Festiwallitis Bayreuthiana. Eine besorgte Diagnose

Von Wolf-Dieter Peter am 25.07.2019 • Bild: © Bayreuther Festspiele, Foto: Jörg Schulze
Das Bild zeigt: Auf dem Mons Vaticanus allen künstlerischen Strebens: Richard Wagners Festspielhaus

Von wegen „Umwelt-Krise“ oder „Mörderhitze“! – Nein, ab heute ist der der Bazillus Festiwallitis Bayreuthiana wieder groß ausgebrochen, in den Medien, unter den Zaungästen und bei den Erwählten. Letztere beschäftigen mit ihrer Wagner-Infektion selten den gemeinen Hausarzt, eher den Schönheitschirurgen ihres Vertrauens – neben der Kosmetik, den Coiffeur-Salons und den Couturiers. Seit Monaten herrscht in ein den einschlägigen Branchen eine total stressige, aber genau geplante Hochkonjunktur: lange Bestell- und Wartelisten, volle Terminkalender, präzise Produktionsabläufe, Krisentelefone und Hysterie-Handling-Teams, exakte Lieferdaten. Denn das Endprodukt – aufgespritzte, gestraffte, zurechtoperierte, geschminkte und gestylte SCHÖNHEIT – ist just in time zu liefern. Verspätete Gäste werden erst in der folgenden Pause eingelassen.

Und heute ist es soweit: Es beginnen die Festspiele der Festspiele, die am Grünen Hügel, in Bayreuth – da können sich München, Bregenz oder Salzburg noch so spreizen. Wo andernorts lässiger Festspiel-Schlendrian herrscht, heißt das Reglement hier: Festspiel-Auffahrt. Da tanzt keiner aus der Reihe!

Ganz anders diese Engländer. Da stehen sie in ihren Abendkleidern und Smokings – teils vom letzten Jahr! – trotz Hitze um 14 Uhr in der brülllauten Paddington Station, steigen in den Zug in dieses südenglische Kaff… Und angekommen, stürzen sie nicht an den Kartenschalter oder an die Bar – nein, sie fläzen sich auf die grüne Wiese, sichern mit dem Schottenmuster-Plaid und schwer bestücktem Picknickkoffer den besten Pausen-Platz, den mit Blick aufs Herrenhaus des Gründers, aufs Opernhaus und auf die Kühe gleich hinter dem Elektrozaun. Das ist der Festspiel-Kultur à la Glyndebourne. Aber ist es Kultur?!

Oder München mit seiner kostenlosen „Oper für alle“ vor dem Nationaltheater mit Decke, Kissen, Wurst und Käse samt allerlei Getränken vor dem Riesenbildschirm, der die Premiereninszenierung draußen live zeigt. Als soziales Gegengewicht zu Eintrittspreisen von 343 € an abwärts mag das durchgehen. Und am Ende kommen sogar die Künstler und der Intendant aufs hoheitsvolle Treppenpodest, zum Applaus-Bad in der Menge…

Aber der wahre Festspielauftakt ist und bleibt die „Auffahrt“ zum Festspielhaus als dem künstlerischen Gipfel allen Wagnerianismus. Die ungebrochen begeisterten Steuerzahler ohne Karte sind auch hier herzlich wollkommen, aber nur als Akklamations-Kulisse für die Medien, hinter polizeigeschützten Sperrgittern gut demokratisch auf Distanz gehalten. Das weltweite TV dankt verbindlichst. Für diese Zaungäste geht es vor allem darum, wer da mit wem und wie – hoffentlich ohne Achsel-Schweißflecken bei fast 40 Grad im nicht-klimatisierten Innenraum – und wenn die Herrschaften in den Pausen schräg hinunter ins Nobelrestaurant wallen, dann gibt’s ein Wiedersehen…

Und was ist drinnen los? Nun ja. Dort ruft der revolutionäre Künstler Tannhäuser „Nach Rom! Nach Rom!“… Aber was will er denn da?! Der Mons Vaticanus allen künstlerischen Strebens liegt doch im Frankenland! Und und hier feiern sie Rom? Diese Festiwallitis muss doch ein Krankheitsbild sein…