Aus der Redaktion: Brecht Festival Augsburg - Teil 2

Von Sophie Vondung am 04.03.2021 • Bild: Katia Fouquet
Das Bild zeigt: Katia Fouquet beginnt, Bertolt Brechts „Die unwürdige Greisin" zu zeichnen

Das Augsburger Brecht Festival findet erstmals digital statt. Wie funktioniert ein Theaterfestival im Netz? Und wie kann, wie muss man mit Künstler und Material umgehen, um beides nahezubringen und ernsthaft nach Relevanz fragen zu können? Für den zweiten Teil unserer Festivalberichterstattung hat Sophie Vondung  ein Schwerpunktthema ausgemacht:

Die Würde der Heldinnen


Steht das ganze Brecht Festival dieses Jahr unter dem Motto „Brechts Frauen“, so war besonders der Dienstagabend ein wahres Panoptikum starker Frauenfiguren. Mehrere Kurzfilme beleuchteten mit unterschiedlichen Blickwinkeln Fragen wie: „Was macht eine starke Frau aus?“ Oder: „Welchen gesellschaftlichen Zwängen stehen Frauen gegenüber?“ Ansätze dazu finden die Filmemacher*innen auf ganz unterschiedliche Weise und bedienen sich des naturalistisch-schlichten Films ebenso wie der animierten Aquarellmalerei oder des Puppenspiels. Genauer unter die Lupe nehmen will ich hier  „Heldin Nr. 0“ von bluespots productions und Katia Fouquets „Die unwürdige Greisin“.

„Wann warst du zuletzt eine Heldin?“, fragt „Heldin Nr. 0“ in einem kahlen Gang, der sich schnell in ein Klebezettel-Chaos möglicher Antworten verwandelt. Und weiter: „Was empfindet die Gesellschaft als schwach?“. Die im Gang grübelnden Personen scheinen über diese Fragen zu brainstormen, indem sie ihre Umgebung mit immer mehr Klebezetteln füllen. All diese Personen sind Teil eines Ensembles, das den Film gemeinsam konzipiert hat. Sie alle sind auch im Endprodukt zu sehen. Ein echtes Brecht‘sches Kollektiv also. Das sucht die Antworten in einigen Brecht-Gedichten und -Liedern, die als Voiceover ihre Szenen-Collage unterlegen. Vom Gang fährt die Kamera weiter in einen leeren Raum mit Karoboden, in dem eine Frau im weißen Unschulds-Kleid scheinbar intuitionsgeleitet spielt. „Maria saß auf einem Stein/ Sie hatt’ ein rosa Hemdelein/ Das Hemdelein war verschissen./ Doch als der kalte Winter kam/ Das Hemdelein sie übernahm/ Verschissen ist nicht zerrissen“, rezitiert eine Stimme dazu ein Lied aus „Leben des Galilei“, das in Brechts Stück von Kindern in einer italienischen Grenzstadt gesungen wird. Anja Neukamms Spiel erweckt zusammen mit der starken Musik von Sebastian Birkl alias Dot eine unbestimmte Verzweiflung, Trauer und Sehnsucht.
 

Film-Still aus „Heldin Nr. 0" mit Anja Neukamm

Anja Neukamm in „Heldin Nr. 0“ von bluespot productions

Konkreter wird diese Verzweiflung in einer der nächsten Szenen bei einer Frau, die von den gesellschaftlichen Erwartungen an sie in die Enge getrieben ist. Sie hat ihre Periode nicht bekommen und spreizt ihre Beine auf dem Tisch des Arztes. Trotz ihrer Sorgen und Einwände, dass sie doch arm sei und keinen Platz für ein Kind habe, predigt der Arzt (Harald Molocher) in ignoranter Wiederholung, unterlegt von scheinheiliger Akkordeon-Musik: „Da sind Sie mal 'ne nette kleine Mutter/ Und schaffen mal'n Stück Kanonenfutter/ Dazu ham‘ Sie 'n Bauch, und das müssen Sie auch/ Und das wissen Sie auch“. Seine fröhliche Gleichgültigkeit reizt den Sarkasmus in Brechts Ballade über den §218 bis ins Äußerste aus. Dieser bestrafte in der Weimarer Republik Schwangerschaftsabbrüche mit bis zu fünf Jahren Zuchthaus. Ein weniger naheliegendes Beispiel für starke Weiblichkeit zeigt die folgende Szene, in der sich ein Mann in Korsett und Glitzerrock in einem Taschenspiegel betrachtet, umringt von kritisch blickenden Frauen und Männern in Alltagskleidung. Schwankend zwischen Entschlossenheit und Zweifel tritt er auf einzelne aus dem Kreis zu, ringt um seinen Platz in dieser Gruppe. Die Szene endet mit der starken Metapher des Pflaumenbaumes, der wachsen möchte, aber zu wenig Licht bekommt. „Dem Pflaumenbaum, man glaubt ihm kaum/ Weil er nie eine Pflaume hat/Doch er ist ein Pflaumenbaum:Man kennt es an dem Blatt.“

Wozu kompliziert werden, wenn man es auch einfach ausdrücken kann? Diesem Motto folgt auch der Kurzfilm „Die unwürdige Greisin“. Sophie Rois erzählt Brechts Geschichte in Einfacher Sprache nach, folgend einer Neuausgabe im Passanten Verlag. Katia Fouquet illustriert  mit einer liebevollen Wasserfarben-Animation.
 

Die unwürdige Greisin beim Schuster © Katia Fouquet

Die unwürdige Greisin beim Schuster © Katia Fouquet

Klar und auf den Punkt formuliert, aber nicht minder liebevoll und gewitzt, erzählt dieser Kurzfilm also die Geschichte einer Frau, die mit 72 Jahren Witwe wird. Und für die das ein Befreiungsschlag ist. Sie beginnt ein neues Leben, das in harschem Kontrast zu ihrer Sparsamkeit und Zurückhaltung als Ehefrau und Mutter steht. Wo sie früher jede Münze zweimal umgedreht hat, gönnt sie sich jetzt regelmäßige Kinobesuche. Während sie früher für die Familie gekocht und selbst nur die Reste gegessen hat, kehrt sie jetzt im Gasthof ein. Auf Selbstaufgabe folgt Selbstfindung. „Hinausgeworfenes Geld! Verschwendung!“, urteilen ihre irritierten Söhne. Aber die Mutter distanziert sich von ihren Kindern und genießt unbeirrt das Leben. Sogar auf Dating-Apps treibt sie sich herum: Holger schickt sie ein Herz, Berndt kanzelt sie ab. „Horror!“, steht auf dem Display des animierten Wasserfarben-Handys, gefolgt von einem Totenkopf-Emoji.

Zwei Leben habe diese Heldin geführt, heißt es am Ende. Im ersten erfüllte sie pflichtbewusst die Rolle, die ihr von der Gesellschaft auferlegt wurde. Im zweiten ist sie einfach nur Frau B. und genießt die zwei Jahre, die ihr noch geblieben sind. Mit seiner verspielten Art und kindlichen Klarheit wirft dieser Kurzfilm grundlegende gesellschaftliche Fragen auf. Warum ist ihre Familie so schockiert, als die Greisin ihr Leben selbst in die Hand nimmt, aus ihrer Rolle heraustritt? Warum gönnt sie ihr nicht das bisschen Selbstliebe? Warum wird sie als unwürdig kategorisiert, wenn sie sich das Recht nimmt, sich zu amüsieren? Und warum müssen sich Frauen auch heute noch rechtfertigen, wenn sie keine Familie gründen wollen? Einfach nur Frau B. zu sein, ist das nicht genug?

Dieser Festival-Abend mit seinen starken Frauen inspiriert und provoziert. Das zeigt: Auch 65 Jahre nach Brechts Tod lebt er weiter und Künstler*innen finden immer wieder einen frischen, auch kritischen, Blick auf sein Werk. Liebevoll, und voller Kreativität und mit großer Handwerkskunst, teilten sie diesen Blick mit ihrem Online-Publikum.

Am Samstag setzen wir unsere Festivalberichterstattung fort mit Andreas Falentins persönlichem Festival-Tagebuch, am Montag resümieren wir den digitalen Brecht in einem zweiten Gespräch.
Hier geht es zum gespräch über das erste Festival-Wochenende.