Veranstaltung: 10. Hamburger Privattheatertage: Gala und Preisträger

Von Detlef Brandenburg am 04.07.2022 • Bild: Bo Lahola
Das Bild zeigt: Das Ensemble von „Altes Land“ der Theaterei Herrlingen mit Lisa Wildmann, Ursula Berlinghof und Agnes Decker, ausgezeichnet als „Zeitgenössisches Drama“.

Ganz am Ende der Gala zur Verleihung der Monica Bleibtreu Preise, mit denen traditionell die Hamburger Privattheatertage (PTT) zu Ende gehen, trat noch einmal Axel Schneider, der Gründer dieses sehr besonderen Festivals, ans Mikrophon in den Hamburger Kammerspielen und zitierte aus den Statements, zu denen die Besucher in diesem Jahr per Handzettel aufgefordert waren. Eines der schönsten: „Die Hamburger Privattheatertage sind wichtig, weil Kultur nicht privat ist.“ In der Tat: Zumindest in Deutschland ist sie das erklärtermaßen nicht, sie ist vielmehr eine öffentliche Aufgabe, zu deren Förderung sich die öffentliche Hand verpflichtet hat. Selbst dann, wenn die Veranstalter dieser Kultur eben private Unternehmer sind, die mit ihren Kunstprodukten auf eigenes Risiko wirtschaften, so wie die über 200 Privattheater in Deutschland. Die Privattheatertage sind quasi deren Leistungsschau, und sie haben 2022, in ihrer 10. Ausgabe, einmal mehr bewiesen, wie reich, wagemutig und wertvoll das Spektrum dieser Theaterform ist. Auch deswegen ist es beunruhigend, ja frustrierend, dass die Finanzierung der PTT 2023 durch den Bund und die Hansestadt Hamburg noch immer nicht gesichert ist.

PTT-Gründer Axel Schneider (links) und Mit-Initiator Rüdiger Kruse
Festivalgründer Axel Schneider (links) und Mit-Initiator Rüdiger Kruse, der mit dem Sonderpreis der 10. Privattheatertage geehrt wurde. Foto: Detlef Brandenburg

Axel Schneider erinnerte daran, dass das zähe Ringen ums Geld die PTT seit zehn Jahren begleitet habe. Und er würdigte aus Anlass des Jubiläums auch einen Mitstreiter der ersten Tage, den früheren Hamburger CDU-Bundestagsabgeordneten Rüdiger Kruse, der – so zumindest erzählt es die PTT-Saga – vor über zehn die Gründung dieses Festivals mit der Frage an Axel Schneider ausgelöst hatte, ob der denn einen besonderen Wunsch habe. Oh ja, den hatte er! Damit dieser Wunsch eines Festivals für die Privattheater in Erfüllung gehen konnte, haben Schneider und Kruse über Jahre gemeinsam gekämpft, wofür ihn Schneider im 10. Festivaljahr mit einem Monica Bleibtreu Sonderpreis ehrte.

Pointenreich frotzelnd: Moderator Christian Ehring
Pointenreich frotzelnd: Moderator Christian Ehring. Foto: Detlef Brandenburg

Christian Ehring, der Fernsehnation wohlbekannt als frotzelfreudiger Extra 3-Moderator und nun Conférencier der Gala, konnte die sagenhafte Zahl von 138.000 Kilometern gar nicht oft genug erwähnen. Die nämlich hatten die reisenden PTT-Juroren im Vorfeld abgerissen, um die nach Hamburg eingeladenen 12 Produktionen auszusuchen, eingeteilt in die Genres Moderner Klassiker, Zeitgenössisches Drama und Komödie. Damit waren die zwölf zugleich die Bewerber um die drei Monica Bleibtreu Preise, die wiederum von der sogenannten Hamburg Jury vergeben wurden, bestehend aus Renate Bleibtreu (Monicas Schwester, Schauspielerin und Übersetzerin), dem Autor, Dramaturgen und Regisseur Michael Batz, dem Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Lutz Hübner, der Schriftstellerin und Journalistin Ildikó von Kürthy, der Referentin für Privattheater in der Kulturbehörde Elke Westphal, dem Hamburger Kinomann und Veranstalter Felix Grassmann, der Schriftstellerin und Schauspielerin Monique Schwitter, dem Schauspieler und Autor Helmut Zierl und dem Veleger und Übersetzer Nikolaus Hansen.

Szene aus der Sandmann des Wolfgang Borchert Theaters Münster mit Markus Hennes und Rosana Cleve. Foto: Klaus Lefebvre
Szene aus „Der Sandmann“ des Wolfgang Borchert Theaters Münster mit Markus Hennes und Rosana Cleve. Foto: Klaus Lefebvre

Gewinner in der Kategorie Komödie wurde Patrick Süskinds „Der Kontrabass“ vom Hofspielhaus München mit Michael A. Grimm in der Regie von Georg Büttel. Das ist natürlich vom Stück her erstmal keine Überraschung, aber die die Jurorin Monique Schwitter machte in ihrer Laudatio temperamentvoll klar, dass dies wirklich eine ganz besonders gelungene Produktion gewesen sei. Als Zeitgenössisches Drama wurde „Altes Land“ der Theaterei Herrlingen nach dem Roman von Dörte Hansen in der Regie von Edith Erhardt auszeichnet, und auch hier hätte einen ja schon interessiert, was die Jury so beeindruckt hat. Aber leider würdigten die beiden Jurorinnen Ildikó von Kürthy und Elke Westphal statt des Preisträgers vor allem ihre eigene Theaterbegeisterung. Den dritten Jury-Preis bekam die E.T.A.-Hoffmann-Dramatisierung „Der Sandmann“ vom Wolfgang Borchert Theater Münster in der Regie von Luisa Guarro, so listig wie überzeugend belobigt von Renate Bleibtreu, eine schwarzromantische Phantasmagorie, dabei aber wunderbar poetisch in den ganz schlichten Theatermitteln, derer sie sich bediente. Nur dass diese Produktion als Moderner Klassiker firmierte, wunderte dann doch ein wenig.

Entscheidend bereichert wurde diese Preisträgergruppe aber durch den Publikumspreis: „Kitzeleien – Tanz der Wut“ von der Kulturbühne Spagat München in der Regie von Thorsten Krohn, ein Winz-Theater im Kulturzentrum HORIZONT-Haus im sehr divers aufgestellten Münchner Stadtteil Domagkpark. Lucca Züchner nähert sich mit den Mitteln von Tanz und Schauspiel dem Thema Kindesmissbrauch auf eine ebenso behutsame wie kraftvolle Weise.

Das Ensemble der Produktion „Kitzeleien – Tanz der Wut“ in der Regie un Ausstattung von Thorsten Krohn (am Rednerpult) mit Lucca Züchner (ganz links). Züchner (
Konnte den Publikumspreis entgegennehmen: Das Ensemble der Produktion „Kitzeleien – Tanz der Wut“ in der Regie und Ausstattung von Thorsten Krohn (am Rednerpult) mit Lucca Züchner (ganz links). Foto: Detlef Brandenburg

Überreicht wurde der Publikumspreis von einem weiteren prominentem Mitglied der Bleibtreu-Theaterfamilie, Moritz Bleibtreu, Sohn von Monica und Neffe von Renate, der seinen Auftritt zugleich nutzte, um leidenschaftlich für den Fortbestand der Privattheatertage zu plädieren und auch über sein Verhältnis zu seiner toten Mutter sehr persönlich Auskunft zu geben. Im Zusammenspiel von solchen bewegenden Momenten mit Christian Ehrings pointenreicher Moderation und den zwischen Kitsch und Ironie leichtfüßig balancierenden Musikeinlagen von Anett Louisan war diese gut besuchte Gala reich an Eindrücken und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Vor allem aber war sie ein überzeugendes Plädoyer für den Fortbestand dieses unverzichtbaren Festivals.