Die Ministerin hört noch einmal zu

Von Michael Laages am 23.09.2019 • Bild: Michael Laages (alle Bilder)
Das Bild zeigt: Am eckigen "runden Tisch" in Rendsburg

Dritter Tag der Theaterreise: Das Schleswig-Holsteinische Landestheater

Finale in Rendsburg: Überall, wo Menschen sind

Das hätte ein Thema für sich sein können: der jüngste Akt im Drama um die Finanzen am Theater in Lübeck. Die drohende Insolvenz sei wohl vermeidbar, sagt Geschäftsführer Christian Schwandt, der das Amt zum Ende der Spielzeit niederlegt im Protest gegen die chronische Unterfinanzierung der Bühne – aber gerettet wird das Haus derzeit nur, wenn aller Wahrscheinlichkeit nach die Stadt einspringen wird mit einer Sonderzahlung. Am demonstrativen Desinteresse des Landes für den Theaterstandort Lübeck ändere das aber nichts. Naturgemäß hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters den Fall bloß mit Bedauern zur Kenntnis nehmen können, aber das Verhalten des Landes nicht kommentiert. Aber an der dritten und letzten Station, im Landestheater Schleswig-Holstein des ebenfalls scheidenden Intendanten Peter Grisebach, ist auch grundsätzlich deutlich geworden, dass die so überaus reiche Szene in den Regionen, jenseits von Stadt- und Staatstheatern auf der einen und der „freien Szene“ auf der an-deren Seite, ein weithin unbekanntes Land ist; nicht nur für die Politik.

Monika Grütters und Peter Grisebach

„Theater ist überall dort, wo Menschen sind“, sagt Markus Klein, der für die Amateurtheater mit am Debattentisch saß; und erzählt vom Zauber des „unsichtbaren Theaters“: wenn etwa Darstellerinnen und Darsteller im Cafe am Nachbartisch agieren, und im Grunde merkt’s keiner. Elisabeth Bohde von der Flensburger Theaterwerkstatt Pilkentafel nutzt die Methode auch für die mittlerweile überall präsenten „Klassenzimmerstücke“ in den Schulen: Nicht vorher und nicht nachher drüber reden, sondern einfach spielen – und sehen, was das mit den Jugendlichen macht. In Rendsburg hat Ministerin Grütters die echten Besonderheiten der heimischen Theaterszene kennen gelernt – Einzelgänger wie Jens-Erwin Siemssen vom Projekt Das letzte Kleinod in Schiffdorf, einer Gruppe, die „ein festes Haus auf Rädern“ ihr eigen nennt (Eisenbahnwaggons nämlich, mit und in denen die Gruppe auf Schienen reist und stets vor Ort die eigene Bühne baut, wie neulich zwischen Senftenberg und Stendal, Cottbus und Celle), oder Managerinnen wie Dorothee Starke vom Kulturamt in Bremerhaven, die für INTHEGA sprach, den Zusammenschluss der Gastspiel-Bühnen im Lande. Silvia Stolz vom „Stadeum“ in Stade gab einen Überblick über all die verschiede-nen Spiel-Angebote jenseits großer und größerer Häuser, „in der Fläche“, wie der politische Mode-Begriff lautet für das „platte Land“, für die „Provinz“.

Auch wenn die Politik mit „Global Village“ (noch so ein Mode-Schnack!) gerade ein Programm zur Förderung metropolenferner Kunst aufgelegt hat, bleibt übrigens beträchtlicher Nachholbedarf an profunder Kenntnis und gegenseitigem Verstehen. Auch die Interventionen der Ministerin gehen auf diesem zutiefst unvertrauten Terrain deutlicher als an den Abenden zuvor ins Leere; oder gar in die Irre. Hier kann sie sich auch nicht, wie in Bremen, an der Rolle der Promoterin für freie Ensembles versuchen.

Und auch die Sehnsucht nach der ästhetischen Debatte, den großen Fragen nach dem Wie und Warum zeitgenössischer Theatermacherei (zuvor in Hannover und Bremen ansatzweise geführt), kann vor dem Rendsburger Horizont kaum erfüllt werden – wer hier mit am Tisch saß, hat sich vor allem um die Sichtbarkeit der eigenen Arbeit bemüht. Auch, weil die mediale Aufmerksamkeit für Aufführungen von Tournee-Ensembles an Gastspielhäusern oder Amateurbühnen bestenfalls knapp über, meistens aber eher bei oder unter Null rangiert. Schon die Landesbühnen, zu deren definiertem Auftrag – wie für Peter Grisebachs Haus mit Zentralen in Rendsburg, Flensburg und Schleswig  – ja die (ganz schlechtes Wort!) „Grundversorgung“ in Fläche und Region gehört, kämpfen in jeder Spielzeit von neuem; und sind doch letztlich dabei viel näher dran am eigenen Publikum.

Neu war wenig in den drei Reisetagen der Ministerin – aber die wichtigen aktuellen Debatten (zur strukturellen Überlebensfähigkeit des herkömmlichen Theaters, zur Geschlechtergerechtigkeit und zum Nebeneinander ästhetischer For-men in Stadttheater, freier Szene und regionaler Fremde) sind mit den gut sortierten Gesprächsrunden neu fokussiert worden. Dabei bleibt auch die „Wertschätzung“ willkommen, die die Politik aller Selbstdarstellung zum Trotz eben auch aussendet. Und jeder Hinweis auf irgendeinen bislang unbekannten Fördertopf für die Kunst oder den Erhalt von Strukturen zählt eben auch – für die, so der Lübecker Christian Schwandt, reichste Theaterlandschaft der Welt.     

"Mörder Ahoi" am Schleswig-Holsteinischen Landestheater

(Szenenfoto aus "Mörder Ahoi!"  von Klaus Gehle, zurzeit im Spielplan des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters)