Fischers Streamingwoche: 4.Teil

Von Jens Fischer am 17.04.2020 • Bild: privat
Das Bild zeigt: Unser Autor Jens Fischer schreibt wöchentlich über die Streaming-Angebote der Theater

Ganz sanft gelockerter Lock-Down, Bibliotheken sollen wieder öffnen, Schulen teilweise, in kleinen Geschäften darf wieder eingekauft werden. Schon melden sich die großen Geschäfte mit dem Vorwurf „Marktverzerrung“ zu Wort, der Hotel- und Gaststättenverband mahnt die Öffnung seiner Betriebe an, Sportvereine fordern vorsichtiges Hochfahren ihrer Angebote. Und die Theater? Das in Bamberg schätzt als erste deutsche Bühne die Situation für diese Spielzeit als hoffnungslos ein und teilt mit, dass bis zum Beginn der Saison 2020/21 im Oktober die Bühnen des Hauses für keine Veranstaltung mehr öffnen werden. Also weiter streamen. Wofür die Zeit auch zu nutzen ist, zeigt die Requisite der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz – zu sehen bei Facebook.


Oper Halle

Das Trauerspiel um die Nichtverlängerung der innovativen, politisch herausfordernden Opern-Intendanz von Florian Lutz in Halle macht Lust, sich noch einmal klar zu machen, was sein Team dort in den letzten vier Jahren ermöglicht hat. Deswegen stellt die Oper jetzt jede Woche eine Produktion online. Am 23. April, ab 18 Uhr, zu sehen ist die Oper „Sacrifice“ von Sarah Nemtsov, Text von Dirk Laucke, uraufgeführt von Florian Lutz. Unser Kritiker schrieb: „Ein Musiktheatererlebnis der Extraklasse ist es.“ Es handelt von zwei deutschen Frauen auf dem Weg nach Syrien in den Djihad. 


Theater Thikwa Berlin

Da es zunehmend selbstverständlich wird, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam auf der Bühne repräsentieren, ist sicherlich auch ein Verdienst des Berliner Theaters Thikwa, eine Pionier der Inklusion im künstlerischen Bereich. Quietschfidele Ansätze aus verschiedenen Genres und Kulturen nehmen Behinderung nicht als defizitär wahr, also etwas das den hegemonialen Bildern von Schönheit, Professionalität und Perfektion wiederspricht, sondern als Potenzial, eben diese Konventionen zu verändern. Das Theater hat ihr Archiv geöffnet und stellt als Couch-Theater Klassiker aus 30 Jahren Theaterschaffen vor. Mein Tipp: „Dschingis Khan“, in Kooperation mit den Monster-Truck-Performern stehen Menschen mit Down-Syndrom wie in einer Völkerschau auf der Bühne – als langmähnige, wilde Mongolen, wurden sie doch einst als „mongoloid“ bezeichnet. Völkische Stereotype treffen auf die zum Thema Behinderung. 


Prinz Regent Theater Bochum

„Die Hausherren“ von Rafael Ossami Saidy gewann 2019 den Dramatikwettbewerb „Spiel.FreiI.Gabe“ der Bochumer Bühnen Rottstr 5, Zeitmaultheater und PRT. Das Zwei-Personen-Stück spielt in einer verwahrlosten Küche, was draußen vor der Tür geschieht, wissen die trostlos vor sich hin hausenden Protagonisten nicht so richtig. Die Parallelen zu unserem Alltag im Ausnahmezustand scheinen auf der Hand zu liegen. Folkwang-Regiestudentin Damira Schumacher inszeniert den Text nun kontaktverbotsgemäß nicht wie geplant für die Bühne, sondern als Online-Videokonferenz: Dabei spielen Pascal Riedel und Helge Salnikau jeweils von zuhause aus in Köln und in Bochum für das von daheim zugeschaltete Publikum. Voraussetzung für die Teilnahme ist ein internetfähiger Computer oder ein entsprechendes mobiles Endgerät. Premiere soll am 23. April sein, weitere Aufführungen werden folgen, an der Teilnahme Interessierte melden sich per E-Mail unter info@prinzregenttheater.de


Theater der Jungen Welt Leipzig

Pögiff, fümms bö wö tää zää Uu … so zwitschern, tirilieren, grunzen, schnattern die Schauspieler beim Tanz mit einer Rolle Wellpappe. Welch ein Vergnügen, wie die Kinder im Publikum mit leisem, lautem, frechem, scheuem Lachen, mit Ahs, Ohs, Hallos und Zwischenrufen auf die Uraufführung „Rinnzekete“ reagieren, ein lautpoetisches Stück nach Kurt Schwitters „Sonate in Urlauten“. Kreativ ernster Nonsens mit Buchstabenfolgen als Klängen. In dieser Version für Kinder ab vier Jahren und ihren Familien ist das natürlich weniger Reflex auf die im 1. Weltkrieg eskalierten Ideologien der Moderne, wie bei Schwitters, sondern soll ganz grundsätzliche Fragen evozieren – etwa wie wir kommunizieren, ohne den Umweg über die Bedeutung von Sprache zu gehen. Wie erzählt man eine Geschichte nur mit Lauten? Und kann man nicht jeden verstehen, wenn man sich nur auf den anderen einlässt? Seit der Premiere am 27. Mai 2016 erlebte die Leipziger Inszenierung von Ines Müller-Braunschweig bereits über 50 Vorstellungen und ist heute wie auch morgen, 18. April, auf dem Youtube-Kanal des Theaters der Jungen Welt zu sehen.


Semperoper Dresden

Von heute, 14 Uhr, bis zum 19. April, 23 Uhr, setzt die Semperoper die Online-Präsentation ihrer Produktionen mit Regisseur Philipp Stölzl fort auf „Semperoper zuhause“. Am 16. Januar 2016 war Dresdner Premiere von Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“, gezeigt wird aber eine Aufzeichnung der coproduzierenden Salzburger Osterfestspiele aus dem Großen Festspielhaus im März 2015 – mit Annalisa Stroppa, Liudmyla Monastyrska,·Stefania Toczyska, Jonas Kaufmann und Ambrogio Maestri. Stölzl erweist sich wieder einmal als Master of Design – inszeniert die veristische Oper wie eine schwarz-weiß expressionistische Graphic Novel in parallel bespielten Bühnenbildkästen. Sehenswert. 


Landestheater Detmold

Exklusiv für Kameras und Mikrofone des Westdeutschen Rundfunks wurde „Ritter Odilo oder der strenge Herr Winter“ aufgeführt – „natürlich alles kontaktlos, ohne Publikum und zur Einhaltung der aktuellen Bestimmungen unter ärztlicher Aufsicht“, teilt das Landestheater Detmold mit. Die Aufzeichnung der 50-minütigen Klassenzimmer-Oper von Mareike Zimmermann mit Musik aus Henry Purcells „König Arthur“ steht jetzt online auf der Plattform „WDR Kulturambulanz“. Zu erleben ist, was wir aus unseren Kontaktverbot-Zeiten bestens kennen: nämlich erstmal nix los im Reich des Ritters. Zusätzlich nervt noch der Winter, beim Drachen geht nur die Mailbox ran und die Etepetete-Prinzessin friert und bleibt daheim. Bis es heißt: Los, lasst uns gegen den Winter ins Feld ziehen! Guta Rau hat das Stück über den Kampf gegen die Langeweile inszeniert – für alle kleinen und großen Kinder ab fünf Jahren.
 

Staatsschauspiel Dresden

Am Samstag, 18. April, ab 18 Uhr, und dann für 24 Stunden ist Ulrich Rasches Inszenierung von „Das große Heft“ nach dem Roman von Ágota Kristóf auf der Webseite des Staatstheaters zu sehen. Rasche erzählt in der strengen Form seines chorischen Theaters vom Überleben in Zeiten der Gewalt.  2019 war die Produktion zum 56. Theatertreffen in Berlin eingeladen worden. In der Begründung hieß es: „So folgt man an diesem Abend in knapp vier Stunden gebannt der großen Kindheitserzählung aus Weltkriegszeiten von Ágota Kristóf. Ein düsteres Werk, voll Gewalt und sexuellen Obsessionen, in kühler behavioristischer Erzählkunst vorgetragen. Rasche zeichnet es mit Muße und bedrückender Intensität nach, mit Männerchören, die auf zwei riesigen rotierenden Drehscheiben schreiten, angetrieben von der minimalistischen Mantra-Klangkunst Monika Roschers. Es ist der Blick in eine faschistoide, militaristische, von Moral bereinigte Kindheitswelt, ein Gang ins Walzwerk der aufkeimenden Männerfantasien.“


Schauspielhaus Zürich

Fast überall, wo in den letzten Jahren versucht wurde, Krzysztof​ Kieślow­skis „Dekalog“-Filme für die Bühne zu adaptieren, waren aufwühlende Inszenierungen die Folge. Der Ha­usregisseur des Schauspielhauses Zürich, Christop­her​ Rüping, nimmt di­e Drehbücher nun als Vorlage für ein Theaterprojekt ohne The­ater.​ Zehn Monologe inszeniert er fürs Internet-Streaming. Rüping erklärt über Twitter: „Theater für den digitalen Raum darf keine Einbahnstraße sein, keine Contentfabrik für den Konsum zu Hause. Theater für den digitalen Raum muss spezifisch interaktiv sein und einen Teil seiner Souveränität an das Publikum abgeben.“ Und so sollen die Schauspieler die Zuschauer vor dem Hintergrund der 10 Gebote befragen, wa­s​ richtig und was​ falsch ist. Moralische Entscheidungen sind online zu treffen und Konsequenzen zu bedenken. Wie im analogen Leben. In der heutigen Folge spielt Karin Pfammatter, morgen, 19. April, Alicia Aumüller – jeweils ab 21 Uhr auf der Schauspielhaus-Homepage.


Gorki Berlin

Verfügbar am 22. April, 18 Uhr, dann online für 24 Stunden mit englischen Untertiteln, ist der gerade erst im Februar herausgekommene „Hamlet“ nach William Shakespeare, Regie Christian Weise, ein humorvoller, fantasiestarker Neudurchdenker klassischer Stoffe. Laut Premierenkritik im „Tagesspiegel“ siedelt er den „Hamlet“ direkt in der Gegenwart des Maxim Gorki Theaters an, „in dem Akteurinnen und Akteure aus Damaskus, New York, Magdeburg oder eben (Ost-)Berlin zusammen an einer möglichst coolen ,Hamlet‘-Variante stricken und dabei von Geistern der Vergangenheit heimgesucht werden: von abgehalfterten Ideen und privaten Erinnerungen, die kollektive Herkunftsnarrative spiegeln, von Leichen und Revoluzzer-Idealen, die im Keller Staub angesetzt haben. Weise gelingt ein Abend, der ebenen- und geistreich sowie unterhaltsam ist.“ Klingt sehr vielversprechend…


Theater Oberhausen / Staatstheater Augsburg

Erste Versuche des Post-Streaming-Theaters in Coronazeiten realisieren die Theater in Oberhausen und Augsburg. Der dortige Intendant André Bücker hatte ja unlängst eine fünfte Sparte für digitale Theaterwelten angekündigt. Nun geht sie – dank Corona früher als gedacht – an den Start mit einem „VR-Theater-Lieferservice“ für das Ein-Personen-Stück „Judas“ aus der Feder der niederländischen Autorin Lot Vekemans. Es wurde mit Roman Pertl in der Goldschmiedekapelle von St. Anna in Augsburg aufgezeichnet und an die Erfordernisse der 360-Grad-Perspektive angepasst. Der „Lieferservice“ ist ab sofort auf der Homepage des Staatstheaters buchbar. Ein Ticket kostet 9,90 Euro, wobei Lieferung und Abholung der VR-Brille mit aufgespielter Theater-Produktion inklusive sind. In „Judas“ bekommt der legendäre Verräter Judas Iskarioth, der Jesus für 30 Silberlinge an seine Feinde auslieferte, eine eigene Stimme, um seine Motive und Ziele darzulegen.

In Oberhausen gehen die Theaterkünstler mit Paulina Neukampfs Inszenierung der „Prinzessinnendramen.Der Tod und das Mädchen I-III“ von Elfriede Jelinek auf die Straße. Während der Hörspaziergänge durch die Innenstadt folgen die Zuschauer einzeln oder zu zweit den sprachspielerischen Gedanken der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin zu Schneewittchen, Dornröschen und Rosamunde. „Alt-Oberhausen wird zur Kulisse, zum begehbaren Kunstwerk“, verheißt das Theater. Kostenpunkt: 5 Euro.


Wer neue Online-Aktivitäten ankündigen oder darauf hinweisen möchte, was schon (und bis wann noch) im Internet zu sehen ist – ich freue mich, wenn Sie einfach eine Mail schreiben mit Daten, Infos und Links an Jens Fischer unter coronatheater@aol.com