Aus der Redaktion: Eine neue Post-Dramatik? – Blog in vier Teilen

Von Andreas Falentin am 16.02.2021 • Bild: Nationaltheater Mannheim
Das Bild zeigt: Die Kleist-Briefmarke des Nationaltheaters Mannheim

Obwohl sie geschlossen sind, versuchen die Theater, ihre Inhalte weiter ans Publikum zu bringen und haben dabei eine ungewöhnliche Formenvielfalt kreiert, von der „normal" abgefilmten Vorstellung bis hin zu Filmen, Webserien, Online-Games und Teleshopping- und Showformaten. Das Nationaltheater Mannheim macht jetzt einen Schritt zurück ins Analoge. Aus der geplanten Uraufführung „Gott Vater Einzeltäter – Operation Kleist“ von Necati Öziri ist vorläufig „Cecils Briefwechsel“ geworden, als „Post-Drama“. Jede Zuschauerin bekommt und schreibt tatsächlich – Briefe. Viermal. Ich mache mit.


Dienstag, 16. Februar
Endlich. Der erste Brief war für den 8.2. avisiert, für letzten Montag. Gestern ist er dann gekommen, eine Woche zu spät, gestempelt am 5. Februar. Wir sind also fast schon in der Post-Post-Dramatik gelandet. Ich werde auf jeden Fall heute noch antworten. Damit ich noch eine Antwort bekomme. Das ist ein Gefühl, das ich fast schon vergessen hatte: der analoge Termindruck.

Ich bin neugierig. Wie kann ein Briefwechsel, der, nach der ersten Antwort, für jede und jeden Mitwirkende(n) individuell gestaltet werden soll, über das Private, die sozusagen offiziell persönliche Begegnung hinausweisen? Ich öffne den Briefumschlag, finde ein Typoskript und ein paar Kleinigkeiten, befolge erste Anweisungen und habe eine Art Versuchsanordnung auf meinem Schreibtisch:

Mannheimer Versuchsanordnung auf Kölner Schreibtisch

Ich beginne zu lesen. Erste Überraschung: Der Text packt unmittelbar. Ich lese ihn schon laut, bevor ich die Anweisung entdecke, genau das zu tun. Es ist harter Text. Gewalt, Gerechtigkeit, Rache sind die Themen. Necati Öziri gebietet über eine genuin dramatische Sprache von großer poetischer Kraft. Und er schließt tatsächlich an Kleist an, nutzt seine Weltsicht, seine Weltbeschreibung als Fundament und die Erzählung „Die Verlobung in Santo Domingo” offensichtlich als Material. Dazu konstruiert er einen Antagonismus aus zwei Gruppen. Die eine lebt aggressiv toxische Männlichkeit aus, die andere sucht Wege dagegen an. Ob das zu Kleists Zeit spielt oder heute, weiß ich nicht genau, spielt aber vielleicht auch keine Rolle. Die „Guten“ versammeln sich in einer Kirche. Zwecks Atmosphäre konnte ich nicht nur eine Telefonnummer anrufen und Musik hören, sondern auch auf meinem Schreibtisch eine Kirche aufstellen und sie beleuchten:

Der Dom zur heiligen Cäcilie

Als sich der Schauplatz dann in die Karibik verlagert, schafft das Verbrennen getrockneten Salbeis Atmosphäre (siehe unten). Auf Anhieb begeistert mich das Vorhaben, die Sprachkraft, mit der hier erzählt und agitiert wird wie die phantasievolle, gar nicht bedeutungsschwanger daherkommende Ausgestaltung. Aber worauf will es hinaus? Werde ich in all meinen Briefen eine Gerechtigkeitsdiskussion führen müssen, mich dafür verteidigen, dass ich ein Mann bin, dem jene vieldiskutierte toxische Männlichkeit nun mal in die DNA geschrieben ist? Oder wird am Ende ein humanistischer Gesellschaftsentwurf stehen, etwas, wovon Kleist ja nur Fetzen aufgefunden hat, worunter er bekanntlich furchtbar litt?

Ich bin gespannt...

Stilleben: Brennender Salbei auf Teller