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Viktors Nachtstücke: Der Frühling

Von Tatjana Gürbaca am 21.09.2020 • Bild: Tatjana Gürbaca
Das Bild zeigt: Titelfoto der Frühling

Zu den vielen Künstlern, die Corona der Arbeit und der sozialen Kontakte beraubt hat, gehört auch die Opernregisseurin Tatjana Gürbaca. Ihre Antwort auf die Krise heißt: Viktor, Ausgeburt schlafloser Nächte und unausgelebten Schaffensdrangs. Viktor fristet seine Existenz als Vampir, dem der blutige Nachschub abhanden gekommen ist. So ist auch er verurteilt zur Einsamkeit, auf der Suche nach einer neuen Erfüllung. Wir begleiten ihn bei seinen Abenteuern am Rande der Dunkelheit. Zum Start unseres neuen Video-Formats mit „Viktors Frühling“ bringen wir ein Interview mit Viktors Schöpferin.

 

Viktor

Frau Gürbaca, wie kam es zur Geburt von Viktor?
Tatjana Gürbaca: Nachdem Corona unsere Londoner „Rusalka“-Produktion zwei Wochen vor der Premiere gestoppt hatte, saß ich in Berlin – zu Hause mit meinem Mann und zwei Katzen, alle in selbstverordneter Ausgangssperre. Die Zeit schien plötzlich stillzustehen, die Zukunft war verschwunden. Ich dachte: Was mache ich jetzt? Mein erster Impuls war, die Opern, die sich jetzt nicht realisieren lassen würden, als Graphic Novel zu zeichnen, aber das hat mich schnell eher unglücklich gemacht. Dann drückte mir mein Mann – der Kunst unterrichtet und gerade selber einen Film mit seinen tanzenden Schülern drehte – eines Tages einen Klumpen Modelliermasse in die Hand, und damit fing ich dann an zu spielen und auszuprobieren. Ich mochte das Material, weil es Leben hat, sich sehr schnell und leicht formen lässt und manchmal auch macht, was es will, und Dinge passieren lässt, die man nicht erwartet hat. Die ersten Filme hatten noch nichts mit Viktor zu tun, der ist dann eher zufällig aus einem Rest-Klumpen entstanden. Aber plötzlich war diese Figur da und mit ihr auch eine Idee, wohin die Reise jetzt gehen könnte…

Wer ist Viktor denn eigentlich?
Tatjana Gürbaca: Der Vampir Viktor ist ein Heimatloser, aus der Zeit Gefallener, eine Art Ahasver, auch ein Verwandter der deutschen Romantiker. Eine unbändige Sehnsucht nach Liebe und Schönheit treibt ihn um. Er ist einsam, melancholisch, schnell berührbar, und sein staunender Blick auf die Welt hilft manchmal, dass wir selber eine andere Perspektive einnehmen und ein bisschen anders auf die Dinge schauen als sonst. Gleichzeitig hat die Figur Viktor viel mit der Geschichte meiner slowenisch-triestinischen Familie zu tun. Und vielleicht ist sie auch ein bisschen Selbstportrait.

Schreibtisch

In den Videos ist Corona explizit kaum präsent. Aber Viktor spiegelt in seiner seltsamen Existenz auch die pandemische Psyche: die Angst, die Einsamkeit, der Verlust einer Lebensperspektive, der Rückzug auf sich selbst, auf Träume, Hobbys, Beschäftigungstherapien… Oder wäre das überinterpretiert?
Tatjana Gürbaca: Das stimmt absolut. Die Krise wirkt ja in mehrfacher Hinsicht wie ein Brennglas. Sie lässt – vor allem in der Isolation – unsere allzu menschlichen Ängste, Gedanken, Sehnsüchte, Gefühle deutlicher hervortreten. Und davon handeln auch die Filme. In der Corona-Zeit sind sie zu einer Art Logbuch für mich geworden.
 
Die Videos haben etwas Unfertiges, Offenes, Rätselhaftes. Absicht?
Tatjana Gürbaca: Ja. Am Anfang gab es für mich nur zwei Spielregeln: Das Kneten der Figuren und Bauen der Requisiten muss schnell gehen, es darf nichts zusätzlich dafür eingekauft werden. Es ging mir darum, eine Idee sehr schnell und mit ungebremster Energie umzusetzen, wie eine Skizze, die man auf das Papier wirft und die gerade von der Spontanität und Geschwindigkeit lebt, vom Unvollkommenen, das uns dann gerade dazu einlädt, die Dinge weiter zu träumen. Ich mag an der Stop-Motion-Technik, dass sie ja nur aus hintereinander gesetzten Bildern besteht, die Bewegung der Figuren entsteht erst im Kopf des Betrachters. Das ist der gleiche Vorgang wie im Theater, wenn der Zuschauer zum Komplizen wird und die Geschehnisse auf der Bühne mit seiner Fantasie ergänzt. Wenn wir uns auf das Spiel mit Assoziationen einlassen, entsteht ein Dialog.

Vitkor mit Katze

Viktor ist eine Ausgeburt der Corona-Krise. Wird er die Krise überleben?
Tatjana Gürbaca: Ich denke schon, auch wenn ich jetzt schon merke, dass die Oper wieder mehr Zeit beansprucht. Aber Viktor hat eine eigene Existenz, bestimmte Filme und Ideen wollen gedreht werden, da kann ich gar nichts dagegen machen…
 
Wie ist Ihre Situation als Regisseurin derzeit?
Tatjana Gürbaca: Die Arbeit geht zum Glück wieder weiter, wenn auch unter teilweise schwierigen Bedingungen, ausgetüftelten Sicherheits-Regeln und einem Rest von Angst, dass dennoch Krankheitsfälle in einer Produktion auftauchen könnten. Trotzdem bin ich unendlich dankbar, bald wieder auf einer Probebühne stehen zu dürfen. Ich merke erst jetzt, wie sehr mir die Oper gefehlt hat.

 

 

Tatjana Gürbaca

Tatjana Gürbaca, geboren 1973 in Berlin, studierte Regie an der Hochschule für  Musik und Tanz „Hanns Eisler“ in Berlin. Sie besuchte Meisterkurse bei Ruth Berghaus und etablierte sich nach dem Gewinn des Ring.Award im Jahr 2000 als Musiktheaterregisseurin. 2011 bis 2014 war sie Operndirektorin in Mainz. Tatjana Gürbaca inszeniert an  renommierten europäischen Häusern, etwa in Antwerpen, Bremen, Essen, Köln, Oslo, Wien und Zürich. Im März holte sie am Opernhaus Covent Garden in London die Coronakrise ein: Kurz vor der Premiere wurden die Proben zu ihrer „Rusalka“-Inszenierung gestoppt.