Zwei Freunde im Schlamm (André Kaczmarczyk, vorne, und Christian Erdmann)

Zwei Freunde im Schlamm (André Kaczmarczyk, vorne, und Christian Erdmann)

© Foto: Thomas Rabsch
Schauspielkritik

Theater als Ausgrabung

von Detlev Baur

Raoul Schrott: Gilgamesh

Premiere: 15.09.2016
Düsseldorfer Schauspielhaus
Homepage: www.dhaus.de

Regie: Roger Vontobel

Die Intendanz von Wilfried Schulz am Düsseldorfer Schauspielhaus beginnt im Zelt am Ende des Edelboulevards Königsallee; und zwar mit der Adaption des „ältesten Epos der Menschheit“, also einer Art Romanbearbeitung für Anfänger. Die fragmentarisch überlieferten Geschichten um den teils göttlichen Menschen und König von Uruk, um dieses starke Mannsbild, das nach dem Tod seines innigen Freundes Enkidu an der Endlichkeit des Menschseins verzweifelt, sind ein ziemlich ungeschliffener Theaterstoff. Zumal das Ur-Epos aus Uruk, also aus dem heutigen Irak (ähnlich wie das indische „Mahabarata“) nichts von intellektueller Bewältigung von existenziellen Urfragen in der Differenziertheit griechischer Philosophie oder auch vom tragischen Theater der Polis weiß. Es stellte sich also vor der Premiere durchaus die Frage, ob der ferne „Gilgamesh“ in Raoul Schrotts Übertragung dem Schauspiel der Stadt Düsseldorf neuen Schwung bieten konnte.

Die Regie Roger Vontobels interessiert sich nicht für die beträchtliche Ferne der Textvorlage vom Menschsein im Dorf an der Düssel. Auf der erdigen Bühne von Claudia Rohner wird Enkidu ganz organisch aus dem Schoss dieser Erde geboren, Gilgamesh ist zunächst in jeder Beziehung einfach potent, das Ungeheuer Humbaba wird organisch aus einem Bewegungschor gebildet; vor allem zu Beginn wird die Erzählung im Bericht der führenden Männer, aber auch durch den Chor und die im Hintergrund führenden Frauen – die Göttin und Gilgamesh-Mutter Ninsun (Michaela Steiger) und die Hure Shamhat (Minna Wündrich) – vorangetrieben. Diese "Gilgamesh"-Inszenierung nutzt das Epenfragment als Spielmaterial.

Und dennoch ist dieser zweistündige Abend in sich stimmig und überzeugend. Zunächst einmal wegen der körperlich sehr präsenten und gut choreographierten Darsteller, die zugleich sprachlich die epischen Passagen überzeugend bewältigen. Der Spielstätte gemäß hat nicht nur der Bühnenboden, sondern auch die musikalische Begleitung durch die drei Musiker (Murena Murena) circensische Qualität, eröffnet aber auch eine Art Country-Blues-Atmosphäre. Angeführt von Takao Baba wirbeln zwei Tänzer und sieben Darsteller im Bühnenhalbrund umher, verbinden die Erzählung mit starker körperlicher und rhythmischer Präsenz. Christian Erdmann als Gilgamesh variiert zwischen den schlichten Heldenposen, auch komischen Partien auf der Reise mit Enkidu, so wenn er bei der Suche nach Wasser in der Wüste ein von ihm selbst verlegte Wasserflasche im Bühnenerdloch findet; Ängstlichkeit und Verzweiflung ob des Todes seines engen Freundes Enkidu gewinnen dann die Oberhand.

Dieser erdgeborene Tiermensch ist eigentlich im ersten Teil die Hauptfigur. Von Takao Baba und André Kaczmarczyk sich gegenseitig ergänzend dargestellt, bewegt und gesprochen, erinnert diese gezähmte Kreatur an die Kaspar Hauser-Gestalt. Dabei gelingt es auch André Kaczmarczyk die so simple wie sich rasant entwickelnde Gestalt vielschichtig und dennoch wiedererkennbar zu zeigen. Auf der Heldenreise nach Libanon übernimmt Enkidu die Führung vor dem teils zögerlichen Gilgamesh. Mit dem Sterben Enkidus konzentriert sich das Spiel zunächst als Kammerspiel der beiden Protagonisten. Nach dem Tod Enkidus – der durch eine extra billige Trauermusik der kurz wieder eingezogenen Kapelle untermalt wird – verzweifelt Gilgamesh am begrenzten Erdenleben und sucht nach seinem Freund und der Unsterblichkeit. Am Ende findet er unter der erzählerischen Regie seiner göttlichen Mutter zur Einsicht in die Begrenztheit seiner Kräfte und den Wert jeden Lebenstages. Da öffnen sich die Zeltwände hinter der Bühne zur abendlichen Königsallee hin, der halbnackte Held geht in die Stadt. Dabei ist er vielleicht nicht schlauer, durch seine „Geschichten“ aber erfahrener als zuvor.

Roger Vontobel und sein Team gemeinden „Gilgamesh“ also erfolgreich in anspruchsvolles Unterhaltungstheater ein.  Abgerundet wird dieser gelungene Intendanzstart durch die Öffnung des Abends zur Stadt hin – Gilgameshs Weltreise endet in Düsseldorf. Ein Anfang für ein starkes, geerdetes Schauspielhaus ist gemacht.