Ein kulturpolitisches Trauerspiel

Von Detlef Brandenburg am 17.06.2019 • Bild: Theater Lübeck
Das Bild zeigt: Finanznot hiter prachtvoller Fassade: das Theater Lübeck, dessen Geschäftsführender Direktor seinen Rücktritt angekündigt hat.

Gerade noch schwirrten begeisterte Facebook-Kommentare über die Lübecker „La traviata“-Premiere durch meinen Facebook-Account, da schlägt hier die Mail eines Kollegen aus Kiel wie eine Bombe ein: Lübecks Theaterdirektor Christian Schwandt wirft die Brocken hin und macht der schleswig-holsteinischen Jamaika-Landesregierung schwere Vorwürfe in Hinsicht auf die Theaterfinanzierung. Die Lübecker Nachrichten zitieren den 56-Jährigen mit den Worten: „Das Land lässt uns am ausgestreckten Arm verhungern.“ Hintergrund ist der seit Jahren nicht gegebene Ausgleich der Tarifsteigerungen, die bei vier Prozent liegen, während das Land seinen Zuschuss lediglich um 1,5 Prozent erhöht. Durch diese Unterfinanzierung hätten „die innerbetrieblichen Verteilungskämpfe in einem Maße an Intensität und Schärfe zugenommen, die für mich nicht mehr zu tragen ist“, sagt Schwandt gegenüber der Zeitung.

Wenn es bei Schwandts Entscheidung bliebe, wäre das eine Katastrophe für das Theater, das ich seit 40 Jahren kenne. Schwandt ist zwar nicht der künstlerische, sondern der geschäftsführende Theaterdirektor. Die künstlerischen Leitungen liegen derzeit bei dem Schauspieldirektor Pit Holzwarth, der Operndirektorin Katharina Kost-Tolmein und dem Kommissarischen Generalmusikdirektor Andreas Wolf. Trotzdem ging der innovative, mutige Spirit dieses Haus auch von Schwandt aus. Unter seiner gegenüber den Zuschauern risikofreudigen, gegenüber der Stadt aber ebenso kontaktfreudigen Leitung erlebt das Haus derzeit eine bemerkenswerte Blüte, die sich in der Oper zum Beispiel durch herausfordernde Arbeiten von Regisseuren wie Florian Lutz, Jochen Biganzoli oder eben jetzt Lorenzo Fioroni zeigt.

Es ist bezeichnend, dass aus Lübeck durchweg bedauernde Reaktionen zu Schwandts Rücktritt vorliegen. Selbst Lübecker Parteifreunde kritisieren die Kieler CDU-Kulturministerin Karin Prien wegen ihrer Theater-Sparpolitik. Und auch aus dem Haus selbst, vom Aufsichtsrat, vom Betriebsrat, aus den künstlerischen Ensembles wird nur Bedauern vermeldet.  Das Theater Lübeck hat ein Budget von 24,4 Millionen Euro, das Land unterstützt mit rund 10,5 Millionen Euro, die Stadt mit zehn Millionen Euro, die Einnahmen liegen bei 3,9 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr hatte das Theater in 600 Aufführungen rund 184.000 Besucher. Damit hat Schwandt die Zuschauerzahlen trotz des mutigen Programms deutlich gesteigert. All das vermittelt den Eindruck: Schwandt macht einen guten Job – wenn er es nicht schafft, wer dann? Hier stirbt ein künstlerisch vitales, erfolgreiches Theater an finanzieller Auszehrung. Welch ein politisches Trauerspiel!

Aber noch ist womöglich nicht alles verloren. Der kommunale Finanzausgleich, aus dem die Landesmittel kommen, ist derzeit noch gar nicht ausverhandelt. Vielleicht hat die Landesregierung ja noch ein Einsehen mit dem Lübecker Theater – und Schwandt ein Einsehen mit seinem eigenen Rücktritt.