Das Unikat – Zum Tod von Volker Spengler

Von Michael Laages am 10.02.2020

Die beiden Bilder wollen nicht zusammen passen – das vom Schauspieler Volker Spengler der letzten Jahre und das von Elvira Weishaupt, der Frau, die ein Mann war in Rainer Werner Fassbinders 1978 fertig gestelltem Film „In einem Jahr mit 13 Monden“, gespielt von Volker Spengler. Das wäre an sich nichts Besonderes: Im Film war der gebürtige Bremer Ende 30, im Alter von 80 Jahren ist er jetzt gestorben. Natürlich bleibt sich niemand gleich in über 40 Jahren. Aber Spenglers Wandlung war enorm; und sie erzählt etwas vom Leben eines ganz außergewöhnlichen Menschenbildners.


Der junge Spengler, der als Teen zur See gefahren und eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte, um dann mit 20 den Weg in die Schauspielerei anzutreten, spielte im Kino wie im Theater zunächst oft eher sensible, verletzliche Figuren; in fast allen Fassbinder-Geschichten der späten 70er und frühen 80er Jahre fanden sich Rollen dieser Art. Die Theater-Karriere hatte an den Rändern der Szene begonnen, an privaten Häusern, bei Ida Ehre in Hamburg an den Kammerspielen oder bei Fritz Rémond in Frankfurt; sie führte 1967 ans Schillertheater nach Berlin und später nach Frankfurt, oft in Inszenierungen von Peter Palitzsch. Mit diesem Regisseur wechselte Spengler weiter nach Düsseldorf und Anfang der 1990er Jahre ans Berliner Ensemble. Zuletzt ist Volker Spengler für die Regisseure René Pollesch, Christoph Schlingensief und Frank Castorf in den späteren Jahren der Berliner Volksbühne unter Castorfs Leitung zur zentralen Theater-Persönlichkeit geworden.


Da war Volker Spengler wie verwandelt: Ein Berg von einem Mann, nach außen hin eher ruppig und grob, hatte er sich nach dem frühen Tod des Lebenspartners 1994 offenbar eine Art Panzer zugelegt. Und hinter der nach außen gewendeten, aggressiven Energie schien sich weiter innen die Figur aus frühen Jahren verborgen zu haben: einsam, verletzlich, mit überschwänglichem Humor; ein Umarmer. Das erzählen dieser Tage Kolleginnen und Kollegen, die speziell in den letzten Jahren an der Volksbühne mit ihm arbeiteten. Was immer Spengler jetzt an Theatertexten erarbeitete, in den Stücken von Pollesch, den Improvisationen mit Schlingensief, aber auch als Vater Garga bei Frank Castorf im „Dickicht der Städte“ von Brecht, ging jetzt durch diesen Panzer, durch diesen Menschen hindurch, auch durch dessen unverwechselbar breiten bremischen Sprach-Klang, der sich nie um irgendeine Art von „Schönheit“ scherte. Nun war der Schauspieler tatsächlich verwandelt und nicht mehr einzuordnen – was immer Spengler spielte, war auch (und oft vor allem) Spengler.


Er hat nie so gelebt, als wolle er unbedingt 80 werden. Die spätestens seit der Zeit in Fassbinders Kino-Familie allgegenwärtigen Gefährdungen des Berufes haben über die Jahrzehnte hin viele Spuren hinterlassen. Aber auch so ist er zum Unikat geworden, zum Sonderling, der unvergessliche Erinnerungen gestiftet hat – etwa in Frankfurt, als er 1992 in Wolfgang Engels Shakespeare-Inszenierung „Der Kaufmann von Venedig“ in einem grandiosen Solo Teile des Fassbinder-Textes „Der Müll, die Stadt und der Tod“ verarbeitete, der ein Jahrzehnt zuvor zum Frankfurter Groß-Skandal um Fassbinders angeblichen Antisemitismus geführt hatten. Auch später am Berliner Ensemble ( auf ganz andere, verzweifelte Weise) hat er sich unvergesslich gemacht, als er für eine der letzten Arbeiten von Palitzsch in Becketts „Endspiel“ die Partie des Hamm zu bewältigen hatte und nur mit Hilfe des Partners Hermann Beyer und der Souffleuse über die Runden kam. Er hat sie dann mit zu sich auf die Bühne geholt in den Schlussbeifall. Wieviel Panzer und wieviel Maske sich dieser Schauspieler auch zugelegt haben mag – ehrlich, direkt und klar ist er geblieben.