Aktuelles: Das Acht Brücken Festival in Köln

Von Andreas Falentin am 10.05.2021 • Bild: Screenshot „The Garden"
Das Bild zeigt: Screenshot aus „The Garden“ von Richard Ayres, gespielt vom Asko Schönberg Ensemble mit dem Dirigenten Ed Spanjaard und dem Bassisten Karl Huml, übermalt von Martha Colburn

Wie so viele Theater und Festivals muss auch Acht Brücken. Musik für Köln, analog geplant vom 1. bis 15. Mai, dieses Jahr ins Netz ausweichen. Das Motto „Kosmos / Comic" lässt allerdings auch für den Medientransfer einiges erhoffen. Ein Streifzug durch die Mediathek des Festivals, in der sämtliche Beiträge bis mindestens Ende Mai kostenfrei abgerufen werden können. 

Erster Eindruck beim „Click & Meet“: Am Bildschirm dominiert das Bild. Die überraschend selten exaltierte Musik hält sich (zu) oft vornehm zurück.

 

Screenshot aus „Musik zeichnen mit Silvia Dierkes“

Screenshot aus „Musik zeichnen mit Silvia Dierkes“

Zeichner wie Jurek Malottke (auf Musik von Salvatore Sciarrino) oder Lukas Kummer (auf Fausto Romitelli) lassen sich von wesentlichen Werken der neuen Musik inspirieren – und machen sie durch ihre zeichnerische Brillanz fast unhörbar, wobei durchaus eine Art Graphic Theatre entsteht. Ganz anders, sehr widerständig, manchmal im Mondriaan'schen Farbspektrum die Abstraktion suchend, sind die Bilder von Silvia Dierkes. Hier hört man „blur”, einer Komposition von Katharina Rosenberger für eine sechsköpfige Kammerband, angestachelt zu.

 

Brecht, Eisler, Busch, unten rechts Autor Jochen Voit, Screenshot aus „Ernst Busch – der letzte Prolet“

Brecht, Eisler, Busch, unten rechts Autor Jochen Voit, Screenshot aus „Ernst Busch – der letzte Prolet“, aufgezeichnet im Kölner Gloria Theater

„Ernst Busch – der letzte Prolet“ ist hierzu eindeutig Kontrastprogramm: Biopic und Graphic-Novel-Präsentation. Jochen Voit liest sozusagen aus seinen eigenen Zeichnungen, das ensemble ascolta spielt Arrangements und Miniaturen von Gordon Kampe, Justin Caulley, eigentlich Bratscher beim Ensemble Resonanz, singt Ernst Buschs bekannteste Lieder, hochmusikalisch und vorsichtig tastend. Die Einzigartigkeit des Vorbilds erreicht er logischerweise nicht. Denn wo hätte es so etwas sonst je gegeben, diese Kombination von fast unnatürlich leichtem Stimmsitz, messerscharfer Artikulation und sehnig-muskulösem, manchmal fast lärmigem und doch selten lautem Gesang? Davon hätte man gerne ertwas gehört zu den Buschs Lebensgeschichte dramaturgisch kundig erzählenden Zeichnungen.

An zwei Programmen ist der britische Komponist Richard Ayres beteiligt, ein Schüler von Morton Feldman und Louis Andriessen. Seine Musik sprudelt geradezu über von Bildideen und Erzähl- und Bedeutungswut und behauptet immer gleichzeitig ein Recht auf die absolute Abstraktheit von Musik. Es geht also ums Gestalten im lustvoll selbst aufgestellten Widerspruch: Narrative Projektion contra musikalische Urkraft. „The Garden”  für  eine Basstimme, Ensemble und Soundtrack, inspiriert von Hieronymus Bosch, kommt als von Martha Colburn be- und übermalte Konzert-Performance daher, gedreht in einer Lagerhalle eines niederländischen Blumenzwiebelproduzenten (Foto siehe Cover).

Tollende Körper in „Strand“ von Richard Ayres, bebildert von Pauk BarrittSchlussbild von „Strand“ von Richard Ayres, bebildert von Paul Barritt

Screenshots von Pas de deux am Strand und Schlussbild von „Strand“ von Richard Ayres, bebildert von Paul Barritt

Noch besser – und gleichzeitig: noch absurder – kommt Ayres' Musik in Partnerschaft mit einem Animationsfilm von Paul Barritt zur Geltung, der hierzulande vor allem für die Bühnenbild-Animationen zur weltweit erfolgreichen „Zauberflöte“ von Barrie Kosky bekannt ist. „Strand“ heißt das Projekt und es geht um Tourismus, um Klischee und Konsum, um Zivilisationsverdichtung und -ermüdung. Ayres Musik tanzt, schreit auf, verdrückt ein melancholisches Tränchen und hüllt sich in sachliche Ironie. Die Bilder von Barritt drehen sich elegant im Reigen und bleiben dabei auf fast erschreckende Weise lapidar. Die Horror-Visonen entmenschten Zusammenlebens von Menschen des norwegischen Zeichengenies Pushwagner sind nicht mehr weit – und werden durch die Musik noch weitergesponnen.

 

Die staunende Menge, Screenshot aus „Stump the Guesser"The Guesser ist stumped, Screenshot aus „Stump the Guesser“

Die staunende Menge und die Dekonstruktion des „Guesser“ (Adam Brooks) in Guy Maddins Stummfilm „Stump the Guesser“ (2020)

Bleibt der Höhepunkt beim Streifzug durch absolut unkonventionelle Bild- und Klangwelten: „Stump the Guesser" ist ein experimenteller Stummfilm des kanadischen Filmemachers Guy Maddin aus 2020. Gleich zwei Komponist*innen, Anthony Cheung und Nina Senk, hat Acht Brücken beauftragt, den Film unabhängig voneinander zu vertonen. Das Ergebnis ist eine Art siehe oben: Der Film ist bildlich und erzählerisch so unglaublich stark, dass man die Musik nicht hört, auch weil sie, bei Cheung wie bei Senk, hinters Bild zurücktritt, es nicht überwältigen, das zusehende Publikum nicht manipulieren will. Eigentlich also gute Filmmusik.

Die Bilder sind eigenständig und originell. Dazu nimmt Maddin die Ästhetik der großen Stummfilmzeit auf, huldigt dieser und ironisiert sie gleichzeitig mittels der heutigen technischen Möglichkeiten. Der „Guesser" ist ein Jahrmarkt-Rater. Er weiße, wer wie alt ist oder wer wieviel Geld im Portemonnaie hat. Denn er trinkt regelmäßig seine „Guessing Milk". Bis die einmal zur Unzeit alle ist. Dann geht alles zu Klump, der „Guessing Inspector" nimmt ihm seine Lizenz, seine Liebe, seine Schwester... and the Guesser is stumped. Ein Riesendrama in 19 Minuten. Und wenn man die Vertonungen vergleichen will, hat man Grund, „Stump the Guesser” ein zweites Mal zu schauen. Jede Sekunde lohnt sich!

Alle besprochenen Performances – und einige andere – können in den nächsten Wochen kostenfrei hier betrachtet werden.