Foto: Sam Harris © Matthias Baus
Text:Adrienne Braun, am 25. Februar 2025
Barock trifft Synthesizer-Klänge: Die Junge Oper im Nord der Staatsoper Stuttgart hat Purcells „The Fairy Queen“ für Kinder und Jugendliche aufbereitet. Dazu wurde die barocke Vorlage mit Beats und Video aufgepeppt, Liebe, Lust und Leidenschaft aber keusch unterschlagen.
Ob sie Sex haben in dieser Nacht? Ob sie turteln, tändeln, Küsse tauschen? Man weiß es nicht. In Henry Purcells Kurzoper „The Fairy Queen“, die auf Shakespeares „Sommernachtstraum“ basiert, stehen in dieser magischen Nacht die Gefühle Kopf. Im NORD, der Dependance der Stuttgarter Oper, kann man die emotionalen Abgründe bestenfalls erahnen. Das liegt weniger am Dämmerlicht und dem vielen Nebel. Diese Neuproduktion kommt so keusch daher, weil sie sich an Kinder ab zwölf Jahren richtet.
Mehr als 300 Jahre hat Purcells Oper auf dem Buckel – und offenbar traute man dem Original nicht zu, ein junges Publikum zu begeistern. Deshalb wurde die barocke Vorlage durch Synthesizer-Sound aufgepeppt. Die Dirigentin Yudania Gómez Heredia führt präzise durch die Partitur – und das Zusammenspiel zwischen sphärischen Klängen und dem Orchester funktioniert erstaunlich gut, vor allem, wenn Dancefloor-Beats dem pulsierenden Original beigemischt werden.
Auch das Bühnenbild (Leo G. Alonso) aus Schiebewänden ist in der Gegenwart verortet. Auf sie werden Videos (Jonas Seitz) projiziert und flattern Engelchen mit den Flügeln, fällt Laub oder schweben kristalline Digitaltränen. Aber selbst wenn Bäume zu sehen sind und Hinweise eingeblendet werden wie „Im Wald zur magischen Stunde“, stellt sich kein Raumerlebnis ein und vermitteln sich die Orte auch nicht atmosphärisch.
Fehlende Interaktion zwischen den Figuren
Die Regisseurin Olivia Hyunsin Kim habe sich, wie es im Programmheft heißt, „unabhängig“ gemacht von Shakespeare. Einzelne Textpassagen stechen heraus wie „I’ll not Kiss“, was Sam Harris immer wieder singt, die Zusammenhänge lassen sich aber kaum erschließen. Denn statt die Geschichte zu vermitteln, verlässt sich die Regisseurin auf die Wirkung der Kostüme von Nadine Bakota. Sie sind ein wahrer Augenschmaus mit Glitzer und Pailletten, Fell und Tüll, Latexanzügen aus dem SM-Shop, Masken und gigantischem Kopfputz. Da gibt es aus Haaren gedrechselte Hörner oder irrwitzig in die Höhe wachsende Turmfrisuren.
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„The Fairy Queen“. Foto: Matthias Baus
Wie bei der Pariser Fashion Show zelebrieren die Sängerinnen und Sänger diese opulenten Kreationen. Die Inszenierung verzichtet auf jegliche Interaktion zwischen den Figuren, die nun eben versuchen, bei aller Selbstbezogenheit Liebe, Lust oder Leid zu vermitteln – durch kokette Posen, sinnliches Lächeln oder Küsse in Richtung Publikum. Dabei sind es vor allem die Arme, die mit ausgreifenden Gesten Körperlichkeit behaupten.
Klischierter Habitus
Das Team wollte besonders queeren Identitäten ein Forum bieten. Der stimmlich betörende Tenor Charles Sy spielt allerdings so tuntig, wie es die Comedy nicht besser könnte. Neben den Sängern sind auch zwei Tänzer im Einsatz. Francesca Meola präsentiert Akrobatik oder Salsa-Grundschritt, während der Tänzer Jonas Nothof im Glitzerfummel auf hohen Absätzen vor allem den klischierten Habitus von Dragqueens zelebriert.
Wenigstens etwas Humor hätte dieser Inszenierung gut getan, die so stark auf Posen und Äußerlichkeiten setzt. Aber selbst der Bass Aleksander Myrling kommt als betrunkener Dichter eher grob als witzig daher. Olivia Johnson (Mezzosopran) ist die zentrale Figur und stimmlich wie darstellerisch präsent, aber auch ihr szenischer Einsatz ist auf ausladende Armarbeit beschränkt. Erotik, Übergriffe und queeres Miteinander vermitteln sich hier nicht. Ob man Kinder und Jugendlich so für die Oper gewinnt? Da auch keine Übertitelung des englischen Librettos angeboten wird, ist eine Botschaft in jedem Fall deutlich: Ohne ausführliche Vorbereitung sollte man sich nicht ins Theater wagen.
Unsere Kritikerin besuchte die zweite Vorstellung am 24.2.