Daniel Barenboim bleibt bis 2027 Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper unter den Linden

Von Andreas Falentin am 07.06.2019 • Bild: Christian Mang/Staatsoper Berlin
Das Bild zeigt: Daniel Barenboim in der Berliner Staatsoper Unter den Linden

Vorgestern wurde bekannt, dass Daniel Barenboims Vertrag als Generalmusikdirektor der Berliner Staatskapelle bis 2027 verlängert wurde. Dann wäre Barenboim fast 85 – und 35 Jahre Chef in Berlin, geliebt, gefürchtet und einer der wichtigsten Kulturrepräsentanten der Stadt.  Mir ist kein Dirigent bekannt, der je am selben Haus drei komplette Produktionen von Wagners „Ring“ herausgebracht hätte. Barenboim wird nach zwei anerkannt szenisch misslungenen Deutungen (inszeniert von Harry Kupfer und Guy Cassiers)  ab 2022 tatsächlich ein drittes Mal versuchen, das Gesamtkunstwerk-Monstrum zu knacken und das, obwohl die benachbarte Deutsche Oper, die bühnentechnisch für diese Aufgabe erheblich besser geeignet ist, schon im nächsten Jahr mit ihrem von Stefan Herheim inszenierten „Ring“ beginnt.

Gestern habe ich die Nachricht von der Verlängerung gelesen. Heute Nacht hatte ich einen Traum. Im Frühjahr 2027 findet Daniel Barenboims letzte Premiere in Berlin statt. Natürlich dirigiert er „sein“ Stück „Tristan und Isolde“. Er hat Jean-Pierre Ponnelles und Heiner Müllers Inszenierungen in Bayreuth und Patrice Chéreaus subtile Deutung in Mailand dirigiert. Immer anders. Immer großartig. Jetzt fasst er das Stück noch einmal an, hat „sein“ Ensemble gerufen und alle, alle sind gekommen. Placido Domingo hat den „Tristan“ bekanntlich 2006 bereits auf Platte aufgenommen und erfüllt sich jetzt, mit 86 Jahren, den Traum einer szenischen Gestaltung. Es ist sein 143. Rollendebut. Da er leicht erkältet ist, wartet der ein Jahr ältere Siegfried Jerusalem als Backup in der Garderobe, kommt aber nicht zum Einsatz. Waltraud Meier (71) kehrt für diesen besonderen Anlass noch einmal  aus dem Ruhestand zur Isolde zurück und findet sich mit Domingo zu bewegender, intensiv farblos gestalteter Zweisamkeit zusammen. Das Publikum feiert aber auch die Youngster, den König des 62-jährigen René Pape und die Brangäne von Anna Netrebko, die mit dieser besonderen Premiere ihren Wechsel ins Mezzo-Fach einleitet. Der Regisseur Rolando Villazón verlangt den Darstellern, besonders was den körperlichen Einsatz angeht, alles ab. Mehrfach muss auf offener Bühne gekniet werden. Außerdem ist der mexikanische Tausendsassa selbst als Hirt zu erleben, mit der Besonderheit, dass er die dieser Figur zugewiesene Oboe d’Amore eigenhändig spielt, vom wachen Maestro geradezu großväterlich geführt. Erlernt hat er dieses komplizierte Instrument bei dem großen Albrecht Mayer. Die Trainings-Sessions, die Barenboim persönlich am Klavier begleitete, wurden live in den sozialen Netzwerken übertragen und brachten es auf gewaltige 364.000 Follower mit einem Durchschnittsalter von 78,4 Jahren. Ein einmaliger Vorgang! Nach der einzigartigen Premiere tritt die diensthabend*e Kultursenator*in vor den Vorhang und verkündet zweierlei: Die Staatsoper wird für einen siebenstelligen Betrag schnellstmöglich mit einer neu entwickelten Hochleistungs-Induktionsschleife ausgerüstet, damit auch in den oberen Rängen Hörgeräte-Rückkopplungen zukünftig ausgeschlossen sind. Und Daniel Barenboim hat sich nach langen Gesprächen in Berlin, Paris, Buenos Aires und Tel Aviv bereit erklärt, der Staatsoper für weitere zehn Jahre als Generalmusikdirektor zur Verfügung zu stehen. Dröhnender, langanhaltender Applaus.

Die leidenschaftliche Aufwallung verursacht drei Herzinfarkte im Publikum - und bei mir ein schweißgebadetes Aufwachen. War es die freudige Erwartung oder der übermächtige Albdruck, der meinem Traum ein Ende setzte? Entscheiden Sie selbst. Eins aber ist gewiss: 35 Jahre sind wirklich eine sehr lange Zeit.