Die Ministerin hört weiter zu

Von Michael Laages am 20.09.2019 • Bild: Michael Laages
Das Bild zeigt: Kulturstaatsministerin Monika Grütters zwischen Pirkko Husmann, der Leiterin der Bremer Schwankhalle und dem Schauspieler Mbene Mbunga Mwabene

Zweiter Tag der Theaterreise: Die Schwankhalle in Bremen

Auf Kollisionskurs?

Der zweite Tag der aktuellen Theaterreise von Kulturstaatsministerin Monika Grütters durch den Norden der Theater-Republik führt nach Bremen – und an einen besonderen Ort. Gleich hinter dem Weserdeich in der Bremer Neustadt ist die „Schwankhalle“ zu Hause, seit Beginn des neuen Jahrtausends ist sie zum festen Standort der freien Szene herangewachsen; mit heute dezidiert „queer-feministischem“ Profil, wie Pirkko Husemann betont, die das Haus seit fünf Jahren in einer Doppelspitze leitet. Die Post-Adresse übrigens hat das Produktions- und Gastspielhaus sich selbst gegeben – und den Ort zwischen Schwankhalle und Städtischer Galerie in eigener Initiative bald nach Zadeks Tod 2009, zum „Peter-Zadek-Platz“ gekürt. Und die Stadt zog mit.

Im Foyer haben sich die Ministerin und die Gäste zwei grundsätzlichen aktuellen Debatten zugewandt: der über das immer noch nicht gleiche Recht für die Geschlechter auch im Theater und der über das Neben-, Mit- oder Gegeneinander zwischen Stadt- und Staatstheatern und frei arbeitenden Gruppen samt den Produktions- und Gastspielhäusern, in denen freie Arbeit entsteht.

Eröffnet von der Präsentation des von der früheren Bonner Schauspielchefin Nicola Bramkamp initiierten Projekts der „Burning Issues“, der weiterhin ungelösten Probleme also im Umgang zwischen Frauen und Männern im Theater, hat das erste Podium eine Art Zwischenstand beschrieben – darüber, wie lange doch das Thema schon auf der Agenda steht, und darüber, wie gering doch der bislang erzielte Fortschritt letztlich ist. Zur Bremer Debatte gehörten neben Gastgeberin Husemann Amelie Deuflhard von der Kampnagelfabrik in Hamburg, Martine Dennewald vom Festival „Theaterformen“ und Dagmar Schlingmann, Hausherrin am Staatstheater in Braunschweig; außerdem Thorleifur Örn Arnarsson, neuer Schauspielchef der Berliner Volksbühne, Regisseur Alexander Giesche, der zu Nicolas Stemanns neuem Team in Zürich gehört, und Marc-Oliver Krampe, Chefdramaturg am Oldenburger Staatstheater.

Diskussion in der Schwankhalle, in der Mitte Amelie Deuflhard (mit Mikro), rechts neben ihr Thorleifur Örn Arnarsson

Weniger um Feminismus im engeren, strengeren Sinne gehe es mittlerweile, sagt Nicola Bramkamp, als um die Selbstverständlichkeiten im „demokratischen Prozess“; mittlerweile nerve eher die Über-Emotionalisierung in der Auseinandersetzung. Arnarsson steuert Erfahrungen aus dem heimatlichen Island bei – Elternzeit etwa muss dort von beiden Teilen genommen werden. Deuflhard setzt darauf, Frauen zu „coachen“ für die Prozesse der Kulturproduktion, auch und gerade die administrativen. Aber auch die Männer, speziell in der Konvention gefangene Alpha-Tiere, die „Silberrücken“ (so heißen Herrscher-Typen unter Affen, sagt Krampe), bräuchten wohl dringend dieses Training, diese Schulung in Systemveränderung: Frauen, meint Schlingmann, seien eher an Verantwortung, Männer an Macht interessiert, wenn sie aufsteigen in der Theater-Hierarchie. Die Braunschweiger Intendantin setzt auf gemischte Teams, die im stetigen Perspektivwechsel arbeiten. Und das Theater der Workoholics sei von gestern. Martine Dennewald hofft auf „spielerische Radikalität“ und kann sich auch die nicht sehr beliebte Quote als Strukturprinzip vorstellen. Marc-Oliver Krampe blickt derweil pragmatisch auf Besetzungsfragen, für alle Geschlechter wie für soziale Gruppen im Theater - die Bedeutung prozesshafter Theatralität nehme zu, während die der rollenfixierten Literatur deutlich schrumpfe.

Nachmittags ist dann auch Michael Börgerding zur Runde gestoßen, Intendant am Bremer Theater, außerdem Felix Landerer, der ein freies Tanz-Ensemble initiiert hat, das mit Stadttheatern kooperiert. Das ist mittlerweile generell die vorherrschende Struktur zwischen den Theater-Typen – vom Gegeneinander sind die Theatermenschen längst zum Miteinander gelangt, wo immer das geht. Dass damit Fragen des finanziellen Ungleichgewichts nicht gelöst werden, ist aber genauso klar. Freie Theaterproduktion, analysiert Börgerding, markiert oft in erschreckender Weise die Allgewalt neoliberaler Ökonomie, zwanghaften Optimierungs-Wahn und Selbstausbeutung bis zum Geht-nicht-mehr inklusive. Das Theater der Städte müsse auch ein sozialer Schutzraum sein für Künstlerinnen und Künstler.

Vom Kollisionskurs früherer Zeiten ist nicht viel geblieben zwischen den Theater-Strukturen – während die Konfrontation der Geschlechter soweit noch lange nicht ist.
Im Finale des intensiven Bremer Tages hat die „Schwankhalle“ die eigenen Stärken gezeigt – mit einer Probe der in Bremer Residenz arbeitenden „Thermoboy“-Gruppe (die im Oktober in Berlin Premiere hat) und einem Blick auf das Wochenend-Gastspiel des aus Malawi stammenden Schauspielers und Regisseurs Mbene Mbunga Mwambene. Für beides will die Ministerin prompt und spontan die eigenen Hauptstadt-Kontakte nutzbar machen. Wenn allerdings dieser Tag in Bremen eines bewiesen hat, dann das: Hauptstadt ist nicht so wichtig.

Mbene Mbunga Mwambene