „Die Bremer Stadtmusikanten" wurden vor 201 Jahren erstmals veröffentlicht. In einer Mischung aus Erzähl- und Puppentheater hat Lorenz Seib den Stoff in seiner eigenen Fassung uraufgeführt und betont, die Spieler seien wie die vier Tiere „alle gleich, dass sie so unterschiedlich sind“. Aber sie haben eine gemeinsame Aufgabe: ihr Leben retten, neue Perspektiven entwickeln und den musikalischen Einsatz der Gesangsnummern nicht verpatzen. In der Familien-Inszenierung wird die Moral schnell deutlich. Nicht jeder kann alles, aber gemeinsam kann man sich gegenseitig beflügeln: einer für alle und alle für einen. Für Menschen ab sechs Jahren ein schöner Spaß in Sachen Solidaritätsschulung. Die Aufzeichnung der Stadtmusikanten-Generalprobe aus dem Jahr 2019 zeigt das Theater Junge Generation auf seiner Website

 

Schauspielhaus Graz

Karl Böhm ist Grazer, einer der berühmtesten Söhne der Stadt. 1894 im Böhm-Schlössl an der Kernstockgasse 21 geboren, begraben auf dem Grazer Steinfeldfriedhof. Zwischen Geburt und Begräbnis liegen fast 87 zwiespältige Lebensjahre: Einerseits war Böhm einer der bedeutenden Dirigenten des 20. Jahrhunderts,  andererseits ein Mensch, der sich mit dem Nationalsozialismus gemein machte, um seine Karriere voranzutreiben. Mitläufertum oder mehr? „Böhm“ von Paulus Hochgatterer erzählt davon online bis 1. Mai. Die Produktion von und mit Nikolaus Habjan wurde vielfach ausgezeichnet und hat reichlich Gastspiele in Europa hinter sich. Wer sie verpasst hat, kann nun online zuschauen wie Schau- und Puppenspieler, Komödiant und Stimmenimitator Habjan alle 15 Rollen des Stücks allein bewältigt. „Das ist so hochkomisch wie bestürzend und herzangreifend realistisch. Man weiß kaum worüber man mehr staunen muss. Über die Virtuosität, mit der Habjan die Charaktere nicht nur zum Leben erweckt, sondern zwischen ihnen hin- und herspringt, über seine Beobachtungsgabe und Musikalität“, heißt es im Münchner Merkur. Aktuell reagiert Habjan auch mit seiner Figur Berti Blockwardt satirisch auf übervorsichtiges Verhalten während der von der Regierung verordneten Ausgangssperre zur Eindämmung des Corona-Virus, die „Geschichten aus der Wiener Kwarantäne“ sind auf Youtube zu erleben.

 

Hebbel am Ufer Berlin

Den Webdienst Zoom als Medium der Kommunikation sowie das eingesperrte und gleichzeitig durcheinander gewirbelte Leben in Zeiten der Kontaktsperre nutzen Forced Entertainment, das seit 1984 anarchisch clownesk arbeitende Theaterkollektiv, für ihre aktuelle Produktion „End Meeting for All”, einem Online-Gruppentreffen, das laut Pressemitteilung „ständig von Kindern, Katzen, Geistern, lärmenden Nachbar*innen und dem ominösen Jemand an der Tür unterbrochen wird“, so dass es zu Unterhaltungen nicht wirklich kommt und Verbindungen nie entstehen. Aus ihrem jeweiligen Zuhause in Sheffield, London und Berlin wollen sich die Forced-Entertainment-Mitglieder in ein Chaos stürzen aus Kostümen, unstimmigen Intentionen und elektronischen Fehlleistungen. Premiere ist am Dienstag, 28. April, 21 Uhr, auf Youtube.

 

Tübinger Zimmertheater

Ein kollektiver theatraler Spaziergang sollte dem Tod eine Bühne bieten und am 25. April am Zimmertheater Premiere feiern, sie findet nun statt unter dem Titel „Freund Hein. Ein theatraler Trauerzug", der Termin steht, aber alles andere ist modifiziert – entsprechend den theaterverhindernden Umständen. Autorin Hanna Zufall schreibt: „In dieser Zeit, in der so vieles nicht mehr möglich ist, kann man immer noch spazieren gehen. Wir können immer noch für Sie die Bühne betreten. Eine imaginäre Bühne! Wir werden Ihnen so nah kommen, wie lange nicht mehr. Wir kriechen Ihnen ins Ohr und bringen in die Stimmen in Ihrem Kopf zum Tanzen. Gehen Sie mit uns spazieren. Denken wir über das Sterben nach.“ Zu erleben bei einem kontaktsperregemäß ergehbaren Audio-Walk mit dem Tod. Tickets und alle weiteren Infos gibt es hier.

 

Theater Bielefeld

Auch in Bielefeld macht das Theater diese Saison nicht mehr auf – aber gemeinsame Sache mit ebenfalls geschlossenen Geschäften, Lokalen und Kultureinrichtungen. Dort wurden Filme gedreht. Schauspieler Lukas Graser ist im Fahrradladen mit einem Auszug aus Juli Zehs „Neujahr“ zu erleben, Kontrabassist Manfred Rössl spielt in einem Restaurant, Tänzer Alexandre Nodari improvisiert im Kunstforum, Verdis „Rigoletto“-Arie „La donna è mobile“ gibt Tenor Daniel Pataky bei einem Hutmacher zum Besten, für die spartenübergreifende Performance des Hildegard-Knef-Lieds „17 Millimeter“ haben Schauspieler und Tänzer in einem Bunker zusammengefunden. Alle Videos sind bei Youtube zu sehen.

 

Schauspiel Dortmund

Kay Voges‘ Inszenierung „4.48 Psychose“ von Sarah Kane ist am Samstag, 25. April, ab 18 Uhr, zu sehen. Unter dem Motto Déjà-vu zeigt das Schauspiel Dortmund seit Ende März eine kleine Retrospektive der zehnjährigen Voges-Ära. Also Hightech-Theater. Das heißt in diesem Fall: Da Kane in „4.48 Psychose“ ihre Depression irgendwo zwischen Biochemie, Psychologie und Philosophie thematisiert, inszeniert Voges auf der Bühne die Schnittstelle von Körper und Geist, analogen Daten und digitalen Impulsen – Computer-, Video- und Musikfreaks kreieren aus Körpersignalen wie Herzschlag, Körpertemperatur und Atemfrequenz der Schauspieler die Klang- und Videobilder der Produktion 


Schauspiel Stuttgart

Einen Baudelaire‘schen Tipp wider das furchtbare Joch unserer Zeit atmet das Stuttgarter Schauspielensemble-Mitglied Martin Bruchmann in seine Handykamera: Es ist Zeit, sich zu berauschen! Um nicht die gequälten Sklaven der Zeit zu sein …

Liebe Theatermenschen, wer neue Online-Aktivitäten welcher Art auch immer ankündigen oder darauf hinweisen möchte, was schon (und bis wann noch) im Internet zu sehen ist – ich freue mich, wenn Sie einfach eine Mail schreiben mit Daten, Infos und Links an Jens Fischer unter coronatheater@aol.com