Wer brüllt denn da?

Matthias Hartmann und sein Führungsstil

Warum machen die das, ausgerechnet am Vorabend einer wichtigen Premiere des Angeprangerten? Das kann, das muss man sich fragen. Warum lancieren die 60 teils prominenten Schauspieler und Bühnentechniker des Wiener Burgtheaters ausgerechnet jetzt einen Offenen Brief, der das Kommunikationsverhalten und besonders den Führungsstil von Matthias Hartmann, ihrem Intendanten bis 2014, scharf und vor allem bitter kritisiert?

Rachegelüste? Politische Fernsteuerung, um die Stimmung gegen den Geschassten jetzt, da sich die juristischen Vorwürfe aufzulösen scheinen, am Kochen zu halten? Oder doch eine verzweifelte, durchaus auch selbstquälerische freie Meinungsäußerung, befördert durch die #Metoo–Welle? Klar ist zumindest, dass die Vorwürfe, so juristisch irrelevant sie auch immer sein mögen, keinesfalls aus der Luft gegriffen sind. Schließlich hat Hartmann selbst, durchaus couragiert, zu den Vorwürfen Stellung bezogen und etliche der ihm unterstellten Geschmack- und Rücksichtslosigkeiten freimütig eingeräumt.

„Ich bin groß, durchsetzungsstark und ungeduldig“, sagt Matthias Hartmann von sich und verweist damit direkt auf das diesem Konflikt zugrunde liegende Problem. Denn #Metoo ist hier, trotz belegter sexistischer Witze und sonstiger Verhaltensweisen des Delinquenten, sicher nicht das Thema. Hier geht es in erster Linie darum, wie ein Chef oder eine Chefin heute mit seinen/ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgeht oder umgehen sollte – und das beileibe nicht nur im Theater.

Bekanntermaßen sind die Löhne hierzulande seit Jahrzehnten, trotz oft hoher Unternehmensgewinne, nur spärlich gestiegen, werden angestellte Arbeitnehmer zunehmend vor allem als Kostenfaktor betrachtet. Ja, der Kontakt zwischen denen „da oben“ und dem Rest scheint nahezu abgerissen, der Graben unüberbrückbar groß geworden. In vielen Konzernen, in denen es vor 20 Jahren noch ein mehr oder weniger herzliches Miteinander, teilweise sogar inklusive Gewinnbeteiligungen der kompletten Belegschaft, gab, geht man heute offen davon aus, dass Mitarbeiter an sich nicht motivierbar sind und man ihre Leistung ausschließlich mit Belohnungsanreizen oder Ausübung von Druck steigern kann. Diese Verschärfung verdankt sich wesentlich der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten 20 Jahre, in der die freie Entfaltung des Individuums und die galoppierende Ökonomisierung den guten alten Solidaritätsgedanken, eine fundamentale Stütze der demokratischen Gesellschaft, extrem an den Rand gedrängt haben. So entsteht da, wo Mensch der Macht direkt ausgesetzt ist, schlicht und ergreifend Hilflosigkeit.

Und Theaterintendanten und -intendantinnen haben viel Macht, zumal ihnen oft das ethische Korrektiv zu fehlen scheint: Zumindest der eine oder andere sieht sich in erster Linie nicht seinem Ensemble, seinem Personal, seinem Haus oder seiner Stadt verpflichtet, sondern sich selbst und – hoffentlich – der Kunst. So gesehen ist dieser Brief der 60 ein Hilfeschrei, der den Finger in eine offene Wunde legt, die man nicht mit Sexismusdebatten oder politisch korrekter Kleinlichkeit zuschminken kann. Man sollte sie auch nicht mit Sottisen über Ponyhöfe oder Verweisen auf das universale Recht, das dem Künstler kraft seines Talents zustehe, kleinreden. Und diese Wunde wird man – leider – wohl auch durch eine Frauenquote nicht heilen können. Denn auch Frauen sind schon mal, wenn auch wohl weniger oft als Männer, durch Macht korrumpierbar. Wir werden schlicht darüber reden müssen, wie wir uns unsere Theater zukünftig vorstellen, ob die Kunst halbwegs demokratische Strukturen, zumindest aber einen humanen Umgang verträgt oder sogar fordert und ob wir ungeduldiges Herumbrüllen nicht doch den Kindern überlassen sollten. Was meinen Sie?