Das „Ring“-Team für Bayreuth 2020

Von Detlef Brandenburg am 26.07.2019 • Bild: David Pichler (links)/Mechthild Schneider
Das Bild zeigt: Sie schmieden den BAyreuther „Ring 2020: Der Regisseur Vincent Schwarz (links) und der Dirigent Pietari Inkininen

Schnappatmung in der Festspielwerkstatt

Überfliegt man die Reaktionen auf die Bekanntgabe des neuen Bayreuther „Ring“-Teams, trifft man immer wieder auf das Epitheton „jung“. „Die Festspiele 2020 werden jung“, titelt Spiegel online. Bei BR Klassik ist von einem „Newcomer“ die Rede, beim NDR spricht Sabine Lange von einem „jungen Team“ in Bezug auf den 30-jährigen österreichischen Regisseur Valentin Schwarz und den 1980 geborenen finnischen Dirigenten Pietari Inkinen. Und ich gebe zu: Im ersten Moment habe ich auch gedacht: Das Festspielhaus als Nachwuchs-Bühne – Donnerlüttchen, die Katharina Wagner hat aber Mut!

Aber sind das wirklich relevante Kategorien? Nur mal so zur Erinnerung: Patrice Chéreau war 31 , als er der Welt 1976 den „Jahrhundert-Ring“ schenkte. Und er war wirklich ein „Newcomer“, hatte im Gegensatz zu Schwarz noch nie vorher Oper gemacht, als Filmregisseur allerdings bereits eine erstaunlich reife künstlerische Handschrift entwickelt. Nur – mit solchen Vergleichen macht man es dem „Newcomer“ Schwarz natürlich nicht leichter. Denn für ästhetische Jahrhundert-Taten gibt es kein Rezept. Jugend allein ist dafür nur selten ausreichend.

Sie ist in einer Zeit, in der alle Welt (soweit deren Bewohner in Feuilleton-Reaktionen oder in den Theaterchefetagen leben) auf der Jagd nach dem umwerfenden Nachwuchstalent ist, auch kein Alleinstellungsmerkmal mehr. „Jung“ ist eher ein überstrapaziertes Label, mit dem bei Regisseuren, Dirigenten und Sängern schon eine Menge Schindluder getrieben wurde. Das aber rührt an eine grundsätzliche Frage der Bayreuther Festspiele: Was ist ihr Alleinstellungsmerkmal? Auf der Ebene der Musik beantwortet sich diese Frage durch die Akustik des Hauses. Wunderwerke wie Kirill Petrenko, Christian Thielemann oder Daniel Barenboim sie vollbracht haben, sind so nur hier zu vollbringen. Gute Inszenierungen aber sind überall zu haben, und in manchem modernen Opernhaus sogar leichter als in der denkmalgeschützten Wagnerscheune auf dem abgelegenen fränkischen Hügel.

Nun steckt in der Berufung von Valentin Schwarz allerdings ein anderes Alleinstellungsmerkmal, das freilich die Festspiele aus gutem Grund nicht so stark herausgestellt haben: Er hat wenig mehr als ein Jahr Vorbereitungszeit für Wagners riesige Tetralogie. Bei einem Dirigenten wie Pietari Inkinen, der in Melbourne immerhin schon mal einen „Ring“ dirigiert hat, mag das angehen. Aber ein Regisseur, der ja für seine Inszenierung überhaupt erst mal das Fundament legen muss? Ein junger Mann, der 2017 beim Ring Award Graz noch als Nachwuchstalent unterwegs war, und dessen Homepage ganze elf Inszenierungen verzeichnet?

Und selbst wenn man sich jetzt wirklich mal von der Frage „jung oder zu jung?“ verabschiedet: Reicht ein Jahr, um sich seriös auf Wagners „Ring“ vorzubereiten? Viel mehr kann es ja nicht sein, da Schwarz‘ Inszenierung von Kagels „Mare nostrum“ an der Oper Köln, die nach Katharina Wagners eigenem Bekunden die Initialzündung für die Berufung auslöste, erst im September 2018 Premiere hatte. Und diese Kurzatmigkeit ist nicht neu in Bayreuth. Beim letzten „Ring“ gab es ein ähnliches Holterdiepolter, bevor dann Altmeister Castorf die Karre – allerdings mit Power und Grandezza – aus dem Dreck zog. Und beim letzten „Parsifal“ ebenfalls, da endete es in der Verlegenheitslösung mit Uwe-Eric Laufenberg. Jedenfalls ist aus dieser repetierenden Schnappatmung in Besetzungsfragen schwerlich eine singuläre Qualität abzuleiten. Probenzeitnot, schlechte Vorbereitung, kurz getaktete Reisehektik – all das, was die Probenqualität negativ beeinflusst, gib es im internationalen Opernbetrieb ohnehin schon reichlich. Bayreuth stand aber mal für etwas ganz anderes: für lange Vorläufe, geschützte Probenruhe, Präsenz aller Beteiligten, konzentriertes Arbeiten, für Zeit, etwas zu entwickeln und auch nach der Premiere noch weiter zu entwickeln. Werkstatt Bayreuth nannte Wolfgang Wagner das gern. Der Festspiel-Prinzipal und wunderbare fränkische Querkopf würde am 30. August 100 Jahre alt, so er noch unter ans weilte. Er war weiß Gott auch ein Pragmatiker, der mal Fünfe gerade sein ließ, wenn es dem Ganzen nützte. Aber vielleicht wäre es an der Zeit, sich an das Werkstatt-Prinzip wieder zu erinnern. Ernsthaft gepflegt, wäre das tatsächlich etwas, was man nicht überall findet