Die Ministerin hört zu

Von Michael Laages am 19.09.2019 • Bild: Michael Laages
Das Bild zeigt: Kulturstaatsministerin Monika Grütters (l.) mit der Intendantin des Staatsschauspiels Hannover Sonja Anders (M) und Yvonne Büdenhölzer, der Leiterin des Berliner Theatertreffens

Die dritte Theaterreise von Kulturstaatsministerin Monika Grütters führt von Hannover nach Bremen und weiter nach Rendsburg

Der GAU im Stau hat den Auftakt verhagelt – nach doppelter Fahrzeit für den Reisebus, der den Tross von Kulturstaatsministerin Monika Grütters von Berlin nach Hannover brachte, war an den Besuch der Vorstellung „Zeit aus den Fugen“, Laura Linnebaums Inszenierung nach dem Roman von Philip K. Dick zum Start der neuen hannoverschen Schauspiel-Intendantin Sonja Anders, nicht mehr zu denken; auch nicht an das sorgsam sortierte Podiumsgespräch mit geladener regionaler Kultur-Prominenz im Foyer. In der zwar historischen, aber eher düsteren Cumberlandschen Galerie des Theaters ist angesichts der herben Verspätung schnell improvisiert worden: mit dem Abend-Imbiss wie dem Informationsgespräch für die Ministerin in kommunikativer Runde.

In knappen Eröffnungs-Statements von Monika Grütters, Sonja Anders und Yvonne Büdenhölzer, der Leiterin des BerlinerTheatertreffen wie des Planungsteams der Ministerin, steht der politische Wert der Reise im Zentrum – mit Verweisen auf die Bundestagsrede, in der Grütters sich gerade deutlich gegen alle Versuche der parlamentarischen Rechten positioniert hat, die Freiheit künstlerischer Produktion von Theatern und Produktionshäusern zur Disposition zu stellen; etwa in Dresden, wo das internationale Haus der Künste in Hellerau massiv attackiert worden war im Vorfeld der Landtagswahlen in Sachsen. Sonja Anders vom Schauspiel Hannover hatte zuvor im Gespräch den Kreis der schützenswerten Kultur-Institutionen erweitert: um die öffentlich-rechtlichen Medien, die der ehedem oberste Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen, immerhin CDU-Parteifreund der Ministerin, gerade fahrlässig in Frage gestellt hat.

Die Theaterreise von Monika Grütters mit Stationen in Hannover, Bremen und Rendsburg sei in Zeiten wie diesen eine extrem wichtige Geste, sagte Sonja Anders; und an die Ministerin gerichtet: „Diese drei Länder brauchen Sie!“ Auch wenn die Bundespolitik bekanntlich kein eigenes Geld in die Hand nehmen kann, um einzelnen Häusern oder strukturell zu helfen…

Der Kreis der geladenen Gäste hat sich danach mit übergreifenden und vertrauten Theaterthemen befasst: dem Streben der Bühnen selber nach grundsätzlicher Gleichberechtigung der Geschlechter in allen Prozessen der Produktion, dem Bemühen um mehr Diversität und die Teilhabe vieler gesellschaftlicher Gruppen, die dem Theater bislang eher fern bleiben. Die Ministerin hört zu – den Intendanten Andreas Döring vom Schlosstheater in Celle und Jörg Gade, der derzeit noch das Theater für Niedersachsen (TfN) leitet, den Vertreterinnen der freien Szene in Niedersachsen und der designierten Dortmunder Schauspielchefin Julia Wissert, die zum Start-Team von Sonja Anders in Hannover gehört.

Speziell mit Blick auf Diversität und Repräsentanz, also die Frage, ob tatsächlich im freien Raum des Theaterspiels jedes denkbare Gegenüber inhaltlich repräsentiert werden könne und dürfe, auch people of colour von weißen Darstellerinnen und Darstellern, beharren Praktiker wie Jörg Gade auf der Zulässigkeit des „Als-ob“ – jeder und jede könne und müsse alles spielen dürfen auf der Bühne. Widerspruch kommt vom Autor Necati Öziri, der für das Forum junger Bühnenangehöriger im Theatertreffen mit unterwegs ist. Die Debatte wird in Bremen fortgesetzt. Gade weist aber auch auf ein fundamentales Problem hin, das viele Landesbühnen wie das TfN betrifft: den fortschreitenden Verfall zahlreicher Spielstätten. Stadthallen etwa können mittlerweile vielerorts in vielen Gemeinden nicht mehr instand gehalten werden und stehen absehbar nicht mehr zur Verfügung fürs Theater. Die Ministerin verweist auf ein Förderprogramm für Restaurierungen im Bau-Bestand, das vom Bundesinnen- und mittlerweile ja auch Bauministerium betrieben wird.

In Fragen struktureller Veränderung in den Theater-Hierarchien – das wird deutlich – sind die Bühnen zu vielem bereit. Zeit für Details bleibt in dieser Runde aber nicht, bevor sich die Reisenden spät am Abend wieder am Bus versammeln – und es staufrei bis Bremen schaffen.