Aus der Redaktion: Brecht Festival Augsburg - Teil 3

Von Andreas Falentin am 06.03.2021 • Bild: Brecht Festival Augsburg
Das Bild zeigt: Gott trifft Karl Marx, initiiert von Suse Wächter für das Brecht Festival 2021
User 1: Der Text ist nervig, weil man die Musik nicht hört.
User 2: Die Musik ist nervig, man kann den Text nicht hören.
User 3: Ich versteh alles top.
Auszug aus dem Chatprotokoll zu „Medeamaterial“, Brecht Festival, 26. Februar 2021

Erst im Dezember haben Jürgen Kuttner und Tom Kühnel, die Leiter des Augsburger Brecht Festivals, gemeinsam mit ihren Kooperationspartnern entschieden, dass die Festival-Ausgabe 2021 komplett online stattfinden wird. Alle eingeladenen Künstlerinnen und Künstler wurden gebeten, für ihre Beiträge eine neue, digital auswertbare Form zu finden, die definitiv kein abgefilmtes Theater sein sollte. Kann so etwas funktionieren? Versuch eines Festivaltagebuchs der ersten Woche:


Freitag, 26. Februar Aller Anfang…
Natürlich. Du wählst dich ein und der Stream bleibt hängen. Im Chat wird aufgeregt geschnattert.  Wohlmeinende Chat-Ratgeber empfehlen einen Browserwechsel oder schlicht „Drück F5!“. Bei mir materialisieren sich Jürgen Kuttner und seine Talk-Gäste recht schnell, aber sie erreichen mich nicht. Es folgt Heiner Müllers Medeamaterial, zugerichtet von den Festivalleitern. Die drei Schauspielerinnen vom Staatstheater Augsburg haben Müllers Text durchdrungen und stellen ihn klug strukturiert, sinnlich und nur  ganz selten prätentiös zur Verfügung, Man sieht Müllers Totenmaske, alte Gemälde, in einem Dokumentarfilm wird einer Kuh die Kehle durchgeschnitten und die Schauspielerinnen tragen gefühlt 20 Masken in 40 Kostümen vor 60 Hintergründen. Und es gibt Musik, wummernde Electrosounds, wie die ganze Festivalwoche immer wieder. Die Ebenen und Reize stören sich gegenseitig und verbacken sich miteinander, und das beim Festival für den Meister der Distanz und des Vorzeigens! Nach 40 Minuten bin ich erschöpft.

 

Still aus dem „Medeamaterial“-Film von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner

Christina Jung, Natali Hünig und Elif Ezmen (v.l.) in „Medeamaterial“

Samstag, 27. Februar Runde Sache
Heute hat das Prinzip erstmals funktioniert. Zwei Stunden Programm werden klug strukturiert präsentiert. Musik ist dabei, die wunderbaren Clips von Suse Wächter, bei denen sie jeweils eine „Heldin“, einen „Helden des 20. Jahrhunderts“ als Puppe Brecht-Songs performen lässt, Corinna Harfouchs „Mutter“-Projekt, über das ich mich mit meiner Kollegin Sophie Vondung hier ausgetauscht habe; und Ich bin ein Dreck. Das ist eine Art vierteilige filmische Phantasie mit Texten von Brecht und Margarete Steffin von und mit Stefanie Reinsperger. Die Schauspielkollegen Julian Keck und Wolfgang Michael haben eindrucksvolle Gastauftritte. Reinsperger zeigt Wandlungsfähigkeit und Intensität. Die Bilder sind nicht abgegriffen, wenn auch bekannt, düster, traurig, ein wenig deprimierend. Aber es stimmt zusammen. Bis auf die Musik. Siehe oben.

 

Stefanie Reinsperger in der ersten Einstellung von „Ich bin ein Dreck"

Stefanie Reinsperger in der ersten Einstellung von „ich bin ein Dreck" © Hamdemir/Isletme

Sonntag, 28. Februar Lesungen
Lina Beckmann und Charly Hübner haben einen Film unter Brechts und Helene Weigels Briefe gelegt, der versucht, das Private zu objektivieren. Wenn Charly Kaffee kocht, bleibt uns der lange Blick auf die Kaffeekanne. Der Zugang fällt schwer. Auch bei mehreren Autorinnen, die jeweils in einer Theaterstuhlreihe sitzen und ihre Texte vortragen. Ausnahme: Lea Streisands „Hufeland Ecke Bötzow“. Sie liest nicht nur gut. Ihr Thema, eine Berliner Kindheit zu Wiedervereinigungszeiten, packt auch sofort. Und stößt uns wieder mal drauf, dass Brecht halt auch immer noch ein Deutsch-Deutsches Thema ist.

Montag, 1. März Bonusmaterial
Zeit, auf der Homepage des Brecht Festivals in Hörspielen zu wühlen. „Weiberbrigade“ von Inge Müller, 1960 vom Rundfunk der DDR produziert, haut mich um. Schnell, laut, ernsthaft sozialkritisch, und doch mit weit ausschwingendem Witz zwischen absurdem Humor und deutschem Biedersinn.  Und dann „Die Umsiedlerin“, jenes Stück, mit dem Heiner Müller zur Persona non grata in der DDR wurde, mit prominentesten Stimmen (Götz Schubert, Dieter Mann, Jürgen Holtz, Annekathrin Bürger...) 2003 vom MDR produziert. Eigentlich doch eine historische Fußnote, Bodenreform und -kollektivierung in Blankversen, schreit es wild nach der Bühne, der großen Bühne, der monumantal großen Bühne. Nach 50 Jahren!

Dienstag, 2. März Zwei Höhepunkte
„Die unwürdige Greisin“ – echtester Brecht: Distanz, Empathie Künstlichkeit. Hinreißend. In Text, Rezitation und Bild. Meine Kollegin Sophie Vondung hat hier  darüber geschrieben. Und dann: Helden des 20. Jahrhunderts. Jetzt ist tatsächlich Gott an der Reihe. Und über die Bande von Brechts Text „Gegen Verführung“ inszeniert Suse Wächter eine Begegnung mit Karl Marx, als klassische „Kennen wir uns nicht irgendwoher?“-Liebesgeschichte. Was für ein rührendes, wildes, ernsthaftes, kurzes Vergnügen! „Karl!“ – „Gott!“

Mittwoch 3. März Pause
„Und weil der Mensch ein Mensch ist…“ Heute geht nichts. Ich bin netzmüde. Als Kompensationsleistung lese ich einige Brecht-Gedichte. Es lohnt sich sehr. Später gröle ich das „Einheitsfrontlied“ unter der Dusche. Danke, Brecht Festival!

Donnerstag 4. März Surabaya Johnny
Jeder (der sie kennt) mag bekanntlich Brechts Songs. Winnie Böwe, Schauspielerin und Sopranistin, erzählt „Happy End“, Brechts und Weills Nachfolger der „Dreigroschenoper“ frisch und mit leicht nostalgischem Charme in verschiedenen Berliner Locations und singt die Songs, inklusive des Tophits „Surabaya Johnny“ musikalisch sehr fein zu Akkordeonbegleitung. Dass nur die Liedtexte von Brecht sind, das Stück aber von Elisabeth Hauptmann geschreben wurde, erfährt man aber nirgends. Geht es nicht um Brecht und die Frauen? SCUM knallt mich aus meinen Gedanken. Schon den Titel finde ich super, zumal, wenn man ihn googelt, nicht das feministische Manifest von Valerie Solanas kommt, sondern ein Computerspiel. Und genau in diesem Spannungsverhältnis bewegen sich die Schauspielerin Hanna Hilsdorf und die Band Goshawk: chic verspielte Oberfläche, optisch wie akustisch, klare Haltung und dazu eine mitreißende Mischung aus Spaß und Wut. Was für ein großartiges Gefäß für Brechts Texte, auch für „Surabaya Johnny“ und die neuen mitreißenden Musik-Arrangements und Bearbeitungen.
 

Hanna Hilsdorf und Goshawk

SCUM – Hanna Hilsdorf und Goshawk beim digitalen Brecht Festival © Brechtfestival

 

Freitag 5. März Kartoffelsalat
Endlich! In Caroline Kapps Film „Broken Brecht“ kommen sie vor, Helene Weigel und Margarethe Steffin, Ruth Berlau und Elisabeth Hauptmann. In Dialogen, mit ihren Texten, mit einer Mischung aus Real- und Animationsfilmen, mit umwerfenden Bildern in und um eine große Limousine und auf einem riesigen Gewerbegebiets-Parkplatz versuchen Knapp und ihr Ensemble aus den "Brecht-Frauen" Individuen zu machen. Toller Versuch, leider erscheinen die 45 Minuten zu kurz. Und das Publikum chattet und chattet auf Nebenkriegsschauplätzen herum, bis einer oder eine schreibt: „Links von euch läuft ein Film!“ Da war's auf einmal still... im Chatprotokoll, so drei Minuten lang.