Medientipp: Ausstellung: „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“

Von Roland H. Dippel am 05.05.2022 • Bild: bpk – Bildagentur
Das Bild zeigt: Richard Wagner, Foto von Franz Hanfstaengl, 1871

Bühne frei für den Kapitalismus und seine Auswirkungen im 19. Jahrhundert! Die Leitung des Deutschen Historischen Museums Berlin geht dieses Thema mit zwei parallelen Ausstellungen an. Die Sonderausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“ (bis 21. August) gehört zu den Kernaufgaben des Veranstaltungsortes, „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ ist hingegen die erste Ausstellung über einen Komponisten im DHM. In Konzept, Gliederung und Inhalten der Sonderausstellungen wird konsequent ein Dualismus durchgehalten.

Blick in die Ausstellung © Deutsches Historisches Museum/David von Becker

Blick in die Ausstellung © Deutsches Historisches Museum/David von Becker

Die Marx-Ausstellung ist in konkreten, klar voneinander abgesetzten Teilbereichen strukturiert. Bei Wagner dagegen wird das Fluide und Transzendente zum Gestaltungsprinzip. In beiden Ausstellungen dreht sich viel um den Begriff „Entfremdung“. Ihm schreibt das Wagner-Kurationsduo Michael P. Steinberg und Katharina J. Schneider eine neue Aktualität zu. Zwar sind auch Bild- und Tonmaterialien von Wagner-Aufführungen der letzten Jahre zu sehen, doch in erster Linie geht es um die Person des Tonschöpfers, Hofkapellmeisters, Festspielgründers und Autors Richard Wagner (1813-1883), um seine Rolle in einer von den Auswirkungen der Industrialisierung geprägten Gesellschaft. Je zwei der vier Bereiche bilden Gegensätze: „Entfremdung“ contra „Zugehörigkeit“, „Eros“ contra „Ekel“. Die Ausstellung verzichtet auf eine strenge Chronologie von Ereignissen. Gerade deshalb präsentiert sie einen kompakten und dabei anspruchsvollen Leitfaden durch Wagners Gedanken- und Gefühlstopographie. Aufschlussreich erscheint zum Beispiel, dass Wagner, der selbst weitaus häufiger das Wort „Liebe“ verwendete, die physisch-sinnlichen Aspekte von „Eros“ und die als erotisch erlebte Offensivkraft seines Musiktheater-Schaffens offenbar von außen zugeschrieben wurden.

Differenziert betrachteter Antisemitismus

Im Vergleich zur Wagner-Rezeption der letzten Generation fällt auf, dass der in Wagners Schrift „Das Judentum in der Musik“ mit äußerster Gehässigkeit manifestierte Antisemitismus differenzierter betrachtet wird. Im Komplex „Ekel“ wird unterschieden zwischen Wagners „Rassifizierung der Kulturindustrie“ und „Anspruch auf Heilighaltung“. Ein Zentrum der Ausstellung von Wagners „dunkler Seite“ ist die Installation „Schwarzalbenreich“ von Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin. In der Klangcollage innerhalb einer Blackbox vermischen sich historische Aufnahmen mit ins Jiddische übersetzten antisemitischen Zitaten Wagners. Auch hier fällt auf, wie schwer eine Annäherung an die über 4000 Druckseiten des inhaltlich sprunghaften und sich oft widersprechenden Textes Wagners ist.

Für Theaterschaffende von Interesse sind neben der kompakten Einführung in Wagners Denken die Figurinen und Kostümbilder zu den Aufführungen. Auch in der Präsentation reflektiert die Ausstellung die Theatralisierung von Geschichte und Gegenwartspolitik im 19. Jahrhundert durch Kunst, Design und künstlerische Übergangsbereiche. Wagners Person, Werk und Denken werden nach historischen, aber nicht theater- und musikästhetischen Kriterien vorgestellt. Dokumente wie Felix Luckhardts berühmtes Foto des stehenden Wagner und der vor ihm sitzenden Cosima aus dem Jahr 1872 bleiben unverändert bedeutsam. Die wechselseitige Bedingtheit von Wagners Nationalismus und Antisemitismus, seine Entwicklung von der Pose des Freigeists zum Bürger wird auf verhältnismäßig knappem Raum über spektrale Themenverbindungen verdeutlicht. Man verlässt die Ausstellung mit einem Gefühl faszinierender Überfütterung.

Die Ausstellung „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ ist bis zum 21. September im Deutschen Historischen Museum zu sehen. Weiterführende Informationen gibt es HIER.
 

Hausschuh von Richard Wagner © Richard Wagner Museum, Luzern

Hausschuh von Richard Wagner © Richard Wagner Museum, Luzern