Fischers Streamingwoche: 1.Teil

Von Jens Fischer am 30.03.2020 • Bild: privat
Das Bild zeigt: Unser Autor Jens Fischer schreibt wöchentlich über die Streaming-Angebote der Theater

Die Inkubationszeit des totalen Verbots analoger Live-Kulturerlebnisse ist längst vorbei und es regt sich nervöser Widerstand, alternativ noch eine und noch eine TV-Serie zu gucken. Oder wie das Burgtheater fragt: „Sollen wir Stubenhocker wider Willen nun alle dazu verdammt sein, alte Katastrophenfilme zu schauen, unseren Liebsten auf die Nerven zu gehen oder wie verrückt online zu shoppen? Oder alles gleichzeitig?“ Natürlich nicht. Deswegen will ich schauen, was stattdessen die Aufmerksamkeit lohnen könnte. Von nun an immer freitags richtet sich mein Fokus auf täglich neu aufploppende Online-Lebenszeichen der Theater. Rumorende Kreativität lässt sich halt nur schwer hinter geschlossenen Türen verstecken.
 

Lieblingsvideo vom Regie-Netzwerk
Antje Thoms vom Regie-Netzwerk hat ihr aktuelles Lieblingsvideo einer interaktiven Theaterperformance rumgeschickt, vorbildlich wird darauf geachtet, dass die immersive Begegnung von Künstler und Mitmachzuschauer unter Einhaltung der Vorschriften zur gegenseitigen Isolation stattfindet und nicht mehr als zwei Menschen öffentlich interagieren: Hier gehts zum Video

Damit wir wenigstens am Bildschirm mit den Theatern in Verbindung bleiben können, lassen einige Bühnen jeden Tag den digitalen Vorhang hochgehen. Ermöglichen weltweit kostenlosen Zugang zu Aufführungen, der sonst nur den Live-Besuchern vor Ort möglich gewesen wäre. So sind Produktionen zu sehen, von denen man bisher nur gehört oder gelesen hat. Als Augsburger ist es nun  problemlos möglich in Berlin, als Bremer problemlos möglich in München Theater zu gucken. Gemeinsam atmen, niesen, räuspern, stöhnen, klatschen, schlafen kann jeder mit seiner privaten Bezugsgruppe daheim und genießen, das Theatergucken dort auch Zwischenrufe aller Art, eskalierende Debatten, sanftes Betrinken oder Kiffen und Pausemachen, Vorspulen oder Programmwechsel nach Gutdünken erlaubt sind.
 

Thalia Theater Hamburg
„The Rest Is Missing“ heißt das Angebot des Hamburger Thalia Theaters, mit „The Rest“ ist die reale Begegnung mit dem Publikum gemeint. Theater gezeigt wird jeden Abend ab 19 Uhr: vor allem aktuelle Repertoire-Vorstellungen und Aufzeichnungen aus dem reichhaltigen Archiv der Intendanten-Jahre Jürgen Flimms und Ulrich Khuons. Alle Inszenierungen sind nach Veröffentlichung jeweils 24 Stunden online zu sehen sind. Auch die Reihe „Thalia International“ ist auf die digitale Bühne verlegt: Anstelle des geplanten analogen Gastspiels  „Barocco“ am 2. April ist nun eine andere Inszenierung von Kirill Serebrennikov zu sehen, Nicolaj Gogols „Tote Seelen“ aus dem Jahr 2014, Russisch mit englischen Übertiteln, eine vielfach ausgezeichnete Produktion von Serebrennikovs Theaterkollektiv Gogol Center in Moskau, wo die Bühnen auch Corona-bedingt geschlossen sind und das der Regisseur weiterhin nicht verlassen darf. „Tote Seelen“ sei unter anderem reizvoll, weil „alle Rollen von Männern gespielt werden“ und der Abend „als Abbild der herrschenden Verhältnisse zu lesen ist“, heißt es in der „Welt“. Zur digitalen Bühne gehts hier.

Berliner Schaubühne
Die Berliner Schaubühne ermöglicht Begegnungen mit der eigenen, als legendär verehrten  Anfangszeit und zeigt Inszenierungen, die heute in Theatergeschichtsbüchern auftauchen, aber bestenfalls in Ausschnitten bekannt sind. Auch eine prima Chance für einstige Besucher, ihre Erinnerungen zu überprüfen. Am Dienstag, 31. März, 18.30 bis 24 Uhr, stehen „Die Bakchen“ von Euripides auf dem Online-Spielplan, Regie bei dem fast dreieinhalbstündigen Abend führte Klaus Michael Grüber  auf dem Messegelände am Berliner Funkturm, 1974 eingeladen zum Theatertreffen war die Produktion. Mit dabei unter anderem Otto Sander (Teiresias), Peter Fitz (Kadmos), Bruno Ganz (Pentheus) und Edith Clever (Agaue).

Staatsoper Berlin
Ebenfalls in die Historie entführt die Staatsoper Unter Den Linden mit ihren Aufzeichnungen aus dem Repertoire. Natürlich Stardämmerung: Anna Netrebko und Placido Domingo standen erstmals für Verdis „Il trovatore”gemeinsam auf der Bühne, sie als Leonora, er als Luna, und Daniel Barenboim dirigierte. Klingt also alles sehr schön, Regisseur Philip Stölzl setzt dazu sehr schnieke aufs Comicgrelle, sodass auch alles sehr schön aussieht. Die Produktion aus dem Jahr 2013 ist am 1. April zu sehen, ab 12 Uhr und dann 24 Stunden verfügbar unter.

Theater Dortmund
Eine kleine Retrospektive der zehn aufregenden Jahre der Schauspielintendanz Kay Voges spendiert das Theater Dortmund dem geneigten Publikum, im Sommer übernimmt Voges ja das Volkstheater Wien. Derzeit online ist die selbstreflexive, Themen an- und aufreizende Auseinandersetzung mit dem eigenen experimentellen Bühnenschaffen, die auch ein paar Motive aus Tschechows „Die Möwe zitiert: „PLAY: Möwe | Abriss einer Reise”.

Münchner Kammerspiele
Die Münchner Kammerspiele zeigen heute, 30. März, 18 Uhr (und dann 24 Stunden online), „Das Erbe”, damit jeder mal überprüfen kann, ob der stets bildmächtig prunkende Ersan Mondtag auch ein guter Regisseur für politische Inhalte ist. „Eine Assoziation zum NSU“ lautet ein die Aufführungsästhetik definierender Untertitel der Textcollage von Olga Bach, Florian Seufert und dem Regisseur.

Theater Rampe Stuttgart
Das freie Produktionshaus Theater Rampe in Stuttgart ist eine Topadresse für genreübergreifende  Gemengelagen aus zeitgenössischen Texten und Ästhetiken. 2017 gelangte in der seit Jahren leerstehenden ehemaligen IBM-Unternehmenszentrale das gedankenerfrischend ätzende Stück „How to sell a murder house” zur deutschen Erstaufführung, in dem sich Sibylle Berg über Männer, Firmen- und Geldpolitik amüsiert. Gemeinsam mit der Tanzgruppe Backsteinhaus Produktion entstand ein „getanztes Immobilienportfolio“ für vier Tänzer und vier Schauspieler, Marie Bues und Nicki Liszta zeichnen für Choreographie und Regie verantwortlich, zu sehen ab heute, 30. März, 20 Uhr, für 24 Stunden online.

Berliner Ensemble
Den Auftakt der wöchentlichen Streams des Berliner Ensembles macht der interne Mitschnitt von Michael Thalheimers leidenschaftlich konzentrierter Inszenierung von Bertolt Brechts modellhafter Dramatik in „Der kaukasische Kreidekreis”, die 2017 zur Eröffnung der Intendanz von Oliver Reese ihre Premiere feierte. Die Aufzeichnung ist bis 2. April 2020 im Stream verfügbar.

Theater Nürnberg
Seit Beginn dieser Spielzeit betreibt das Theater Nürnberg mit dem Digitalen Fundus eine Online-Magazin-Plattform für all das, was Theater auch hinter, vor und fern der Bühne zu einem außergewöhnlichen Ort macht. Jetzt wird dort ein Corona-Pausen-Programm kuratiert unter dem Stichwort „Anwesenheitsnotiz”– einer Ode an die Freude wider all die freudlosen Nachrichten ist dort zu lauschen, Tenor Hans Kittelmann hat sich allerdings ein ganz besonderes Instrument genutzt:


Ich bin in meiner chronischen Homeoffice-Quarantäne sehr dankbar für jeden Hinweis auf Theateraktivitäten im Internet, die ich in dieser Rubrik publik machen kann. Teilen Sie mir doch bitte mit, was von wann bis wann online geplant ist oder schon (und bis wann noch) läuft – ich freue mich auf Tipps aller Art, von der Gedichtrezitation über Videobotschaften, Podcasts, Homestorys bis hin zu ästhetisch neuen Formaten, theatralen Experimenten und live übertragenen Premieren sowie komplett gestreamten Produktionen. Einfach eine Mail schreiben an Jens Fischer unter coronatheater@aol.com