Neues aus der Redaktion: Fischers Streamingwoche: 11.Teil

Von Jens Fischer am 05.06.2020 • Bild: privat
Das Bild zeigt: Unser Autor Jens Fischer schreibt wöchentlich über die Streaming-Angebote der Theater

Zehn Wochen lang höchst hektisches Online-Stellen von Videobotschaften aller Art, all die aus der Hüfte oder mit dem Handy geschossenen Filmen, endlose Aufführungsaufzeichnungen und Konzerte – aber parallel bestand auch die Möglichkeit, dramaturgisch mal etwas nachhaltiger über die Möglichkeiten von analogem Theater auf der digitalen Bühne nachzudenken und eigene, neue, vielleicht zukunftsträchtige Formate zu entwickeln. Danach wollen wir in den kommenden Wochen verstärkt Ausschau halten.


Theater Lübeck

In einer Zusammenarbeit von Backsteinhaus Produktion, Theater Lübeck und Theater Rampe sollten sich Künstler auf die Suche nach dem „Haus der Antikörper“ begeben, ein Doppelpass-Projekt der Bundeskulturstiftung. Es war als Live-Performance auf fünf Simultanbühnen für ein Ensemble aus Tänzern, Musikern und Schauspielern sowie ein zirkulierendes Publikum geplant – in den alten Fabrikhallen der Lübecker Gollan Werft und dem Zahnradbahndepot in Stuttgart. Durch den Einbruch des Corona-Virus wurde daraus nichts. Physisch distanziert probten die Künstler in ihren Wohnungen in Stuttgart, Antwerpen, Richmond, Marseille, Berlin, Weinstadt, München und Hamburg sowie im Theater Rampe. Mit Mobiltelefonen, teils mit Unterstützung ihrer jeweiligen häuslichen Gemeinschaften, drehten sie viele Szenen selbst. Und deuteten als Bewohner des titelgebenden Hauses die Pandemie in etwas Positives um, mutieren dank ihr in resistente Antikörper – gegen krankmachende Normen und Gewohnheiten. Bringen Viren weder Krankheit noch Tod, sondern Heilung, so könne das Modell einer eigensinnigen, widerständigen und stolzen Gemeinschaft erwachsen, so die Künstler. Alles scheint offensichtlich politisch und artifiziell. Premiere wird gefeiert am 6. Juni, 20 bis 0 Uhr, mit einem ein Double Feature aus dem Tanz-/Konzertfilm „Cocooning/kəˈkuːnɪŋ/“ und dem Theaterfilm „Pandemie – eine Wiedergängerin“.  Auf www.haus-der-antikoerper.de können Videos auch zu folgenden Termine geschaut werden: 7. Juni (18 bis 23 Uhr), 9., 10., 12., 16., 17., 19., 23., 24, 25., 26., 27. Juni (jeweils 20 bis 0 Uhr), 28. Juni (18 bis 23 Uhr), 30. Juni (20 bis 0 Uhr).
 

Labor Beethoven 2020

Beethoven gehört mit seinem Geburtsjahr 1770, das er mit Hölderlin und Hegel teilt, zu derjenigen Generation, die mitten in den Aufbruch des idealistischen Geistes in die moralische Selbstbestimmung taumelte, seine Musik beeindruckt entsprechend durch einen Formenreichtum, der sich der Spannung zwischen unorthodoxen Strukturen in trügerisch traditionellem Gewand erfreut. Fürs Jubiläumsjahr war „Labor Beethoven 2020“ für Mitte März als zeitgenössische Lesart der Musik Beethovens geplant. Ihm gingen eine vierjährigen Zusammenarbeit von jungen  Komponisten aus Basel, Tel Aviv und Thessaloniki voraus. Durch den Shutdown der Coronakrise konnten die Konzerte nicht vor Publikum aufgeführt werden, wurden aber mitgeschnitten und stehen ab 6. Juni online. Damit präsentiert die Akademie der Künste ein hinter verschlossenen Türen fertig produziertes Programm mit über zehn Uraufführungen. Auf digitalen Pfaden gibt es die Experimentierwelt des Beethovenzeitgenossen Anton Reicha zu entdecken, auch Marcus Schmicklers Sicht auf Mauricio Kagels „Ludwig van“, Beethovens Pastorale-Sinfonie als Klangcollage von Werner Cee und den von Novoflot dekonstruierten „Fidelio“. Wissenschaftlich-künstlerisches Material aus der Beethovenzeit und der Gegenwart ist im „Labor 1802-2020“ zusammengeführt mit zahlreichen Autographen, Audiodateien, Texten, Fotos und Videos. Das virtuelle Festival ist hier – die virtuelle Ausstellung hier zu entdecken.
 

Staatsoper Hamburg

Neuproduktionen und Repertoirestücke fallen derzeit dem Virus zum Opfer, deshalb greift die Staatsoper in Hamburg nun ganz tief ins Archiv: Auf vielfachen Publikumswunsch wird eine Rarität aus der Liebermann-Ära als Video-on-Demand angeboten: Richard Strauss‘ exemplarisches Rachedrama „Elektra ist in einer Aufnahme aus dem Jahr 1968 bis 15. Juni 2020 abrufbar. Zu sehen ist eine Studioproduktion, die Joachim Hess inszenierte und nur am 17. November 1968 im NDR ausgestrahlt wurde. Sie ist nicht auf DVD erhältlich. Unter der Musikalischen Leitung von Leopold Ludwig sind unter anderem Gladys Kuchta in der Titelpartie und Regina Resnik als Klytämnestra zu erleben.
 

Theater Osnabrück

Regisseurin Jana Vetten überschreitet gern die Grenzen zwischen Sprech-, Tanz- und Objekttheater. In Osnabrück wollte sie Wolfram Lotz’ „Einige Nachrichten an das All“ herausbringen, ein philosophisch komödiantisches Gedankenexperiment, das von der  Frankfurter Rundschau als „das größenwahnsinnigste, klügste, unfasslichste und unverschämteste Stück der Gegenwartsdramatik“ bezeichnet wurde, in Osnabrück war es geplant „als verzweifeltes Kaleidoskop des Seins, in dem die Figuren fortwährend um die ersten und letzten Fragen ringen – die Unzumutbarkeit der eigenen Sterblichkeit wie die, was es eigentlich wert ist, erzählt zu werden.“ Am 8. Mai sollte Premiere sein, die fiel Corona-gemäß aus, aber stattdessen gibt es das Stück ab heute im Netz – eine Web-Serie in Form von ein, zwei Dutzend Videofragmenten. Zu streamen unter „Theater Osna at home“.


Costa Compagnie Berlin / Staatstheater Nürnberg / Oldenburgisches Staatstheater

„Fight (for) Independence” fordert Aufmerksamkeit – und lohnt der Aufmerksamkeit. Es handelt sich um ein zweijähriges Dokumentartheater-Tanz-Performance-Projekt, das sich so persönlich wie geschichtlich mit Fragen nach dem Wert und Sinn von Autonomie in Zeiten von Globalisierung auseinandersetzt. Für das Doppelpassprojekt der Bundeskulturstiftung kooperieren die Berliner Costa Compagnie mit dem Staatstheater Nürnberg und dem Oldenburgischen Staatstheater. Eigentlich sollte im Rahmen des Oldenburger „flausen + Banden!“-Festivals Uraufführung gefeiert werden. Da dies coronakrisenbedingt nicht möglich ist, beschlossen die Künstler, einen Dokumentarfilm zu produzieren. Er bezieht sich auf die filmisch-journalistische Performance „Independence for All“, die 2019 in Nürnberg den vom Bürgerkrieg gezeichneten Südsudan porträtierte. Die Künstler setzen sich auch mit den Brexit-Unruhen im Vereinigten Königreich auseinander und schauen auf Bayern, wo die Loslösung vom Nationalstaat Deutschland ja immer mal wieder ernsthaft diskutiert wird. Zudem führt die afrodeutsche Schauspielerin Helen Wendt zum historischen Unabhängigkeitskampf Mosambiks, während sie um ihre individuelle Unabhängigkeit und Identität innerhalb der systemisch rassistischen Strukturen in ihrem eigenen Leben kämpft. Der Film soll eine vielstimmige Erzählung des Diskurses sein, ob Befreiung und Selbstbestimmung zu Re-Nationalisierung und Ausgrenzung führe. „Fight (for) Independence“ (Künstlerische Leitung, Recherche, Regie, Text: Felix Meyer-Christian) ist vom 18. bis 21. Juni, jeweils ab 20 Uhr, auf www.fightforindependence.cc zu streamen. Ein Video über die choreographische Installation „Independence in Space“, die mit der katalanischen Tänzerin Montserrat Gardó Castillo über die Freiheitsbewegung ihrer Heimat entwickelt wurde, sowie ein Virtual-Reality-Archiv und ein Intro-Video der an der Recherche beteiligten Künstler bieten ebenso weiteren Kontext wie Stream-begleitende Nachgespräche.

 

Liebe Theatermenschen, wer neue Online-Aktivitäten welcher Art auch immer ankündigen oder darauf hinweisen möchte, was schon (und bis wann noch) im Internet zu sehen ist – ich freue mich, wenn Sie einfach eine Mail schreiben mit Daten, Infos und Links an Jens Fischer unter coronatheater@aol.com.