Neues aus der Redaktion: Fischers Streamingwoche: 10.Teil

Von Jens Fischer am 29.05.2020 • Bild: privat
Das Bild zeigt: Unser Autor Jens Fischer schreibt wöchentlich über die Streaming-Angebote der Theater

Es geht wieder los? Am 5. Juni bringt Ulrich Greb „Lenz“ nach Georg Büchner in der Moerser Kapelle zur Premiere, live vor Live-Publikum, es spielt Roman Mucha im Dialog mit der brasilianischen Perkussionistin Mariá Portugal. Am selben Tag feiert „Der Koffer“ von Małgorzata Sikorska-Miszczuk als freie Produktion seine deutsche Erstaufführung als Freilufttheater im Autoscooter am Berliner Alexanderplatz. Nachdem der Hamburger Senat beschlossen hat, dass Kulturveranstaltungen im Freien für bis zu 50 Personen wieder erlaubt seien, ist auf dem Kampnagelgelände vom 9. bis zum 21. Juni ein Miniausgabe des Live Art Festivals zu erlebe. – Im Netz tobt aber auch weiterhin viel sehenswertes Theater. 

Gorki Berlin

Das vier Jahre alte Dokumentartheaterstück „Atlas des Kommunismus" der argentinischen Regisseurin Lola Arias lässt fünf Frauen ihre Lebensgeschichten erzählen, die sich überwiegend in der DDR abspielten – vom Singen kommunistischer Arbeitslieder, von den sozialistischen Brüderländer, von der Überwachung im Alltag, von Konzerten in Kirchenräumen geht die Rede. Konfrontiert wird dies von drei Darstellern der Generationen Wende/Einheit, von brennenden Asylbewerberunterkünften in Ostdeutschland und den Forderungen der Geflüchteten heute wird berichtet. „Die Geschichten rühren zu Tränen. Denn hier erzählen echte Menschen... von ihren Träumen und Biografien“, plauderte das Inforadio in Berlin zur Premiere. Ob ein solch außergewöhnlich persönliches, intimes, von direkter Publikumsansprache lebendes Bürgertheater auch online vital funktioniert und das Private im Politischen wirken lässt, das interessiert mich, da schauen ich mal rein – am Mittwoch, 3. Juni, 18 Uhr, im Gorki-Stream
 

Hans Otto Theater Potsdam

In der georgischen Saga „Das achte Leben (Für Brilka)“ schildert Nino Haratischwili den Aufstieg und Fall des Kommunismus von der vorrevolutionären Zeit bis ins Nachwende-Europa als Tragödie, Familienkomödie und Geschichtskrimi. Jette Steckel ist damit am Thalia Theater in Hamburg eine atemberaubend feinnervige Inszenierung gelungen, die das Stückpersonal facettenreich entwickelt, die gruppendynamischen Situationen, den psychologischen und sozialen Hintergrund nachvollziehbar macht und Lust weckte, sich dem weltpolitischen Stoff in weiteren Auslegungen zu nähern. Denn herrlich vielschichtig ist der Text. Mit seiner Inszenierung von Konstanze Lauterbach, die stets auf leidenschaftliches Spiel und starke Bildkraft setzt, war im August 2019 die aktuelle Spielzeit in Potsdam eröffnet worden. Am 5. Juni, 18 Uhr, geht Das achte Leben (Für Brilka)auf der Website des Theaters online. Im Anschluss an die Ausstrahlung in zwei Teilen gibt es noch einen Live-Chat mit der Regisseurin und dem Ensemble. Wegen der Spieldauer von vier Stunden bleibt der Stream bis Montag, 8. Juni, 9 Uhr, online und kann bis dahin jederzeit aufgerufen werden.
 

Musiktheater im Revier

O. k., auf der Opernbühne erzählte Geschichten sind häufig plump und effekthaschend zusammengebastelt, so dass sie kaum den Besuch des Theaters lohnen. Aber die Musik adelt sie häufig. Beispielsweise Georges Bizets Werk „Les pêcheurs de perles“, angesiedelt im vorkolonialen Ceylon. Eine schöne Tempelpriesterin wird ermahnt, ihre Triebe in Sachen Liebe zu verdrängen und für das Wohl der Gemeinschaft sowie zum Schutz des Dorfes zu beten, doch sie verguckt sich in einen jungen Jäger, der wiederum mit dem Chef der Perlenfischer befreundet ist, der ebenfalls die Priesterin begehrt. Es ist beider Jugendliebe. Diese durch langjährige Freundschaft verkomplizierte Dreiecksgeschichte wogt trivial zwischen Pflicht und Neigung hin und her. Seines Exotismus entkleidet, kann das Stück aber in überraschender Innerlichkeit reüssieren. Das Regie-Team um Manuel Schmitt verzichtet am Musiktheater im Revier auf all das süffige Auskosten der Klischees und bemüht sich um ein realistisches Bild der damaligen Perlenfischerei. Als besonderer Stream wird dieser Produktion in zwei Teilen am 29. Mai (90 Minuten) und am 5. Juni (30 Minuten), jeweils ab 19.30 Uhr, auf MiR.Alternativ gezeigt – mit Audiodeskription. Die Aufnahme bleibt eine Woche lang abrufbar.
 

Impulse Theater Festival

„Es ist zu spät“ von Internil (13. Juni, 22 Uhr) – aus der Lecture Performance freier Theatermacher über das Arbeiten mit politischem Material im Angesicht globaler Krisen wurde das Video eines Youtubers. Mit einer Desktop-Fortsetzung der eingeladenen „Lob des Vergessens“-Produktion ist  Oliver Zahn (5. Juni, 20 Uhr) dabei, ein Enkel und Urenkel von Vertriebenen. Er hatte zu dieser familiären Vergangenheit bislang aber wenig Bezug, sitzt nun in der Online-Performance für das Publikum unsichtbar zu Hause an seinem Laptop und lädt dazu ein, mit ihm gemeinsam den Versuch zu machen zu verstehen, wie die Leerstelle in seinem Gedächtnis entstanden ist. Chance oder Gefahr? Weiterhin gestreamt werden kann „Stricken, die Installationvon Magda Korsinsky (4. Juni, 18 Uhr, bis 13. Juni, 24 Uhr). In Video-Porträts reden sechs afrodeutschen Enkelinnen weißer Großmütter über den Nationalsozialismus und Ressentiments, sprechen über Liebe, Leibgerichte aus Omas Küche, familiäres Erbe und den Rassismus der Gegenwart. Live dienten den Filmen einige Laken, Decken, Tücher der Großmütter als Leinwand, für die Online-Variante der Installation wurden diese Projektionen erneut abgefilmt. Ebenfalls fürs Internet adaptiert: die Konferenz „Soziale Herkunft und Freies Theater“. 


Burgtheater Wien

Inszenierungen, die das Bild dieses Hauses prägten, in der Erinnerung zu Klassikern wurden – können jetzt auf ihre ästhetische Haltbarkeit untersucht werden, denn das Burgtheater streamt sie auf dem hauseigenen Youtubekanal. Gestartet wird am Montag, 1. Juni, 18 Uhr (bis Dienstag, 2. Juni, 18 Uhr) mit Mea culpa“, eine Ready-Made-Opervon Christoph Schlingensief. Mit Schauspielstars wie Margit Carstensen, Fritzi Haberlandt, Sachiko Hara, der gerade verstorbenen Irm Hermann und Joachim Meyerhoff. Vom Buch Kohelet bis zu Elfriede Jelinek, die Schlingensief zu Ehren den Text „Tod-krank.Doc“ verfasste, ist das Stationendrama eine anspielungswuchernde, meta-ironische Expedition in die Sphären der Heils- und Heilungsversprechen. Gespielt wird viel Musik Richard Wagners. „Es ist die eindrucksvolle (Selbst-)Inszenierung eines Künstlers, der viele Leidens- und Erkenntnisstufen durchschritten hat und nun den Lebenswillen feiert in Anbetracht des Todes“, hieß es in der Süddeutschen Zeitung. Anderthalb Jahre nach der Uraufführung erlag Schlingensief seiner Krebserkrankung.

 

Liebe Theatermenschen, wer neue Online-Aktivitäten welcher Art auch immer ankündigen oder darauf hinweisen möchte, was schon (und bis wann noch) im Internet zu sehen ist – ich freue mich, wenn Sie einfach eine Mail schreiben mit Daten, Infos und Links an Jens Fischer unter coronatheater@aol.com