Neueinstudierung von Pina Bauschs "Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört"

Neueinstudierung von Pina Bauschs "Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört"

Ensemble-Foto

© Foto: Oliver Look
Tanzkritik

Aufbruch

von Marieluise Jeitschko

Pina Bausch: Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört

Premiere: 25.04.2013
Tanztheater Wuppertal - Pina Bausch
Homepage: http://www.pina-bausch.de

Einstudierung: Bénédicte Billiet, Matthias Burkert, Lutz Förster, Julie Shanahan

Beim Tanztheater Wuppertal Pina Bausch herrscht knapp vier Jahre nach dem unerwarteten Tod der legendären Choreografin Aufbruchstimmung. Die kommissarischen Leiter Robert Sturm und Dominique Mercy geben nach dem triumphalen Erfolg mit zehn Stücken in 30 Tagen bei der Olympiade in London die künstlerische Leitung an Professor Lutz Förster weiter, der ebenfalls nur für begrenzte Zeit agieren wird. Denn 2015 soll “im Sinne Pina Bauschs” eine neue Richtung eingeschlagen werden, sollen neue Stücke in einer neuen Handschrift entstehen. Zunächst werden in der bevorstehenden Jubiläumssaison “40 Jahre Tanztheater Wuppertal Pina Bausch” zwei Frühwerke der Grande Dame des Tanztheaters rekonstruiert (“Wind von West” und “Der zweite Frühling”), und jetzt hatte das Stück von 1984 “Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört” im Opernhaus Wuppertal Premiere.

Wie Bauschs verstörende Choreografie “Frühlingsopfer” (Le Sacre du Printemps) von 1975 ist der Bühnenboden mit einer dicken Schicht aus Torf und Sand bedeckt. Immer wieder breiten sich dichte Nebelschwaden aus. 26 Tänzer stehen auf der Bühne – sechs davon aus der Uraufführungs-Inszenierung. Und das ist das Einzigartige an dieser Truppe: Wie sich die Stücke verändern durch das Altern der Künstler, die sie mit der genialen Prinzipalin kreierten, oder auch durch jüngere, die vorsichtig integriert werden – das gibt ihnen eine immer wieder andere Qualität und neue Tiefe. Eine der ergreifendsten Szenen ist ein Duo von Dominique Mercy und Lutz Förster, die – zwei alte Herren – sich gegenseitig stützen, ein rührendes Tänzchen wagen. Wirkte das bei der Uraufführung eher tragikomisch, so überwiegt jetzt tragische Wehmut.

Der Titel des Stücks geht auf eine Prophezeiung im Alten Testament zurück (zitiert im Matthäus-Evangelium: “Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört…”): Herodes befiehlt den Mord an allen Knaben bis zum Alter von zwei Jahren nach Jesu Geburt. Wie auf der Flucht huschen die Tänzer anfangs an den Wänden der Bühne und des Zuschauerraums entlang. Auf die Bühne schlendert gleichzeitig ein Mann in knapper roter Badehose mit roter Badekappe und Sonnenbrille, mit rosa Gummihandschuhen und schwarzen Badelatschen (Michael Strecker). Aus der Hose zieht er einen Luftballon nach dem anderen, bläst ihn auf, bis er zerplatzt. Der Nächste bitte… Widerlich wirkt dieses Vernichtungsritual. Später wird der Mann im dunklen Anzug – geschniegelt, rauchend, mit feistem Grinsen – auftreten, das Gesicht entstellt durch ein dickes Gummiband, das seine Nase und die Ohren zusammendrückt.

Wie Teile eines Puzzles reihen sich die kurzen Szenen aneinander – auch fröhliche kleine Mädchen kichern, singen und spielen Versteck zwischen achtlos hingeworfenen, ungeschmückten Weihnachtsbäumen. Im neuen Programmheft sind viele der Tänzer als Kinder zu Weihnachten abgebildet. Aus dem Lautsprecher tönen von alten, knisternden Schellackplatten die Stimmen von Enrico Caruso und Edith Piaf, Erroll Garner-Jazz und Irische Dudelsackweisen. Lucienne Boyer singt mit verführerischer Stimme “Parlez-moi d’amour”. Dazwischen Mendelssohn-Bartholdys “Kriegsmarsch der Priester” (brutale Geschlechterkämpfe, erzwungene Liebesakte) und Heinrich Schütz’ Motette “Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört” in der Bläserfassung. Gegen Ende des zweieinhalb-stündigen Abends spielt das Wuppertaler Senioren-Blasorchester in ganz ähnlicher Besetzung Unterhaltsames mitten auf der Bühne. Neben dem Dirigenten steht Julie Anne Stanzak mit todtraurigem Gesicht – wie die alt-testamentarische Rahel, die “ihre Kinder beweinte und sich nicht trösten lassen wollte, denn es war aus mit ihnen”.

Knapp vor der Pause steht Ditta Miranda Jasjfi im grauen Kleid mit zusammengekniffenen Lippen und geschlossenen Augen, die Arme eng an den Körper gepresst an der Rampe. Franko Schmidt färbt ihre Haare mit einem Stück Kreide grau. Auch nach der Pause steht die Frau wie angewurzelt da. Vorher hatte die Indonesierin im selben Kleid zu einem ihrer unglaublich schönen Schmetterlingstänze angesetzt, ebenso wie Rainer Behr zu einem seiner schwindelerregend wirbelnden Solos – beide im Keim erstickt, als unpassend weggefegt. Auch die berühmte Bausch-Diagonale wird mit einer malerisch versonnenen Polonaise aller im Gänsemarsch durch die Nebelschwaden angedeutet. Aber insgesamt gehört dieses Stück – entstanden vier Jahre nach Rolf Borziks Tod – zur mittleren Bausch-Zeit, als eher wenig wirklich getanzt wurde.