Der Unbehauste

Von Andreas Falentin am 22.06.2020 • Bild: Moritz Haase
Das Bild zeigt: Jürgen Holtz und der Text seiner letzten Rolle: Brechts „Galileo Galilei“

In seiner letzten großen Bühnenrolle, Brechts „Galileo Galilei“ 2017 am Berliner Ensemble in Frank Castorfs Bearbeitung und Inszenierung, fand sich wie unter einem Brennglas noch einmal alles, was den Schauspieler Jürgen Holtz so besonders machte. So viele seiner Figuren hatten mit dem Kampf gegen die eigene Verbitterung zu tun, mit großer Einsamkeit, einem Furor gegen jeden kleinsten, gemeinsamen Gemeinschaftsnenner und mit der heimlichen Sehnsucht, doch dazuzugehören. Immer war da ein Aufbegehren gegen jede Art von Fremdbestimmung – und eine kleine Hybris, die Wunschvorstellung, mit sich selber im Reinen, bei sich selbst zuhause und damit allen anderen überlegen zu sein. Und bei alledem war sich der Schauspieler Jürgen Holtz immer klar, dass er auf einer Bühne stand, blieb immer klar, künstlich, kunstvoll, parodierte hier und da, imitierte nie. War nie glatt „realistisch“.

Jürgen Holtz war, nimmt man seine Biographie, wahrhaftig ein deutsch-deutscher Schauspieler. Und blieb doch letztlich immer ein Unbehauster, auch in der wiedervereinigten Theaterlandschaft, auch wenn sein Geburtsort Berlin sicherlich Heimat für ihn war.  Dort besuchte der 1932 Geborene das Humboldt-Gymnasium, ging zur Ausbildung nach Weimar und Leipzig, kehrte  nach ersten Engagements in Erfurt, Brandenburg und Greifswald als Schauspieler zurück und wurde, mit der Titelrolle in Peter Hacks‘ „Moritz Tassow“, 1966 von Benno Besson an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz inszeniert, erstmals Teil eines Theaterskandals. Das eigentlich optimistische, parabelhafte Stück über Utopie, Pragmatismus und Flexibilität im Kommunismus wurde nach wenigen Aufführungen verboten.

Nach acht Jahren am Deutschen Theater, vor allem eine Zeit intensiver Zusammenarbeit mit dem Regisseur Adolf Dresen, begegnete Holtz am Berliner Ensemble Einar Schleef und B.K. Tragelehn. Ihre gemeinsame Inszenierung von Strindbergs „Fräulein Julie“ wurde zum vielleicht größten Theaterskandal der DDR. Besonders die Schlussszene, in der Jutta Hoffmann in der Titelrolle gleichsam über das Publikum hinweg in die Freiheit flüchtete, konnten die Polit- und Kulturfunktionäre nicht ertragen. Jürgen Holtz ging enttäuscht an die Volksbühne zurück und begann im Westen zu arbeiten. Als sein Antrag auf Mitwirkung einer Inszenierung von Heiner Müllers „Auftrag“ am Schauspielhaus Bochum 1983 über ein Jahr lang nicht bearbeitet wurde, entschloss er sich, die DDR zu verlassen.

Er spielte in München und Frankfurt, nach der Wende auch wieder in Berlin. Und er war unverwechselbar geworden. Hatte er sich in frühen Jahren wohl auch, alte Kritiken legen es nahe, durch Wandlungsfähigkeit ausgezeichnet, wusste man jetzt, was man bekam: Den hochintelligenten Außenseiter, der alles Bösartige, Falsche, Ungerechte, Hinterhältige erkannte und geißelte und das nicht selten auf bösartige, hinterhältige Weise. Dass das nie langweilig wurde, lag daran, dass Holtz souverän und subtil mit dieser Bühnenpersönlichkeit spielte, die auch im Fernsehen funktionierte, in Krimis, in Serien – und als „Motzki“.

Der Drehbuchautor Wolfgang Menge wollte es noch einmal wissen: Nach „Ein Herz und eine Seele“, dem Gesellschaftssatire-Sensationserfolg der 70-er, besetzte er Holtz gleichsam als Nachfolger von „Ekel Alfred“, einem anderen deutsch-deutschen Schauspieler, von Heinz Schubert. Dass „Motzki“ ein großer Genuss für eine Minderheit, aber kein großer Fernseherfolg wurde, lag daran, dass Menge alt geworden war und die Zeiten sich geändert hatten, genauso wie die Physiognomie des Spießers. Und dass Holtz in der Titelrolle zu intelligent, zu raumgreifend, vor allem aber zu würdevoll blieb, als dass man sich wirklich über ihn hätte ausschütten können. Wie bei Alfred Tetzlaff sahen wir in seine Welt, aber der Zerrspiegel war nicht die Kamera, sondern der Blick der Figur, des Schauspielers auf seine Zeit. Kostbar, kaum erträglich und selten komisch.

Nach dem Jahr 2000 schienen die Wanderungen des Schauspielers Jürgen Holtz vorbei. Nach 2005 spielte er eigentlich nur noch in Berlin und fand erstaunlicherweise gerade in Robert Wilson einen Regisseur, der seine Bühnenpersönlichkeit zu einem späten Leuchten brachte, sowohl 2007 in der „Dreigroschenoper“, wo er noch einmal den Peachum gab, als auch 2009 in „Shakespeares Sonette“ (beide am BE). Hier war Holtz wieder bindungslos, bitter bis zum Zynismus und doch poetisch. Ganz allein und doch ein Mittelpunkt des Geschehens. In dieser Zeit spielte er auch den Buttler in Peter Steins monströsem Komplett-„Wallenstein“. Und wurde auch hier zum Mittelpunkt des Geschehens. Und zwar nicht als ein Rätsel des Ehrgeizes, wie es etwa der kürzlich verstorbene Otto Mellies verkörpert hat. Jürgen Holtz war viel direkter. Er spielt von Anfang an ein Riesenbaby mit Gehhilfe, das immer noch glaubt, dass Fleiß, Tapferkeit und Zuverlässigkeit zwingend nach oben führen, in der Karriere wie im Leben – ein Willy Loman mit proletarischer Rüstung beim Militär. Als er diesen Kinderglauben verliert, weil ihm jemand anders vorgezogen wird, den er geringer achtet als sich selbst, zerreißt der Schauspieler seine Figur und ein Monster tritt hervor. Von einem zum anderen Moment schien Jürgen Holtz‘ Gesicht auf der Bühne hassgelb zu werden und es behielt diese Farbe. Und alle seine Worte wurden klein und hässlich, wie laut er sie auch herausschleuderte. Holtz behielt die Kontrolle. Und ich bekam Angst wie selten im Theater.

Gestern, am Sonntag, den 21. Juni, ist Jürgen Holtz, einer der eigenwilligsten, klügsten und wirkungsmächtigsten Schauspieler der letzten 50 Jahre, gestorben.