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Die Taktik der Gegner

Die Opernregisseurin Tatjana Gürbaca über Fragen der Identität und für wen sie sich eine Quote am Theater wünscht

Leseprobe aus Heft 05/2020 zum Schwerpunkt „Machen Frauen das Theater anders?“.
Von Tatjana Gürbaca am 01.05.2020

Wir schreiben das Jahr 2020. Zwei Schrecken bedrohen die Menschheit und lassen die Welt in ihren Grundfesten erzittern: das Coronavirus und – Frauen, die in das Licht der Öffentlichkeit drängen, in Männerdomänen vorrücken und vollkommen unangekündigt ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft beanspruchen. Sie wollen in leitende Positionen, sie wollen Regie führen, Intendantinnen sein, Einfluss nehmen – „Tremate, tremate, le streghe son tornate!“ Der Schock sitzt tief. Angst breitet sich aus. Der gestresste Mann ist aufgefordert, seine Rolle in Beruf und Privatleben neu zu überdenken oder mit allen Mitteln gegen das Entsetzliche zu kämpfen. Aus dem Theaterhimmel donnert verachtungsvoll das schlimme Wort vom Frauenfußball. Die Megären grollen zurück. Keiner bleibt verschont. Einigen schlottern die Knie angesichts des nahenden Endes. Manche stecken den Kopf in den Sand. Andere machen aus der Not eine Tugend und erklären den nicht mehr ganz leisen Harfenton zum Dernier Cri: Sie sprechen von „starken“ Frauen und wünschen sich Theaterspielpläne, wo ausschließlich … Es muss die Feder niedersinken und die Zunge schweigen!

Alles das schreit nach wissenschaftlicher Analyse. Die seltene, unbekannte Spezies Frau muss erforscht werden und befragt.

Mit betroffenem Unterton: „Wie fühlen Sie sich als Frau? Denken Sie anders? Sie denken doch anders!

Wie begegnen Ihnen die anderen? Wie anders sind Sie wirklich? Und in welchen Punkten? Wie schwierig ist das Anderssein? Wird die Welt nach der endgültigen Entdeckung und Erforschung der und umgekehrt durch die Frau endlich eine andere werden? Was werden Frauen dann anders machen? Was werden sie mit uns Männern machen?“

Und weil der Zeitgeist es verlangt: „#MeToo?“ (– ein paar sexy Anekdoten würden dem Artikel wirklich guttun!)

Verwirrend widersprüchliche Meinungen und Statements provozieren mehr Ermüdung als Empörung. Eines aber bringen sie endlich klar ans Tageslicht: Ja, es gibt sie wirklich, und sie sind leider keine Minderheit mehr: Frauen.

Frauen: Es sei nun offenbart, was dem geneigten Leser mit undeutlichem Vorgefühl schon schwante – auch ich bin eine und darf mich deswegen zu dem Thema äußern. Frauen im Theater. Frauen in leitenden Positionen. Frauen in einem Werte- und Gesellschaftssystem. Ob und wie das alles überhaupt … Denn als Frau bin ich ja Expertin für Frauenfragen und kann über nichts anderes so interessant reden wie über das Frausein. Und bestimmt kann ich dabei ordentlich wütend werden oder nachdenklich, Ideen haben für die Zukunft und pointierte Überschriften liefern.

Und so kommt es, dass ich – während meine männlichen Kollegen immer schon detailreich, politisch angeschärft und philosophisch unterfüttert über ihre inspirierten Konzepte reden – mich immer noch durch den langweiligen Fragenkatalog zum Thema Frauen am Theater quäle und hoffe, dass bald die Zeit anbricht, in der wir alle so gleich sind, dass wir dieser Fragen nicht mehr bedürfen. Aber das wird wohl noch dauern. Hedwig Dohm schrieb dazu erst vor Kurzem (nämlich im Jahr 1896): „Man kommt sich auf dem Gebiet der Frauenfrage immer wie ein Wiederkäuer vor. Das liegt an der Taktik der Gegner.“

In stillen, schlaflosen Nächten, wenn die Interviews lange vorbei sind und mir einfällt, was ich hätte antworten sollen, um den Frauen im Speziellen und im Allgemeinen gerecht zu werden und das Schwert der Emanzipation elegant zu schwingen, tauchen die Fragen leicht verändert aus dem Dunkel wieder auf. Immer noch mit betroffenem Unterton:

„Spielt es für Sie beim Inszenieren eine Rolle, dass Sie ein Mann sind? Möchten Sie als Regisseur, dass Ihre Arbeiten als männlich wahrgenommen werden? Was ist Ihr spezifisch männlicher Blick auf Männerfiguren in der Oper? Gibt es eine spezifisch männliche Ästhetik?“

„Haben Sie nicht die Befürchtung, nur engagiert zu werden, weil Sie ein Mann sind?“ „Was bedeutet Mannsein überhaupt?“ „Was machen Sie anders als Ihre weiblichen Kolleginnen? Haben Sie es als Mann schwerer? Und wie fühlen Sie sich als Mann am Theater? #MeToo?“ … oder alle Fragen in einer: „Sie sind ja ein Mann …“ (sehr betroffen)

Liebe Männer, schickt Eure Antworten gerne an die Redaktion der DEUTSCHEN BÜHNE!

Mich überkommt die Lust, das Gedankenexperiment weiter zu treiben und die Begriffe Mann und Frau gegen andere zu vertauschen:

„Inszenieren Asiaten anders?“ „Wie ist das mit den Schwulen am Theater?“ „Was machen Sie anders als Ihre christlichen Kollegen?“ „Haben Sie nicht die Befürchtung, dass Sie nur aufgrund Ihrer Behinderung engagiert wurden?“

Merken Sie etwas? Wir sind angekommen. Beim wesentlichen Punkt. Denn tatsächlich bin ich nicht nur Frau, sondern vor allem Mensch, und meine Identität wird durch viele verschiedene Faktoren bestimmt: beispielsweise durch die Tatsache, dass ich einer bestimmten Generation angehöre, eine oder mehrere Nationalitäten habe, eine oder mehrere Sprachen spreche, mich einem kulturellen Raum zugehörig fühle, einer Religion angehöre oder nicht, von bestimmten politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt wurde, mir eine bestimmte physische oder psychische Disposition vorgegeben ist, davon, wo ich gelebt oder studiert habe, durch die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, die Menschen, denen ich begegnet bin und vieles, vieles andere.

Theater soll ein Abbild der Welt sein und deswegen auch so divers und reich wie die Welt selbst. Das Theater ist ein Ort, der unseren Horizont erweitert, uns neue Per­spektiven aufzeigt und Fremdes nahebringt, der überrascht, bildet, verblüfft und alles sein darf – altbekannt oder vollkommen unvertraut oder beides zugleich. Jeder muss zu Wort kommen können und seine Themen aus seiner spezifischen – eben nicht nur weiblichen oder männlichen Perspektive – erzählen. Und ja: Da sind wir noch lange nicht an einem Endpunkt angelangt. Das Theater muss diverser werden, und damit meine ich nicht nur, dass wir mehr weibliche Stimmen brauchen.

Und ja, wir müssen selbstverständlich auch weiter daran arbeiten, dass das Geschlechter-Ungleichgewicht Geschichte wird. Das ist aber keine Aufgabe, die man nur innerhalb der Theaterwelt wird lösen können, das ist eine Aufgabe, die die gesamte Gesellschaft betrifft und verschiedenste Lebensbereiche berührt und die damit beginnt, dass wir aufhören, die Geschlechts-identität als etwas Trennendes aufzufassen. Die Gleichheit der Rechte findet eben nicht in der Gleichheit aller Menschen ihre Legitimation, sondern gerade in ihrer individuellen Andersartigkeit.

Wenn es eine Quote gäbe, wie ich sie mir wünschen würde? Wünschen würde ich mir an großen Häusern eine Quote für junge Newcomerinnen, die bisher weniger als drei Inszenierungen gemacht haben, denn tatsächlich ist es am Theater viel schwerer, als Frau jung zu sein. Man braucht jemanden, der an einen glaubt und einem die Chance gibt, etwas von sich zu zeigen. Und man braucht Gelegenheiten, zu üben, wie man mit Teams arbeitet und an Häusern.

Und was ich jungen Frauen am Theater raten würde? Lasst euch nicht beirren. Denkt nicht so viel über euer Frausein nach, weder ändert es etwas an euren Fähigkeiten noch an euren Möglichkeiten. Macht genau das, was ihr richtig findet und worauf ihr Lust habt. Benennt die Themen, die euch wirklich unter den Nägeln brennen, und erzählt über eure Träume, Wünsche, Hoffnungen, Ängste, über das, was euch wütend und nachdenklich macht – als Mensch UND als Frau. Macht gutes Theater!


Anmerkungen:

„Tremate, tremate …“ – „Zittert, zittert, die Hexen sind zurück!“ Kein Zitat aus einer Verdi-Oper, sondern Slogan der italienischen Frauenbewegung in den 1970ern.

„Starke“ Frauen  sind Frauen, die sich normal verhalten und tun, was ein Mann auch tun würde, ohne jemals als „starker“ Mann bezeichnet zu werden. Die Bezeichnung „starke“ Frauen basiert auf der Annahme, „normale“ Frauen hätten kleinere Gehirne, leisere Stimmen, keinerlei Ehrgeiz, aber dafür einen unbändigen Kinderwunsch und nicht die geringste Möglichkeit, den Zumutungen der Welt entgegenzutreten.

#MeToo Slogan, der zum Witz geworden ist, obwohl nichts an ihm lustig ist. In vielen Fällen gibt es einen ernsthaften, nicht zu verharmlosenden Hintergrund. Allerdings birgt er die Gefahr, dass Frauen sich durch ihr Bekenntnis zu ihm zu wehrlosen Opfern stempeln und Männer pauschal kriminalisiert werden, weil er von der plumpen Anmache bis zur sexuellen Gewalt alles miteinander vermischt und damit verwischt, wer wirklich ein Täter ist.

Natürlich sind Frauen die besseren Menschen! Aber eben nicht alle und nicht immer. Manchmal haben sie sehr gute und manchmal weniger gute Ideen, manchmal bewältigen sie bestimmte Situationen hervorragend und manchmal nicht, manche kommunizieren gut und manche nicht – wie ihre männlichen oder diversen Kollegen auch. Viele sind sich sehr dessen bewusst, dass sie in allem schneller, präziser, fleißiger und unbestechlicher sein müssen als ihre männlichen Kollegen, weil sie nur so akzeptiert werden. Manchmal haben sie es schwerer, zum Beispiel wenn ihnen unterstellt wird, sie müssten per se freundlicher, empathischer, zugewandter, weicher und kompromissbereiter sein, und ihnen deswegen nicht zugestanden wird, eine klare Ansage zu machen (womit ich nicht sagen möchte, dass Entschiedenheit und Freundlichkeit einander ausschließen), also in der Regel immer dann, wenn sie schon vorher in eine Schublade gesteckt wurden. Sicher gibt es auch Situationen, in denen es Männer schwerer haben, darüber würde ich beizeiten gerne einmal etwas lesen.

 

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