Medientipp: Buch: Hans Neuenfels „Fast nackt“

Von Andreas Falentin am 31.03.2022 • Bild: Eisele-Verlag, München
Das Bild zeigt: Cover Hans Neuenfels „Fast nackt“

„Ja, er war Regisseur, aber nicht nur, weil er ein Gespür für Sprache und Musik hatte, sondern vor allem, weil er in seinem Verhältnis zur tatsächlichen Welt, die er mit Spiegelungen, Täuschungen, Irreführungen, Übertreibungen und unmittelbaren Benennungen zu konfrontieren und aufzureißen versuchte, ein Vergnügen und eine Neugier im Tun gleichwertig wie auch im Betrachten hatte, in der Reflexion wie im Geschehen.“

Haben wir je eine bessere Beschreibung der Herangehensweise des Künstlers Hans Neuenfels gelesen? Er liefert sie uns selbst in seinem Buch „Fast nackt“, das heute, am 31. März, knapp zwei Monate nach seinem Tod erscheint. Auch das Buch selbst, die Sprache, die Zusammenstellung und Reihung der Texte führen uns noch einmal vor Augen, wie besonders Neuenfels war. Alles ist da: die klare Selbstwahrnehmung und die ebenso klare Weltsicht; die überbordende Gleichzeitigkeit von Furor und Empathie; die eigenwillige, aber immer stringente Dramaturgie im Kleinen wie im Großen; die erstaunliche Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge so unverschlungen wie irgend möglich auszudrücken. Und alles immer auf hohem Energie-Level und doch so gelassen wie möglich.

Der Gegenstand ist, anders als in seinem „Bastardbuch“, außer in Momenten biografischer Selbstbespiegelung, nicht das Theater. Es beginnt, im Gegenteil, mit dem Leben. „FAST NACKT Versuch einer Selbstbefragung“ steht über dem ersten Text. Und ist ernst gemeint. Neuenfels spricht von seiner Nierenkrankheit, die ihn in den letzten Lebensjahren mehrere Tage in der Woche in die Dialyse zwang, von sich und seiner Familie, von Süchten, Hoffnungen und Ängsten. Und wird nicht prätentiös dabei.

Nach einer eher unspektakulären Fotostrecke trägt uns „Duisburg und New York“, zu Beginn geradezu bemerkenswert unmerklich, aus dem Leben in die Literatur, ohne die Biografie ganz zu verlassen. Mit traurig wütendem und doch irgendwo darüberstehendem – über was, ist die Frage – Humor erzählt Neuenfels aus einem großartig absurd erfundenen Anatagonismus der beiden Städte eine wilde Initiationsgeschichte. Und dann kommt „Sieg“. Und wir denken an Loriot, wegen der passgenauen und surchaus witzigen Decouvrierung der kleinbürgerlichen Existenz. Aber mit wieviel Liebe wird hier draufgeschaut! Die Hoffnung bekämpft die Ironie und die Hauptfigur löckt wider den Stachel, zumindest für den Moment erfolgreich. Und wir lernen, wie in der Duisburg-Geschichte auch, wie sehr der weltgewandte Hans Neuenfels von seiner niederrheinischen Heimat geprägt wurde, denn „Sieg“ lässt sich auch als Hommage lesen – an den rheinischen Sauerbraten.

In „Ein Täubchen über Lefkes“ geben Ort und Konstellation die Verarbeitung von Biografischem fast zwingend vor und die dichte Schichtung von starken, nicht immer dechiffrierbaren Bildsymbolen lässt an Neuenfels‘ Theaterarbeit denken. „Solitude“ schließlich ist ein in mehrfacher Hinsicht exotischer Alptraum über das Verlassenwerden. Eine Strecke Gedichte vielleicht nicht nur aus später Lebenszeit und zwei letzte biografische Skizzen runden den Band ab.

Vermutlich hätte Hans Neuenfels auch als Autor bestehen können. Dass der kleine Münchner Eisele-Verlag uns das so zeitig nach seinem Tod vor Augen führt, ist eine tolle Sache. Vor allem, weil diese vorläufig – bekanntlich ein Lieblingswort von Neuenfels – letzte Begegnung uns bei der Erinnerung, beim Nicht-Vergessen des Künstlers und Menschen Hans Neuenfels hilft.

Hans Neuenfels: „Fast nackt“ Letzte Texte. Mit einem Nachruf von Elke Heidenreich
ISBN 978-3-96161-147-8, Eisele-Verlag München, 272 Seiten, 24 €
Erschienen am 31. März 2022